Schachfigur
Martin Rothweiler über das Papstschreiben "Amoris laetitia"

Warnung vor überheblicher Belehrung

Martin Rothweiler über das Papst-Schreiben "Amoris laetitia"

Von Martin Rothweiler |  Bonn - 13.04.2016

Die Diskussion über das mit Spannung erwartete Nachsynodale Apostolische Schreiben von Papst Franziskus "Amoris laetitia" über die Liebe in der Familie ist eröffnet. Die Kommentare reichten bislang vom "Albtraum für die Konservativen" bis zur Enttäuschung für die Progressiven, da das Dokument an der Lehre nicht wirklich etwas verändere und auch dieser Papst nicht den Mut gehabt habe, die Unauflöslichkeit der Ehe ad acta zu legen, gleichsam als nicht lebbares Ideal.

Die "Gradualität in der Seelsorge" und die "Unterscheidung der Geister" sind Schlüsselbegriffe dieses Dokuments, um deren Interpretation es vor allem in der weiteren Diskussion gehen wird. Papst Franziskus verweist zu deren Erläuterung immer wieder auf das Apostolische Schreiben seines Vorgängers Johannes Pauls II., "Familiaris consortio". Werden diese Begriffe in "Amoris laetitia" nun neu und anders interpretiert oder "nur" besonders betont und breit entfaltet?

Mir scheint, es geht - wie nicht selten bei öffentlichen Debatten von ethischer Relevanz - letztlich um die Frage, ob es überhaupt Handlungen gibt, die in sich objektiv schlecht sind, wie etwa Morden, Ehebrechen, Stehlen und was die 10 Gebote noch so anführen. Dies in Frage zu stellen, scheint mir allerdings für eine aus der Barmherzigkeit Gottes erwachsende Seelsorge gar nicht erforderlich.

Erforderlich ist allerdings - nicht nur für den Seelsorger -, genau das auch immer im Blick zu haben, was bereits im Katechismus der katholischen Kirche steht und ebenfalls in "Amoris Laetita" Eingang gefunden hat: "Die Anrechenbarkeit einer Tat und die Verantwortung für sie können durch Unkenntnis, Unachtsamkeit, Gewalt, Furcht, Gewohnheiten, übermäßige Affekte sowie weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren vermindert, ja sogar aufgehoben sein." Diese tiefe Einsicht erfordert äußerste Behutsamkeit und Feinfühligkeit im Umgang von jedermann mit jedermann, gerade auch in der Sorge um Menschen in schwierigen Lebenssituationen, ohne dass dafür Prinzipien aufgegeben und einem ethischen Relativismus gehuldigt werden müsste. Seelsorger und Beichtväter, die sich viel Zeit für die Begleitung von Menschen nehmen, wissen das und bemühen sich um Ermutigung und eine allmähliche Heranführung an das, "was das als Ideal von Ehe und Familie aus dem Evangelium heraus seitens der Kirche vorgestellt wird."

Dass wir alle auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen und uns - salopp formuliert - graduell auf der Skala zum Ideal der Heiligkeit gerade auf dem Weg nach oben oder nach unten befinden, ist wahr - doch grundsätzlich nichts Neues. Gut aber, dass Papst Franziskus uns nachdrücklich auch daran erinnert und vor überheblicher Belehrung warnt.

Zur Person

Martin Rothweiler ist Geschäftsführer des katholischen Fernsehsenders EWTN (Eternal Word Television Network).

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Von Martin Rothweiler