Jugendliche betrachten das Angebot einer Lehrstellenbörse.
Wie Schulabgänger auf den richtigen Berufsweg finden

Mit Hirn und Herz

Die letzten Abiturklausuren sind geschrieben, Zeugnisse gibt es erst Wochen später, und auch bis zum möglichen Studien- oder Ausbildungsbeginn im Herbst vergehen noch Monate. Während die Schulabgänger die freie Zeit erst einmal in vollen Zügen genießen möchten, geraten Eltern schnell in Alarmstimmung. Was tun - den Nachwuchs "abhängen" lassen oder ihn mit sanftem Druck auf den Weg bringen? Und vor allem: Wie finden Sohn oder Tochter den für sie passenden Berufs- oder Studienweg? Experten geben Tipps.

Bonn - 07.05.2013

Die Berufswahl ist eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben. Rund 50 Jahre müssen heutige Schulabgänger bis zum Ruhestand arbeiten, zugleich war die Auswahl an Berufswegen noch nie so groß.

Unmittelbar nach dem Ende der Schulzeit bieten sich zahlreiche Orientierungsmöglichkeiten: ein Auslandsaufenthalt, sich bei einem Praktikum rund um den Traumjob ausprobieren oder im Bundesfreiwilligendienst neue Menschen und Fähigkeiten kennenlernen.

Nach dem Lernstress und angesichts der vielen Optionen qualmt so manchem Schulabgänger erst mal der Kopf - eine Auszeit soll für klare Gedanken und neue Power sorgen. Bei allem Verständnis für nötige Erholung warnt die Vorsitzende des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen (VkdL), Roswitha Fischer, davor, "zu lange abzuhängen".

Wer sich an das Nichtstun gewöhne, dem falle der Wiedereinstieg schwerer, und er könne mitunter "die Kurve nicht mehr bekommen". Ein zwischengeschobener Auslandsaufenthalt dagegen bringe Schulabgänger vorwärts und sei "keine verlorene Zeit", sagt Fischer.

"Kinder nicht verbiegen"

Ganz pragmatisch sieht es Marie-Theres Kastner. "Die Grenze ist immer das Geld", so bremst die Vorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED) allzu lange Selbstfindungsphasen aus. Aus ihrer Sicht benötigen Eltern ein "gesundes Augenmaß". Dass sich ein junger Mensch orientieren und ausprobieren wolle, sei legitim - "bis zu einer gewissen Grenze".

Ein früher Studienfachwechsel sei noch in Ordnung, wenn der Nachwuchs feststelle, dass ihm das Fach nicht liege, so Kastner. Doch könne man "nicht beliebig oft umsatteln". Die vierfache Mutter legt Wert darauf, dass ihre Kinder alle einen beruflichen Abschluss haben, damit sie auch finanziell selbstständig sind.

Im Idealfall kümmern sich Heranwachsende schon während der Schulzeit um ihre berufliche Zukunft. In Bayern, aber auch in anderen Bundesländern, gebe es in der Oberstufe viele Angebote zur Berufs- und Studienwahl, erläutert Fischer. Auch Lehrer hätten oft einen guten Blick für die Fähigkeiten ihrer Schüler. Eine intensive Begleitung wünscht sich die VdkL-Vorsitzende auch von den Eltern, die mit dem Nachwuchs Stärken und Schwächen ausloten sollten.

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Und noch etwas ist der Pädagogin ganz wichtig: "Eltern sollten Kinder ihren eigenen Weg gehen lassen und sie nicht verbiegen." Fatal sei es, wenn die Eltern erwarteten, dass der Nachwuchs den eigenen Betrieb übernehmen soll, Sohn oder Tochter aber vielleicht ganz klar ein "künstlerischer Typ" seien.

Auch die KED-Vorsitzende plädiert dafür, sich möglichst früh vor dem Ende der Schulzeit mit der Berufswahl zu befassen und sich beraten zu lassen. Nicht nur bei Schülern, auch bei Lehrern und Eltern gebe es einen "unheimlichen Informationsbedarf" über die sich verändernde Berufswelt, beobachtet Kastner: "Sie kennen gar nicht alle Möglichkeiten der modernen Arbeitswelt."

Weit vor dem Abitur sollte die Schule "Kontakte zur Berufswelt" herstellen und etwa Menschen einladen, die über ihren beruflichen Alltag erzählen, findet die CDU-Politikerin. Dabei sollten durchaus auch Fragen wie die Vereinbarkeit des Berufes mit Ehe und Familie beleuchtet werden.

Jesuit: Auf die "Gründe des Herzens hören"

Der Schweizer Jesuit Hans Schaller, Autor des Buches "Wie finde ich meinen Weg?", rät ganz klassisch zum Besuch eines Berufsberaters. Dort könnten sich Jugendliche auch schlau machen, welche Berufe der aktuelle Arbeitsmarkt überhaupt erfordere. "Es macht keinen Sinn, am Markt vorbei zu planen und anschließend keine Beschäftigung zu finden", sagt Schaller.

Zugleich rät der Ordensmann, bei der Berufs- und Studienwahl "auf die Gründe des Herzens" zu hören und nachzuspüren, welche Themen und Tätigkeiten etwas in einem "zum Klingen" bringen. Zumindest zum Herausfinden der "richtigen Richtung" sollte sich ein junger Mensch Zeit nehmen. Dies sei auch die Voraussetzung dafür, dass der Beruf zur Berufung werde und ein Mensch ganz in seiner Tätigkeit aufgehe.

Und noch etwas gibt der Jesuit mit Blick auf biblische Berufungsgeschichten zu bedenken. Die eigenen Bedürfnisse seien dort "nicht alleinige Kriterien". Mancher Protagonist habe innere Widerstände und Zweifel erlebt; Gott habe ihn auf Wege geführt, die er zunächst nicht wollte. Dennoch habe er gerade auf diesem Weg im Nachhinein Erfüllung gefunden, sagt der Ordensmann.

Von Angelika Prauß (KNA)

Berufe in der Kirche

Als Arbeitsgeber offeriert die Kirche nicht nur das Priesteramt für Männer. Auch im sozialen oder pädagogischen Bereich hat sie einiges zu bieten. Das Zentrum für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz bietet einen Überblick über kirchliche Berufe und verweist auf weitere Ansprechpartner. (meu)