Patriarch Kyrill I. ist ein Gefolgsmann mit eigenen Zielen

Putinfreund mit eigenem Kopf

Aktualisiert am 12.02.2016  –  Lesedauer: 
Festlicher Ostergottesdienst mit dem russisch-orthodoxen Patriarch Kyrill I. in der Christ-Erlöser-Kathedrale am 11. April 2015 in Moskau.
Bild: © KNA
Orthodoxie

Bonn/Moskau ‐ Er gilt als ein Gefolgsmann des russischen Präsidenten, verfolgt aber auch klar seine eigenen Ziele: Der Moskauer Patriarch Kyrill I. Doch nicht nur Wladimir Putin darf auf seine Unterstützung bauen, sondern auch Papst Franziskus.

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Wegen der international angespannten Lage im Zuge der Ukraine-Krise hatte das russisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt im April 2014 einen geplanten Lettland-Besuch auf Bitten der Regierung in Riga auf unbestimmte Zeit verschoben und bis heute nicht nachgeholt. Auch die ukrainische Regierung will ihn lieber nicht ins Land lassen. Seit mehr als zwei Jahren verzichtet der Patriarch notgedrungen auf seine zuvor übliche Reise jeden Juli zu einem hohen Kirchenfest in der Ukraine.

Verbreitet ist das Klischee, Kyrill I. sei ein getreuer Gefolgsmann von Kremlchef Wladimir Putin. Die Wahrheit ist differenzierter. Bei aller Nähe zum mächtigsten Mann des Riesenreiches folgt der Patriarch dem Staatspräsidenten nicht immer. Als der Kreml die Kirche drängte, Südossetien und Abchasien unter ihre Jurisdiktion zu nehmen, erteilte Kyrill I. dem eine klare Absage und bekundete seine tiefe Freundschaft zu den Georgiern. Auch die im März 2014 von Russland annektierte ukrainische Schwarzmeerhalbinsel Krim beließ der Patriarch bis heute unter ukrainischer Kirchenverwaltung. Allerdings hat er die Einverleibung der Krim durch Russland nie kritisiert.

Kyrill verzeichnet politische Erfolge

Der gute Draht zu Putin hat sich für den im Januar 2009 zum Kirchenoberhaupt gewählten Kyrill I. bereits ausgezahlt. Seine größten politischen Erfolge sind bislang, dass an allen russischen Schulen seit 2012 wieder orthodoxe Religion unterrichtet wird und die Kirche fast alle zu Sowjetzeiten verstaatlichten Gotteshäuser zurückerhalten hat.

Russlands Präsident Wladimir Putin
Bild: ©dpa/Druzhinin Alexei

Russlands Präsident Wladimir Putin ist orthodoxer Christ und zeigt Nähe zum orthodoxen Moskauer Patriarchat.

Der Patriarch revanchierte sich auf seine Weise: Er lobte den Staatschef mehrfach über den grünen Klee. Durch seine "jahrzehntelange Selbstaufopferung" und "fruchtbringende Arbeit" als Staatspräsident sei Putin bereits "Teil der vaterländischen Geschichte", schrieb er etwa zum Geburtstag im Oktober 2014 an ihn. Die russischen Luftangriffe auf Gegner des syrischen Assad-Regimes rechtfertigte er im vorigen Herbst als "heiligen" Kampf zur Erringung von Frieden in dem Bürgerkriegsland. Stets meidet das Kirchenoberhaupt jede öffentliche Distanzierung vom Kremlchef - obwohl dieser bislang seine Forderung nach einem Ende der Kostenerstattung für Abtreibungen durch Krankenkassen ignoriert.

Dass er einmal ein Kirchenmann werden sollte, war Kyrill I. quasi in die Wiege gelegt, als er am 20. November 1946 in Sankt Petersburg geboren wurde. Schon sein Großvater und sein Vater waren orthodoxe Popen - und ließen sich trotz brutaler Verfolgung durch die kommunistischen Machthaber nicht von ihrem christlichen Glauben abbringen. Voller Bewunderung erzählt Kyrill I., dass sein Großvater Wassilij Gundjajew (1879-1969) in den 1920er-bis 40er-Jahren gegen die Schließung von Kirchen und für das orthodoxe Christentum gekämpft habe. Selbst mehr als 20 Jahre Haft hätten seinen Großvater nicht gebrochen, sondern vielmehr darin bestärkt, seinem Enkel zu raten: "Fürchte dich vor keinem - außer vor Gott."

Linktipp: "Ein ganz großartiges Ereignis"

Das anstehende Treffen zwischen Franziskus und Kyrill ist eine Sensation. Für den Chef-Ökumeniker des Vatikan, Kardinal Kurt Koch, ist damit ein Durchbruch in der Ökumene gelungen. Und dieser dürfte sich auch auf das anstehende orthodoxe Konzil auswirken.

Bereits als der heutige Patriarch drei oder vier Jahre alt war, wollte er nach eigener Aussage zu Hause Gottesdienste zelebrieren. Dazu habe er ein extra für ihn genähtes Priestergewand angezogen. "Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, konnte ich ohne einen einzigen Fehler Andachten und Totenmessen halten", erzählte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche einmal. Als eine seiner wichtigsten Aufgaben betrachtet der Patriarch die weitere Stärkung der Kirchenstrukturen in Russland. Er gründete Dutzende neue Diözesen. In Moskau wurde mit dem Bau von 200 neuen Kirchen begonnen. Die Zahl der russisch-othodoxen Priester stieg unter Kyrill I. laut Kirchenangaben um etwa 8.000 auf mehr als 35.000.

Betonte Einigkeit mit dem Papst

So sehr wie Kyrill I. hat noch nie ein russisch-orthodoxer Patriarch seine Verbundenheit mit dem Papst bekundet. Er sei sich mit Franziskus bei moralischen Fragen und dem Schutz der Christen vor Verfolgung einig, betonte er mehrfach. Kyrill I. setzt auf eine Allianz mit der katholischen Kirche zur Verteidigung christlicher Werte. Freilich gibt es noch theologische Unterschiede. Kyrill I. lehnt etwa die Todesstrafe - anders als der Papst - nicht uneingeschränkt ab.

Von Oliver Hinz (KNA)