Größeres Gotteshaus gesucht
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Über den Aufbruch der katholischen Kirche in Norwegen

Größeres Gotteshaus gesucht

Norwegen - Norwegen - das steht für Wintersport und Öl-Reichtum. Für die katholische Kirche steht das Land dagegen eher nicht. Doch auch wenn sie klein und arm ist: Die Kirche in Norwegen ist bunt und wächst.

Von Björn Odendahl |  Trondheim - 11.05.2016

Einen Wendepunkt in der Geschichte des norwegischen Christentums markiert dann ein Ereignis im 16. Jahrhundert: Das Land fiel unter die dänische Krone. Fortan war nicht mehr der Papst in Rom, sondern König Christian III. das Oberhaupt der norwegischen Kirche. Er importierte die Reformation nach Norwegen und verbot den Katholizismus im Land. Erst 1843 - also gut 300 Jahre später - erlaubte einer seiner Nachfolger die erneute Gründung einer römisch-katholischen Pfarrei. Sie hieß natürlich wie der Nationalheilige: St. Olav.

So richtig Fuß gefasst hat die katholische Kirche in Norwegen jedoch nicht mehr. Nur etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung gehören ihr im Jahr 2016 an. Die große Mehrheit, nämlich etwa 75 Prozent der knapp 5,2 Millionen Bürger, sind Lutheraner. Doch auch hier täuscht der erste Eindruck. Nicht nur, dass die evangelisch-lutherische Kirche seit einer Verfassungsänderung im Mai 2012 nicht mehr Staatskirche ist. Auch die sonstigen Trends sind wie in großen Teilen Europas negativ: Die Zahlen bei Taufen und Gottesdienstbesuchen sinken. Bei letzteren liegt die Quote bei den Lutheranern nur noch bei etwa 10 Prozent.

"Norwegen ist mittlerweile durch und durch säkularisiert"

"Norwegen ist mittlerweile durch und durch säkularisiert", sagt der Bischof von Oslo, Bernt Eidsvig, im Gespräch mit katholisch.de. Eidsvig steht der einzigen römisch-katholischen Diözese des Landes vor. Die wurde 1953 gegründet und erstreckt sich vor allem über den dicht besiedelten Süden Norwegens. Hinzu kommen zwei Prälaturen: Trondheim in der Mitte und Tromsö im Norden des Landes. Auch die funktionieren in der Praxis wie eine Diözese, haben aber nicht denselben Status und nur "abgespeckte" Strukturen. So fehlen ihnen etwa eigene Priesterseminare und Domkapitel.

Der Grund dafür ist einfach: Die katholische Kirche Norwegens ist eine arme und kleine Kirche in einem ansonsten reichen Land. Während ein Norweger im Schnitt etwa doppelt so viel verdient wie ein Deutscher (60.000 Euro), sieht die Kirche von diesem Geld nur wenig. Denn eine Kirchensteuer, wie wir sie kennen, gibt es in Norwegen genauso wenig wie genügend Katholiken, die das Gemeindeleben vor Ort aus eigener Tasche finanzieren könnten.

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Der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Georg Austen (l.), besucht gemeinsam mit dem Osloer Bischof Bernt Eidsvig die Baustelle der neuen Bischofskirche in Trondheim.

Dennoch: So ganz ohne Geld kann und muss die Kirche auch in Norwegen nicht auskommen. Denn der Staat unterstützt die Katholiken ebenso wie die rund 350 anderen Glaubensgemeinschaften im Land. Das System dafür ist einfach: Für jeden registrierten Gläubigen erhalten die Gemeinschaften knapp 100 Euro pro Jahr, egal wie groß oder klein sie sind. Für die evangelisch-Lutherische Kirche bedeutet das bei 3,9 Millionen Mitgliedern immerhin 390 Millionen Euro. Die katholische Kirche hat dagegen mit ihren rund 160.000 registrierten Gläubigen nur Anspruch auf etwa 16 Millionen Euro.

Der Löwenanteil des Geldes geht an das Bistum Oslo, wo allein 139.000 aller Katholiken des Landes leben. "Die staatlichen Zuschüsse machen etwa 95 Prozent unseres Budgets aus", sagt der Kommunikationsleiter der Diözese, Hans Rossiné. Die Restlichen 5 Prozent stammten aus Kollekten und sonstigen Geldgeschenken. Wertpapiere oder Immobilien sowie in Deutschland? Fehlanzeige. "Die einzigen Gebäude, die wir besitzen, sind unsere Kirchen und ein paar wenige Büroräume", sagt Rossiné.

Kampf um jeden Gläubigen

Und weil das Geld kaum ausreicht, kämpft die Kirche um jeden Gläubigen - manchmal auch mit fragwürdigen Methoden. Die Diözese Oslo befindet sich deshalb aktuell in einem Rechtsstreit mit dem Staat, in dem es um die fehlerhafte Registrierung von Gläubigen und eine mögliche Rückzahlung von 4,6 Millionen Euro geht. Eine Summe, die für die Kirche kaum zu stemmen ist und die der Osloer Bischof Eidsvig auch aus anderen Gründen nicht bezahlen will. "So wie ich das sehe, war es eine unordentliche, aber keine gesetzeswidrige Vorgehensweise", argumentiert der Bischof.

Das Problem ist das weitgehend ungeregelte Meldesystem in Norwegen. Für den Staat gilt nur als zuschussberechtigt, wer sich bei Zuzug aus einem anderen Land aktiv und unter Angabe seiner Personennummer neu als Mitglied der katholischen Kirche Norwegens registrieren lässt. Weil das jedoch viele Einwanderer laut Eidsvig nicht wüssten, hätten seine Mitarbeiter Tausende Zuwanderer persönlich angerufen, um eine Zustimmung für die Registrierung zu erhalten. Einige hätten aber eben auch Telefonbücher und öffentliche Register zum Namensabgleich genutzt und so rund 7.000 Menschen ohne ihr Wissen als Katholiken registriert. Eidsvig beteuert jedoch, dass die Kirche nie mehr Geld bekommen hätte, als ihr zustünde. "Nach aktuellen Schätzungen leben mittlerweile mindestens 220.000 Katholiken in Norwegen", sagt er. Also 60.000 mehr, als aktuell registriert seien.

"Pfarrfest" auf norwegisch: Bei einem katholischen Gemeindeabend in Trondheim prallten Welten aufeinander. Neben Gläubigen aus Polen und Eritrea kommt hier der Großteil der Gemeindemitglieder von den Philippinen.

Trotz falscher Registrierungen sind es gerade die Zuwanderer, die in den vergangenen Jahrzehnten für ein verhältnismäßig starkes Wachstum der katholischen Kirche gesorgt haben. Lebten 1972 gerade einmal 10.000 Katholiken in Norwegen, ist die Zahl - geht man von den Schätzungen aus - seitdem um mehr als das 20-fache gestiegen. Vor allem der wirtschaftliche Aufstieg, den Norwegen seiner Erdöl- und Erdgasförderung ab den 1970er-Jahren zu verdanken hat, zog Migranten auf der Suche nach Arbeit an. Heute stammt ein Großteil der Katholiken aus katholischen Ländern wie Polen, von den Philippinen oder aus Chile.

"Nur etwa 15 Prozent unserer Gläubigen sind in Norwegen geboren", sagt Bischof Eidsvig. Die Kirche Norwegens sei daher ein kleines Abbild der universellen Kirche. Hier stießen die verschiedensten Traditionen und Bräuche aufeinander. Gottesdienste werden in Oslo oder Trondheim deshalb fast rund um die Uhr in den unterschiedlichsten Sprachen angeboten. Anders sei es kaum möglich, sagt Eidsvig. "Wie soll die norwegische Minderheit von 15 Prozent auch die restlichen 85 Prozent integrieren?", fragt er.

Neue Klöster und Kapellen

Natürlich ergeben sich daraus auch Probleme. "Wenn es keine polnische Messe gibt, dann kommen die Polen auch nicht", sagt Eidsvig. Die Katholiken von den Philippinen oder aus Vietnam würden dagegen schon eher norwegische oder englische Gottesdienste besuchen. "Nicht jeder Einwanderer zeigt den gleichen Ehrgeiz beim Lernen unserer Sprache", formuliert es der Bischof salomonisch. Doch für Eidsvig ist es ein Jammern auf hohem Niveau. "Ich habe mit meinen lutherischen Kollegen gesprochen", sagt er. Und die hätten gerne seine Sorgen. Zum Beispiel die, dass die Kirchengebäude mittlerweile zu klein sind. Denn mit dem Zuwachs der Katholiken stieg die Kirchenbesucherzahl in den letzten Jahren um beeindruckende 70 Prozent an.

Deshalb wird in Norwegen aktuell viel gebaut: zum Beispiel neue Klöster und Kapellen. Das prominenteste Bauwerk entsteht allerdings gerade in Trondheim: die neue Bischofskirche. Der Bau, der am 19. November eingeweiht werden soll, ist zugleich auch Pfarrkirche und Gemeindehaus für die Trondheimer Katholiken. Auch sie heißt – natürlich – St. Olav. Rund 12,5 Millionen Euro wird die schlichte und moderne Kirche kosten. Unterstützt wird das Projekt mit Spenden der deutschen Diözesen und des katholischen Bonifatiuswerks, die insgesamt rund 3,7 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben.

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Ole Martin Stamnestro (*1979) konvertierte im Jahr 2006 zum Katholizismus und wurde im September 2012 zum Priester geweiht. Seit August 2015 ist er Generalvikar von Trondheim.

Doch was fehlt, sind nicht nur Kirchen, Gemeindehäuser und Büros, sondern auch Personal. Insgesamt arbeiten nur rund 50 hauptamtliche Laien in ganz Norwegen für die katholische Kirche - die meisten von ihnen für die Diözese in Oslo. Die Prälatur Trondheim hat sogar nur zweieinhalb feste Mitarbeiter. Die halbe Stelle besetzt kurioserweise der Generalvikar, Ole Martin Stamnestro. Nur alle paar Wochen ist der Priester überhaupt in Trondheim, weil er den Rest der Zeit seine eigene Pfarrei in Ålesund leitet - etwa sechs Autostunden entfernt. In Deutschland undenkbar.

Stamnestro geht es wie den meisten Pfarrern in Norwegen. Gerade im dünner besiedelten Norden müssen sie meist weite Strecken zurücklegen und haben eigentlich keine Mitarbeiter. "Selbst wenn wir mehr Geld hätten. Woher sollen die pastoralen Mitarbeiter kommen?", fragt Stamnestro. Den gebürtigen Norwegern fehle das Interesse und den Einwanderern größtenteils die theologische Bildung, sagt er. Und in Norwegen selbst würden überhaupt erst seit kurzem Studiengänge in katholischer Theologie angeboten. Priester wie Stamnestro oder auch der Osloer Bischof Eidsvig haben deshalb lange Zeit im Ausland gelebt und dort Theologie studiert.

Konservative Kirche

Doch die Kirche Norwegens ist nicht nur eine Migrantenkirche. Sie ist auch eine eher konservative Kirche. "Die Gläubigen erwarten, dass dem Gottesdienst ein Priester vorsteht und dass der Priester sich auch um die Gemeinde kümmert", sagt Stamnestro. Ein Modell wie das der Basisgemeinden in Lateinamerika? Für den Trondheimer Generalvikar zumindest aktuell nicht vorstellbar. Deshalb setzt man in Norwegen vor allem auf Priester aus dem Ausland. Von den aktuell etwa 90 Geistlichen kommen allein 24 aus Polen und mehr als ein Dutzend aus Vietnam.

Ob Priester oder Gläubige: Den Namen des Nationalheiligen Olav tragen in Norwegen heute nur noch die wenigsten Katholiken. Ein pastorales Konzept, um auch gebürtige Norweger für sich zu gewinnen, hat der Osloer Bischof Eidsvig noch nicht. "Für missionarische Kampagnen fehlt uns ebenfalls das Personal", sagt er. Er setzt deshalb auf die natürliche Anziehungskraft der katholischen Kirche: ihre lange Tradition, ihr caritatives Engagement und ihre Liturgie. Diese Argumente hätten auch ihn damals überzeugt, sagt er. Eidsvig selbst konvertierte im Alter von 24 Jahren zum Katholizismus.

Das Bonifatiuswerk

Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken hat in Norwegen von 2011 bis 2016 Bauhilfen für rund 5,5 Millionen Euro geleistet. Hinzu kam eine Kinder- und Jugendhilfe von rund 200.000 Euro. Im selben Zeitraum hat das dem Bonifatiuswerk angegliederte Diaspora-Kommissariat Projekte mit etwa 9,2 Millionen Euro gefördert. Die Bauprojekte waren unter anderem die Bischofskirche St. Olav und das Birgittenkloster Tiller in Trondheim sowie das Marienkloster auf der Insel Tautra.

Von Björn Odendahl