Ungewöhnliche Kampagne gegen Zwangsehen gestartet

"Liebesschlösser" einmal anders

Aktualisiert am 14.04.2013  –  Lesedauer: 
Frauen

Köln ‐ Wer an diesem Sonntag die Wartezeit auf dem Kölner Hauptbahnhof überbrücken muss, kann das auf die übliche Weise tun: mit einem Gang durch den Dom oder einem Glas Kölsch am hoffentlich sonnigen Rheinufer. Oder er begibt sich auf die nahe Hohenzollernbrücke und schließt sich dem Kampf gegen Zwangsehen an. Die Gelegenheit dazu bietet eine originelle Kampagne der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN).

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Unter dem Motto "FreeTheForced" (Befreit die Gezwungenen) hat die Gesellschaft 3.500 blaue Vorhängeschlösser am Geländer angebracht, inmitten von inzwischen rund 160.000 ähnlichen Schließmitteln, mit denen Liebespaare ihre mehr oder weniger ewige Treue besiegelt haben. Der Unterschied: Die blauen Zahlenschlösser sollen so schnell wie möglich wieder verschwinden. Denn jedes steht symbolisch für das Opfer einer Zwangsehe. Über einen QR-Code können Passanten bis Sonntag die Schlösser per Scan mit dem Smartphone öffnen. Der Code führt zu einer Informationsseite, auf der man gegen eine Spende von mindestens 5 Euro die entsprechende Zahlenkombination erfährt. Das Geld fließt in die Opferhilfe. Eine gewitzte Idee, mit beklemmendem Hintergrund.

Nach Angaben der Vereinten Nationen werden jährlich viele Millionen Frauen und Mädchen zur Heirat gezwungen, vor allem in islamischen und hinduistischen Gesellschaften. Der angeblich "glücklichste Tag im Leben einer Frau" ist dann nicht selten der Beginn einer langen Leidenszeit voller Missachtung und Gewalt durch den ungeliebten Partner. Und wer die Ehe gegen den Willen der Famile verweigert, riskiert viel. Die Sanktionen in traditionellen Milieus reichen von Isolation und Verstoßung bis zum Mord im Namen der Familienehre. Beispiele gab es in den vergangenen Jahren auch in Deutschland. "Zwangsehen sind eine der perfidesten Menschenrechtsverletzungen, die es gibt", bilanzierte der Vorsitzende der DGVN, Detlef Dzembritzki, am Freitag bei Eröffnung der Kampagne in der Domstadt.

Archaischer Kult um Jungfräulichkeit

Hinter dem Unrecht steht zum einen der archaische Kult um die Jungfräulichkeit der Tochter, die um jeden Preis als "unberührte Braut" und deshalb möglichst schnell an den Mann gebracht werden soll. Neben vorehelichen Kontakten gilt es außerdem, "unpassende" Verbindungen außerhalb einer ethnischen oder religiösen Gruppe zu vermeiden, die dem sozialen Ansehen der Familie schaden könnten. Väter und Brüder, Mütter und Schwestern können so zu Komplizen gegen die Frauen werden, die dem Loyalitätsdruck in der Regel nachgeben. Allerdings: Auch wenn ein Großteil der Heiraten in der islamischen Welt arrangiert ist, wie es übrigens in Europa bis ins 20. Jahrhundert auch der Fall war, - meistens werden daraus "ganz normale" Ehen, betonen selbst Opfer-Beratungsstellen.

Bild: ©dpa/picture alliance/Nana Kofi Acquah

Vier Frauen warten am in einem Krankenhaus in Accra, Ghana, mit ihren Babys auf eine nachgeburtliche Untersuchung.

Vor dem Hintergrund der als bedrohlich empfundenen liberalen Aufnahmegesellschaften im Westen entpuppen sich erzwungene Ehen aber immer wieder als fataler Abwehrreflex eines tief verunsicherten Migrantensegments. Auch in Deutschland sind die Zahlen alarmierend. Rund 3.500 Frauen, aber auch eine Anzahl männlicher Opfer, nutzten etwa 2008 bundesweit die Hilfsangebote. Die Dunkelziffer sei um ein Vielfaches höher, unterstrichen die Initiatoren von "FreeTheForced".

Attacke gegen konservative Islamverbände

"Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen aus streng islamischen Familien, 30 Prozent davon sogar jünger als 17 Jahre", ergänzte die SPD-Migrationsexpertin Lale Akgün. Und ritt eine wütende Attacke gegen die konservativen Islamverbände, die zu wenig dagegen täten, um ja nicht als Nestbeschmutzer zu gelten. Die Funktionäre etwa des türkischen Verbands DITIB haben in der Vergangenheit immer wieder betont, dass sich Zwangsheiraten aber keineswegs mit dem Koran rechtfertigen ließen, und verweisen auf kulturelle Ursachen. Eine Kultur, die nach Meinung von Akgün allerdings tief mit religiös begründeten Ehr- und Geschlechterbegriffen durchtränkt ist.

Aber was hilft gegen die Macht von Jahrhunderten? Das 2011 eingeführte Strafgesetz gegen Zwangsehen offenbar nicht. Einen nennenswerten Anstieg von Anzeigen gebe es bisher nicht, hieß es. Umso mehr hoffen die Aktivisten nun auf viele "geknackte" Schlösser auf der Hohenzollernbrücke.

Von Christoph Schmidt (KNA)