Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU).
Familienministerin Kristina Schröder zur Situation von Kindern in Deutschland

Jammern auf hohem Niveau?

Kinder - In der vergangenen Woche sorgte eine Unicef-Studie für Aufsehen: Danach sind die äußeren Lebensumstände von Kindern in Deutschland zwar relativ gut, trotzdem sind viele Jungen und Mädchen hierzulande unglücklich. Im katholisch.de-Interview äußert sich Familienministerin Kristina Schröder (CDU) zu den Ergebnissen der Studie und zu der Frage, wie kinderfreundlich die deutsche Gesellschaft ist.

Berlin - 15.04.2013

Frage: Frau Schröder, wie bewerten Sie die Ergebnisse der Unicef-Studie ?

Schröder: Wir sollten die Ergebnisse ernst nehmen, aber auch kritisch hinterfragen. Auf den zahlenmäßig objektiv messbaren Feldern ist die Situation der Kinder in Deutschland noch einmal ein Stückchen besser geworden, dafür dürfen wir dankbar sein. Und bei der subjektiv leicht niedrigeren Lebenszufriedenheit der Kinder in Deutschland müssen wir den Blick darauf richten, warum das so ist.

Frage: Woran kann es denn liegen, dass die befragten Kinder ihre Lebenszufriedenheit so viel schlechter einschätzen, als die objektiven Zahlen vermuten lassen?

Schröder: Wir sollten genau nachschauen, ob das nicht auch daran liegt, dass viele Kinder sich hohen Ansprüchen ihrer Eltern und Lehrer gegenüber sehen. Das Prinzip "höher, weiter, schneller, mehr" mit etlichen Pflichtterminen bestimmt bei vielen Kindern schon sehr früh den Tages- oder Wochenablauf, statt dass sie einfach auch mal eine ordentliche Portion Zeit für sich selbst haben, bei denen ihnen kein Erwachsener sagt, was zu tun ist.

Kinder sind zum Glück anders als Erwachsene. Deshalb sollten die Erwachsenen immer wieder genau hinschauen, was Kinder bewegt.

Zitat: Kristina Schröder

Frage: Welchen Einfluss hat das gesellschaftliche Selbstbild auf die Kinder? Den Deutschen wird ja oft Jammern auf hohem Niveau nachgesagt. Prägt das vielleicht schon den Nachwuchs?

Schröder: Es gibt zum Glück auch deutliche Anzeichen - beispielsweise in der jüngsten Shell-Jugendstudie -, dass die Jugendlichen nicht nur ihre Probleme sehr realistisch einschätzen, sondern ihnen auch ein hohes Maß an Engagement, Selbstbewusstsein und Optimismus entgegensetzen. Das stimmt mich insgesamt viel zuversichtlicher als manche Lesart der neuen Unicef-Zahlen.

Kristina Schröder (CDU) ist seit November 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Kristina Schröder (CDU) ist seit November 2009 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Frage: Rund 30 Prozent der 11-, 13- und 15-Jährigen sind laut der Studie pro Jahr in Handgreiflichkeiten verwickelt, ebenfalls 30 Prozent klagen über Mobbing. In der Studie erreicht Deutschland damit einen guten Platz. Sind 30 Prozent nicht trotzdem viel zu viel?

Schröder: Auf jeden Fall! Denn nicht nur Fäuste oder Tritte, sondern auch Worte können sehr verletzend sein. Besonders wenn sie von jedem in sozialen Netzwerken gelesen werden können. Wenn einen die Klassenkameraden dann am nächsten Morgen auslachen, ist die Demütigung sehr echt und gar nicht mehr "nur" digital. Das ist deutlich schlimmer als die Schulklo-Wandkritzeleien früherer Generationen.

Frage: Wie kinderfreundlich ist unsere Gesellschaft?

Schröder: Viele Erwachsene denken oft nicht mehr daran, wie sie selber als Kinder waren. Der Mann von nebenan, der meckert, dass die Kinder beim Spielen zu laut sind, war womöglich selber das lauteste Kind der ganzen Nachbarschaft. Und die Frau, die sich ständig über Fahrräder im Hausflur beschwert, hat vermutlich selber als Kind ihr Fahrrad oft im Weg stehen lassen. Kinder sind zum Glück anders als Erwachsene. Deshalb sollten die Erwachsenen immer wieder genau hinschauen, was Kinder bewegt, was sie an Problemen und Träumen haben und warum es einfach klasse ist, Kind zu sein und mit Kindern zu leben.

Kinderfreundlichkeit muss aber natürlich noch mehr sein als das Verständnis von Nachbarn, dass Kinder auch mal Lärm und Dreck machen. Kinderfreundlichkeit und Familienfreundlichkeit muss zur festen Größe in unserer Arbeitswelt werden. Andere Länder können uns da gute Denkanstöße geben: An den skandinavischen Ländern beeindruckt mich die Zeitkultur, gerade was die Arbeitszeiten angeht. Dort finden wir weniger von der sehr deutschen Präsenzkultur, nach dem Motto, wer am längsten hinterm Schreibtisch sitzt, ist der beste Mitarbeiter. Auch bei Vätern in Führungspositionen ist es üblicher, um 17 Uhr zu sagen, ich muss jetzt nach Hause und meinen Sohn aus der Kita abholen. Wenn wir ein Stück unverkrampfter und toleranter zu leben lernen, sind wir in punkto Kinderfreundlichkeit sicherlich auf dem richtigen Weg.

Wir sollten endlich aufhören, uns beruflich oder privat gegenseitig vorzuwerfen, das falsche Leben zu führen.

Zitat: Kristina Schröder

Frage: Wo sind der Politik bei der Gestaltung einer kinderfreundlicheren Gesellschaft Grenzen gesetzt? Wo ist eher das private Umfeld gefragt?

Schröder: Wir sollten in Deutschland endlich aufhören, uns beruflich oder privat gegenseitig vorzuwerfen, das falsche Leben zu führen. Mal wird über die Latte-Macchiato-Mütter, mal über die Rabenmütter gelästert. Das müssen die Familien doch selbst entscheiden. Kinderfreundlichkeit braucht vor allem Respekt vor einer echten Wahlfreiheit von Familien. Familienpolitik soll nicht Eltern vorschreiben, wie sie leben sollen, sondern möglich machen, dass Familien leben können, wie sie leben wollen.

Frage: Die Niederlande haben in der Unicef-Studie zum wiederholten Mal Platz 1 belegt und zwar sowohl bei den objektiven Zahlen, als auch in der subjektiven Einschätzung der Kinder. Was können wir von unseren Nachbarn lernen?

Schröder: Ich bin kein Freund von ständigen Blicken in Nachbars Garten - viele europäische Länder stehen in allen möglichen Statistiken angeblich besser da als Deutschland, und wenn man dann genauer hinschaut, relativiert sich vieles, weil die Verhältnisse im Detail oft eben doch nicht vergleichbar sind. Deutschland ist ja nicht grundlos recht gut durch die Finanzkrise gekommen - offenkundig machen wir also als Gesellschaft doch vieles insgesamt richtig.

Das Interview führte Janina Mogendorf