Kardinal Marx über die Öffnung Vietnams für freiheitliche Werte

"Es scheint voranzugehen"

Aktualisiert am 17.01.2016  –  Lesedauer: 
Vietnam

Hanoi ‐ Kardinal Reinhard Marx hat Vietnam besucht, um sich ein Bild von der Lage der Kirche und der Menschenrechte zu machen. Zum Abschluss seiner Reise spricht er über den politischen Kurs Vietnams und die Einschränkungen der Religionsfreiheit.

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Frage: Kardinal Marx, können wir frei sprechen?

Marx: Natürlich, ich glaube nicht, dass es hier Wanzen gibt. Warum auch? Mit den staatlichen Vertretern gab es ja auch ein offenes Gespräch. Etwa als der Präsident der Vaterländischen Front sagte: Wir begrüßen die Weiterentwicklung der Kirche, da habe ich geantwortet: Das widerspricht aber doch der marxistischen Lehre, Herr Präsident. Denn wo eine Gesellschaft im Sozialismus voranschreitet, da stirbt nach dessen Lehre die Religion ab.

Frage: Und - haben Sie ihn vom Gegenteil überzeugt?

Marx: Mein Eindruck ist: Unsere Gesprächspartner haben nicht begeistert ihre Ideologie vertreten, sondern gesagt: Wir wollen, dass es unseren Leuten materiell besser geht. Dafür wollen sie eine sozialistische Marktwirtschaft entwickeln - was immer das sein mag. Und wenn die Kirche dabei etwas für die Armen tut, haben sie nichts dagegen, im Gegenteil. Der Präsident der Vaterländischen Front war stolz darauf, 25 katholische Kindergärten des Landes ausgezeichnet zu haben. Wie sich das fortsetzt, muss man sehen. Ich habe den Bischöfen hier gesagt: Ihr müsst euch vorbereiten - im Blick auf Schulen, Universitäten, Bildungsarbeit.

Bild: ©Deutsche Bischofskonferenz/Kopp

Die Basilika von So Kien südlich von Hanoi ist mit Bannern auf das Heilige Jahr der Barmherzigkeit eingestellt.

Frage: Ist das mit der Einschränkung der Religionsfreiheit dann also gar nicht so schlimm?

Marx: Die Bischöfe, mit denen wir gesprochen haben, auch Priester und Laien sagen: Schritt für Schritt kann man einen Weg nach vorn gehen. Die Kirche wächst; Vietnams Bevölkerung ist jung und die Kirche ebenfalls. Gegenüber staatlichen Gremien - etwa der parlamentarischen Kommission für Religionsfragen und dem zuständigen Komitee des Innenministeriums - haben wir offen die Punkte angesprochen, die weiterhin belastend sind. Dabei konnten wir als deutsche Vertreter unterstreichen: Man sollte die Religionsgesetzgebung weiterentwickeln, Einschränkungen bei der Registrierung von Glaubensgemeinschaften aufheben und den Kirchen ebenso wie anderen Religionen ermöglichen, gesellschaftlich zu wirken - etwa im Bereich der Caritas, der Bildung, des Gesundheitswesens.

Frage: Wie gut sind - auch angesichts des bevorstehenden kommunistischen Parteitags - die Chancen, dass es tatsächlich eine positive Entwicklung gibt?

Marx: Für uns war interessant, dass auch innerhalb der Kommunistischen Partei und bei den Kadern unterschiedliche Positionen vertreten sind. Das kenne ich aus der früheren DDR nicht so. Hier wurde ganz offen ausgesprochen, dass es etwa auch in der Diskussion um das Religionsgesetz unterschiedliche Akzente gibt. Deswegen war es nicht schlecht, dass wir vor dem Parteitag hier waren. Auch Kirchenvertreter bestätigen: In den letzten zehn, fünfzehn Jahren hat sich viel verbessert.

Natürlich gibt es noch nicht die Religionsfreiheit, wie wir sie uns wünschen, aber die Bewegungsfreiheit der Kirche ist stetig besser geworden - und ich habe nicht den Eindruck, dass die Partei einen Roll-Back will, sondern eher mehr Freiheiten einräumen möchte. Aber bei einer kommunistischen Partei weiß man nie genau, wann und wie was passieren kann. Wir haben auch manche gehört, die nicht an die Möglichkeit von Veränderungen glauben.

Bild: ©Deutsche Bischofskonferenz/Kopp

Kardinal Reinhard Marx auf einem Gruppenbild mit Bischof Cosma Hoang Van Dat und dem Kirchenchor der Gemeinde.

Frage: Jetzt planen Vietnam und die EU ein Freihandelsabkommen. Da geht es um eine Öffnung für den Westen und seine Freiheiten, aber auch um die Befürchtung, dass Arbeiterrechte ausgehöhlt werden. Wie kann man mit dieser Spannung umgehen?

Marx: Um den Präsidenten der marxistischen Vaterländischen Front zu zitieren: Man lebt in Widersprüchen. Immerhin sind Freihandelsabkommen und auch die Welthandelsorganisation WTO, der Vietnam ja beigetreten ist, ja ein Instrument, um vertragliche Vereinbarungen anzumahnen. Ich glaube nicht, dass von heute auf morgen alle wünschenswerten Standards erreicht werden. Aber es ist ein Weg beschritten: Es könnten sich dann doch vielleicht freie Gewerkschaften bilden; auch ein Großteil der ILO-Kernarbeitsnormen sind akzeptiert - wie weit sie realisiert werden, ist eine andere Frage. Aber man lässt sich auf einen Weg ein, der auch von den Vereinten Nationen oder der Agenda 2030 vorgegeben ist, und das gibt Hoffnung.

Ich glaube nicht, dass Vietnam offiziell und lautstark aus diesem Prozess ausscheidet, auch wenn es wohl noch Jahre dauert, bis so etwas wie eine freie Gewerkschaftsbewegung oder eine Mitbestimmung in den Betrieben erreicht ist oder eine freiere Zivilgesellschaft entsteht. Aber: Es scheint voranzugehen, eine Meinung, die auch Dissidenten teilen, mit denen wir gesprochen haben.

Frage: Der Vatikan bemüht sich um eine Annäherung an Vietnam nach langer diplomatischer Eiszeit - welche Rolle spielen Sie dabei als Mitglied des Kardinalsrats?

Marx: Ich bin nicht der Vertreter des Papstes in den Außenbeziehungen. Dafür gibt es den Kardinalstaatssekretär, der demnächst auch kommen wird. Unsere politischen Gesprächspartner haben jedenfalls unterstrichen, wie sehr sie den Papst schätzen und wie sehr sie an einem guten Verhältnis interessiert sind. Da wurde genau aufgezählt, wer schon im Vatikan war und Franziskus die Hand gegeben hat. Auch der Empfang für mich ist ein Zeichen, wie hoch sie den Kontakt zur katholischen Kirche einschätzen. Sie vertrauen darauf, dass ich dem Papst positiv berichte - aber was ich berichte, sage ich natürlich dem Papst und nicht den Kommunisten.

"Weit entfernt" von der Repression früherer Jahrzehnte

Kardinal Reinhard Marx hat eine positive Bilanz seiner neuntägigen Vietnam-Reise gezogen. Die Lage der Kirche in dem kommunistischen Land sei "weit entfernt" von der Repression früherer Jahrzehnte, heißt es in einer Erklärung der Bischofskonferenz. Aus der unterdrückten sei "eine starke Kirche hervorgegangen". Nicht nur bei Bischöfen und Priestern, sondern auch bei einfachen Gläubigen habe er "große innere Stärke und Angstfreiheit gespürt". Dies sei "ein Fundament für die gute Zukunft dieser Kirche", so der Kardinal. Im Rahmen der Visite traf Marx auch mit politischen Dissidenten in Hanoi und mit katholischen Intellektuellen in Ho-Chi-Minh-Stadt zusammen. Die letzte Begegnung galt dem Kloster Thum Thiem in Hanoi mit 300 Ordensschwestern, die sich gegen einen behördlich verfügten Abriss wehren. Marx bekundete den Frauen den Rückhalt der deutschen Bischöfe. (luk/KNA)
Von Burkhard Jürgens (KNA)