Zu Besuch bei Missionar und Kirchenbauer Sebastian Obermaier

Ein Bayer in Bolivien

Aktualisiert am 20.03.2016  –  Lesedauer: 
Bolivien

El Alto ‐ "Hola Padre": Fast jeder kennt in der bolivianischen Großstadt El Alto Sebastian Obermaier. Der Bayer ist seit 50 Jahren in der Mission tätig und hat hier 70 Kirchen gebaut, die sich an Vorbilder aus der bayerischen Heimat anlehnen. Ein Besuch.

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Vor knapp 50 Jahren ist Obermaier von München nach Südamerika in die Mission gegangen. Erst ging es 1966 per zweiwöchiger Schiffsfahrt von Italien aus nach Venezuela, da war er für die deutsche Gemeinschaft zuständig. Aber der Bayer wollte anpacken, helfen. So nahm er das Angebot an, nach Bolivien zu gehen. Seit 38 Jahren ist er bereits in El Alto. Und hier ein kleiner Star.

Als der Priester hier ankam, gab es in der über La Paz, auf 4.100 Meter gelegenen Stadt knapp 80 000 Einwohner. Dann zogen immer mehr indigene, mittellose Bürger her - hier oben wohnen mehrheitlich die armen, einkommensschwachen Menschen. El Alto ist heute größer als La Paz, knapp 900.000 Menschen leben in El Alto. Obermaier plante vieles mit. Hier befindet sich auch der internationale Flughafen.

70 Kirchen gehen auf sein Konto

Im Landeanflug reibt sich so mancher die Augen: Man sieht sehr viele Kirchen. Kirchen mit Zwiebeltürmen. Oder Zwillingstürme, die an die Frauenkirche in München erinnern. Ob des raschen Zustroms wurde der auch heute mit 81 Jahren nur so vor Energie sprühende Padre zum großen Kirchenbaumeister. Im Essensraum seiner Pfarrei stapeln sich in einer Ecke seine ganzen Bauzeichnungen. 70 Kirchen gingen auf sein Konto in El Alto, sagt er. 70! "Und ich habe 34 Schulen gegründet."

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Während seines Heimaturlaubs in Oberbayern besuchte der jüngst 80 Jahre alt gewordene Missionspriester Sebastian Obermaier Reinhard Marx, der sich eine ganze Stunde Zeit für ihn nahm. Der Münchner Kardinal wollte sich bei dem Missionar über seine Arbeit als Indio-Seelsorger in Bolivien informieren. Der "Padre", wie ihn auch hier viele nennen, lebt seit 48 Jahren in Südamerika.

60.000 Mitglieder hat seine Gemeinde Cuerpo de Cristo. Die Kirchen plante er aber nicht nur für seine Pfarrei, sondern die meisten im Auftrag der inzwischen 21 anderen Pfarreien. Hinzu kommen ein Altenheim, sechs Kitas und ein Kinderhaus für Opfer häuslicher Gewalt. Der gebürtige Rosenheimer ließ vor allem in Deutschland Spenden sammeln, zum Beispiel über die "Stiftung Bolivienhilfe". "Anfangs kostete eine Kirche mittlerer Größe 60.000 Dollar, heute sind es 100.000 Dollar." Es ist ein sehr beachtliches Lebenswerk. Für ihn steht fest: "Ich werde hier sterben." Seine größte Sorge: dass alles so engagiert fortgeführt wird, er will es in die Hände seines bolivianischen Gemeindeverwalters legen. Mit wem man auch spricht, Obermaier wird von den meisten Menschen hier sehr geschätzt. "Er hilft den Armen und Alten. Und er hat immer ein Herz für die Kinder", meint Daria Pacajes, die vor Obermaiers Kirche Bananen verkauft.

Aber nach Schätzungen gehen in El Alto nur zwei bis drei Prozent regelmäßig in die Kirche. Um mehr Bürger zu erreichen, ist sein neuestes Projekt ein katholischer TV-Kanal, der bisher nur in El Alto zu sehen ist, bald aber landesweit. "Das kostet 13.000 Dollar an Satellitenkosten im Monat." Zwölf Gottesdienste halten er, ein weiterer Priester und ein Diakon an einem Sonntag. Einige werden im TV übertragen. "Im Schnitt kommen 100 Besucher, macht 1.200 an einem Sonntag", rechnet Obermaier vor. "Mit dem Fernsehkanal erreichen wir aber bis zu 200.000 Leute."

Facebook als Verkündigungskraft

Die Sekten hier hätten drei Kanäle, da müsse er gegen angehen. Daher hat er auch Facebook entdeckt. Mit unverkennbarem bayerischen Akzent erklärt er: "Wenn ich da plötzlich 5.000 Freunde hab, merk ich, dass Facebook eine Kraft ist, eine Verkündigungskraft, weil die Leute so sind, das gefällt ihnen." Die vielen evangelikalen Sekten mit ihren Heilsversprechen seien eine "Watschn" für die katholische Kirche. Es ist ein harter Kampf hier oben, vor allem mit den Sekten im Norden El Altos, Evangelikale wollten schon einmal Kirchen von Obermaier zerstören, "sie sind nutzlos", argumentierten sie. Er räumt ein, dass einige der von ihm geplanten Gotteshäuser heute leer stehen. "Weil die Priester sich da dann keine Mühe gegeben haben." Er hofft, dass engagiertere Pfarrer die Kirchen wieder füllen.

Wenn er hingegen sein Pfarrhaus verlässt, gibt es ein großes Hallo. Zwei Frauen, denen er im Vorbeigehen den Segen erteilt, sagt er mit leichter Strenge: "Ihr wisst ja, heute ist um 18 Uhr Messe, da seid Ihr ja sicher dabei." Er geht weiter zum Markt, tätschelt ein Baby im Kinderwagen, hebt es heraus. "Ist er schon getauft", fragt Sebastian Obermaier. "Nein, im Oktober, wenn er ein Jahr alt wird", antwortet die Mutter. "Er heißt übrigens auch Sebastian, wir haben ihn nach Ihnen benannt, Padre." Da ist er spürbar gerührt. Er sei hier "einfach happy", sagt Obermaier.

Ein Missionar mit Leib und Seele. Er gilt als konservativ und verbreitet überall seine Botschaften. An einer Wand neben der Kirche Cuerpo de Cristo wird daran erinnert, dass Trinken eine schwere Sünde sei, ebenso Abtreibung und das Fehlen in der Messe. Seine Appelle lässt er auch vom Lautsprecher der Kirche unters Volk bringen.

"Das Bayerische bleibe da immer"

Vermisst er denn gar nicht die Heimat? Er klopft auf sein Herz. Das Bayerische bleibe da immer. Dann fängt er spontan an zu jodeln. Und früher hat er in Boliviens Anden dem Bergsteigen gefrönt, die ganzen Sechstausender in der Umgebung bezwungen. "Ich bin ein Bayer. Und der Bayer geht in die Berge", meint der gebürtige Rosenheimer. Keine Sehnsucht nach Schweinsbraten? "Ich mag die Aymara-Küche", sagt er. Und lässt gebratens Lama-Fleisch servieren. Er hat schnell die indigene Sprache gelernt. "Aber wenn sie heute eine Messe auf Aymara halten, ist die Kirche schnell leer." Auch wenn Staatspräsident Evo Morales gerne die Aymara-Riten wiederbeleben will, sei die Sprache gerade unter jungen Leuten wenig populär, das Spanische dominiert.

Der Bayer ist ein Mann der Basis und kämpft um all seine Schäfchen, solange er noch kann. Ob denn Papst Franziskus bei seinem Besuch im Juli diesen unermüdlichen Einsatz gewürdigt habe? "Nein, ich bin ein kleiner vergessener Mann in El Alto", meint er etwas kokettierend.

Von Georg Ismar (dpa)