Ein Mann hält auf einer Straße eine iranische Flagge hoch
Lage für Minderheiten im Iran bleibt weiter kritisch

Auf dem Pulverfass

Die Aufhebung der westlichen Sanktionen gegen den Iran am Wochenende war ein historischer Schritt. Ob mit der wirtschaftlichen Öffnung auch eine Verbesserung der Situation von Minderheiten im Land einhergeht, ist allerdings fraglich.

Von Gabriele Höfling |  Bonn - 21.01.2016

Doch in die Freude über die gelösten, lächelnden Gesichter auf beiden Seiten mischt sich Skepsis. Dass mit der nun bevorstehenden wirtschaftlichen Öffnung auch ein gesellschaftlicher Wandel und eine Verbesserung der Lage für Minderheiten wie die Christen einhergehen könnte, ist nach Einschätzung von Experten jedenfalls unwahrscheinlich.

Jugend ohne Perspektive

"Das Regime wird alles tun, zu verhindern, dass es soweit kommt", sagt Matthias Vogt, Nahost-Referent des Hilfswerks missio. Aus seiner Sicht ist die Entscheidung der iranischen Staatsspitze, sich auf das Atomabkommen mit dem Westen einzulassen, ein rationales Kalkül. "Im Moment ist die Aufhebung der Sanktionen schlicht wichtiger als die Fortsetzung des Atomwaffenprogramms", analysiert der Islamwissenschaftler. Denn das Regime saß auf einem Pulverfass: Die anhaltende Perspektivlosigkeit der Jugend angesichts der am Boden liegenden Wirtschaft drohte zu einem unberechenbaren Faktor zu werden – zumal in einem Staat mit einem sehr niedrigen Altersdurchschnitt. Nach Angaben des Statistischen Bundeamts waren dort im Jahr 2014 nur fünf Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre.

Das Regime zog die Notbremse: "Es musste der Jugend eine wirtschaftliche Perspektive bieten und braucht zudem dringend den technischen Austausch", ist sich Vogt sicher. Berthold Pelster vom Hilfswerk "Kirche in Not" sieht eine Parallele zu China: "Auch dort hat sich der Staat wirtschaftlich geöffnet, im politischen Bereich aber an seiner Ideologie festgehalten", erklärt er. "Beim Iran geht es eben nur nicht um eine kommunistische, sondern eine religiöse Ideologie".

Der Iran ist ein totalitärer Staat, ein Überwachungsstaat, ein Polizeistaat, der versucht, die Bevölkerung von allem jenseits der schiitischen islamischen Kultur abzuschirmen.

Zitat: Berthold Pelster, Kirche in Not

Doch ganz ohne Nebenwirkungen wird die Öffnung nicht von statten gehen. Wenn das Land durch die weggefallenen Sanktionen künftig wieder zu einem stärkeren wirtschaftlichen Faktor in der Region wird, geht das mit dem Aufbau von vielfältigen neuen Handelsbeziehungen einher– und die müssen von Menschen gestaltet werden. "Es kommen dann unweigerlich wieder mehr Iraner in Kontakt mit westlichen Werten. Und das könnte nach und nach zumindest auf dieser persönlichen, gesellschaftlichen Ebene zu Veränderungen führen", so lautet die vorsichtige Prognose vom missio-Referent Vogt.

Bisher achtete das Regime penibel darauf, Kontakt mit dem westlichen Ausland zu unterbinden. "Der Iran ist ein totalitärer Staat, ein Überwachungsstaat, ein Polizeistaat, der versucht, die Bevölkerung von allem jenseits der schiitischen islamischen Kultur abzuschirmen", fasst Berthold Pelster zusammen. Im Iran gelten strenge Moralvorstellungen, auf den Abfall vom Islam steht die Todesstrafe. 99 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, davon 90 Prozent Schiiten und neun Prozent Sunniten.

Rund 100.000 Christen

Nahezu alle Bereiche des Lebens werden streng überwacht: Westliche Internetseiten, Fernsehen und Musik sind verboten, auch auf die kulturelle Szene wie Kino und Theater nimmt der Staat Einfluss. "Während Präsident Ruhani nach außen ein liberaleres Gesicht zeigt, agiert er nach innen mit besonderer Härte", ist der Eindruck von Matthias Vogt, der das Land 2014 und 2015 besucht hat. Dissidenten seien in Haft, die iranischen Medien besonders scharf kontrolliert und Moralpolizisten verstärkt  unterwegs, um etwa die strengen Bekleidungsregeln für Frauen in der Öffentlichkeit zu überwachen.

Auch wenn die Muslime die überwältigende Mehrheit bilden: Auch Christen leben im Iran. Offiziell sind es rund 100.000, tatsächlich liegt die Zahl nach Einschätzung der Experten jedoch deutlich höher, bei rund 200.000 bis 300.000. Unter ihnen sind evangelische, armenisch-apostolische, assyrisch-chaldäische und auch rund 5.000 bis 15.000 römisch-katholische Christen. Sie dürfen ihren Glauben leben, allerdings in engen Beschränkungen.

Iranischer Präsident Hassan Ruhani
Bild: © dpa

Der iranische Präsident Hassan Ruhani.

So ist es zwar erlaubt, Gottesdienste zu feiern - aber nur in der Sprache der jeweiligen ethnischen Minderheit und nicht auf persisch. So soll verhindert werden, dass die Christen versteckt Werbung für den eigenen Glauben machen. Denn jegliche Form von Mission ist strengstens untersagt. Muslimen ist es noch nicht einmal erlaubt, ein christliches Gotteshaus zu betreten. Und natürlich ist es auch den christlichen Gemeinden und ihren Priestern streng verboten, Kritik am iranischen Regime zu äußern.

Benachteiligungen für Christen

Die Zukunft der christlichen Gemeinden im Iran sieht Matthias Vogt daher trotz der historischen Annäherung zum Westen eher düster: "Man muss fast schon sagen, es herrscht Hoffnungslosigkeit. Denn auch unter den Christen wollen viele junge Leute einfach nur auswandern", erklärt er. Zwar würden auch sie davon profitieren, wenn sich das Land wirtschaftlich stabilisiere. Doch zu der derzeit noch herrschenden Perspektivlosigkeit komme für die Christen eine Diskriminierung aufgrund ihres Glaubens hinzu. Ein beruflicher Aufstieg sei ihnen weitestgehend verwehrt, berichtet Berthold Pelster.

Als Beispiel nennt er das Militär. Dort könnten Christen zwar Aufgaben in minderen Rängen übernehmen. "Aber eine einflussreichere Position wie etwas ein Offiziersposten, in dem sie Vorgesetzte für Muslime sein könnten, ist undenkbar". Dass sich daran kurzfristig etwas ändern könnte, glauben weder er noch sein Kollege Vogt. Wenn, dann könne es nur um einen langsamen Bewusstseinswandel gehen: "Und da sprechen wir von Jahrzehnten", meint Pelster.

Papst empfängt iranischen Präsidenten

Der iranische Präsident Hassan Ruhani besucht Dienstag kommender Woche Papst Franziskus im Vatikan. Es ist die erste Europareise des Staatsoberhaupts seit Aufhebung der wegen des Atomstreits verhängten Sanktionen gegen den Iran.

Von Gabriele Höfling