Abtpräses Jeremias Schröder über Flüchtlinge und Außengrenzen

Brückenköpfe an der Ägäis

Aktualisiert am 10.03.2016  –  Lesedauer: 
Standpunkt

Bonn ‐ Abtpräses Jeremias Schröder über Flüchtlinge und Außengrenzen

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Jetzt sind die Außengrenzen der EU erstmal wieder dicht, und bei uns in Mitteleuropa werden die Flüchtlingsströme wohl drastisch zurückgehen. Die Staaten sind wieder Herren des Geschehens geworden. Das ist gut so, denn nur Staaten die zu hoheitlichem Handeln in der Lage sind, verdienen das Vertrauen ihrer Bürger. Wenn die Kanzlerin etwas falsch gemacht hat, dann durch die Zulassung des Chaos, nicht durch die großzügige Aufnahme von Flüchtlingen.

An der Türkei führt nun kein Weg vorbei. Es ist die Konjunktur der Stunde, dass alle Trümpfe zurzeit in der türkischen Hand stecken. Und wer die Trümpfe in der Hand hat, pflegt zu stechen; auf dem freien Markt regulieren Angebot und Nachfrage den Preis, und das kommt der Türkei als einzigem Anbieter zugute. Man sollte das eher sportlich sehen und muss nicht gleich von Erpressbarkeit sprechen. Allerdings: die schlechte Verhandlungsposition hat sich Europa selbst zuzuschreiben, durch jahrzehntelange Vernachlässigung einer engagierten Türkeipolitik.

Die Flüchtlinge stranden jetzt in Lagern in Griechenland und der Türkei. Das ist weiter weg, als Freilassing oder der Münchner Hauptbahnhof. Nun kommt die Stunde der Wahrheit für unser humanitäres Ethos. Bisher mussten wir nur auf den Ansturm reagieren. Das war im Land der Ingenieure zu bewältigen. Jetzt müssen wir aktiv einen Weg finden, um Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien eine Zuflucht in Europa anzubieten. Es wird wieder viel auf Deutschland ankommen. Die Kirchen und Klöster im Land sind jedenfalls bereit, weiterhin Obdach zu geben und geflohenen Menschen beim Wiederaufstellen ihres Lebens zu helfen.

Ich hoffe, dass sehr bald die ersten EU- oder Bundesämter in den Lagern am Rand der Ägäis errichtet werden, um ein Willkommen auszusprechen, Papiere und Geschichten zu sichten und den Weg nach Europa für die zu öffnen, die zu Recht hier Zuflucht suchen.

Und ich hoffe, dass die katholische Kirche, die – so sagt der Papst - ein Feldlazarett ist, ebenfalls sehr bald in diesen Lagern präsent ist. Es gilt Verletzungen zu heilen, Not zu lindern, Trost zu spenden. Ich bin gespannt, wer zuerst ankommt, der Staat oder die Kirche.

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.
Von Jeremias Schröder OSB