Eine Wissenschaftlerin arbeitet in der Genforschung.
Katholische Bischöfe kritisieren das Klonen embryonaler Stammzellen

Wird der Mensch "verzweckt"?

Gentechnik - Als "äußerst problematisch" hat der Augsburger Weihbischof Anton Losinger die erstmalig per Klontechnik erfolgte Produktion menschlicher embryonaler Stammzellen bezeichnet. "Es besteht die Gefahr, dass wir nun das therapeutische Klonen bekommen". In diesem Zusammenhang warnte das Mitglied des deutschen Ethikrates gegenüber katholisch.de vor einer "Verzweckung des Menschen" zu medizinischen Absichten.

Bonn/Washington - 16.05.2013

US-Forscher haben nach eigenen Angaben mittels Klontechnik menschliche embryonale Stammzellen produziert. Sie nutzten dazu ein Verfahren, das auch zum Klonschaf Dolly führte, möchten aber ausdrücklich keine Klonmenschen herstellen.

Die neuen Zellen könnten theoretisch in jede beliebige Art von Körperzellen transformiert werden - und so künftig einmal kranke oder verletzte Zellen ersetzen. Die Forscher der "Oregon Health __amp__ Science University" in Portland sprachen am Mittwoch von einem Durchbruch. Man sei der Heilung von Krankheiten wie Parkinson, Multipler Sklerose, Herzkrankheiten und von Verletzungen des Rückenmarks deutlich näher gerückt.

Wissenschaftler wollen keine Menschen kopieren

Die Wissenschaftler in Portland hatten Zellkerne aus Hautzellen entnommen und einer Eizelle eingepflanzt, aus der die Erbinformation zuvor entfernt worden war. Aus der neuen Zelle entwickelte sich eine sogenannte Blastozyste, von der embryonale Stammzellen entnommen werden können. Die Eizelle musste für den Kerntransfer bei einem ganz bestimmten Entwicklungsstadium gestoppt werden, der sogenannten Metaphase.

Für das reproduktive Klonen, also das Kopieren von Menschen, tauge die Methode nicht, betonen die Wissenschaftler. Obwohl es seit Jahren versucht werde, sei es zudem noch nicht einmal gelungen, einen Affen zu klonen.

Nach dem Klonschaf Dolly, das 1997 der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde, hatte sich zum einen eine Euphorie in der Forscherszene breitgemacht. Zum anderen war aber immer wieder davor gewarnt worden, ethische Grenzen zu überschreiten und "Gott zu spielen".

Stammenzellenforscher und Bischöfe äußern Kritik

Der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle reagierte verhalten und warnte "vor zu viel Hype". "Ich bin skeptisch, ob uns das im therapeutischen Bereich weiterbringt", sagte er am Donnerstag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Es handele sich um einen grundlagenwissenschaftlichen Befund.

Auch ethisch seien solche Forschungen problematisch. Es stehe die Frage im Raum: "Dürfen solche 'Forschungsembryonen' hergestellt werden?" Das jetzt veröffentlichte Experiment "wäre in Deutschland verboten durch das Embryonenschutzgesetz", betonte der Wissenschaftler.

"Die Deutsche Bischofskonferenz ist besonders angesehenen Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen dankbar, dass sie ihre grundlegenden ethischen Bedenken geäußert haben", sagte ihr Vorsitzender, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch .

Die Kirche habe vielfach eine weltweite Ächtung des reproduktiven Klonens gefordert, so Zollitsch und weiter: "Im Übrigen geht es gewiss zuerst um die schreckenerregende prinzipielle Möglichkeit, dass am Ende auch Menschen geklont werden könnten."

Die katholische Bischofskonferenz der USA hat die Nachricht über das gelungene Klonen eines menschlichen Embryos als "zutiefst beunruhigend" kommentiert. Auch wenn diese Methode der Forschung dienen solle, werde sie zweifellos von denen aufgegriffen, die einmal geklonte Kinder herstellen wollten, warnte das Komitee der Bischöfe für Lebensschutz in einer am Mittwoch in Washington veröffentlichten Stellungnahme.

Anton Losinger, Weihbischof von Augsburg.
Bild: © KNA

Anton Losinger, Weihbischof von Augsburg.

"Ein technischer Fortschritt im Klonen von Menschen ist kein Fortschritt für die Menschheit, sondern das Gegenteil", erklärte der Vorsitzende des Gremiums, der Bostoner Kardinal Sean O'Malley.

Losinger: Ethische Dimension nicht aus dem Blick verlieren

Unabhängig von dem verfolgten Ziel behandle das Klonen "menschliche Wesen als Produkte, maßgefertigt nach den Wünschen anderer Leute", so die Bischöfe weiter. Dies widerspreche der "moralischen Verantwortung, jedes Mitglied der Menschheitsfamilie als einzigartiges Geschenk Gottes zu behandeln, als eine Person mit eigener Würde". Weihbischof Losinger wies in diesem Zusammenhang auf die sogenannten adulten Stammzellen hin, für die keine Embryonen zerstört werden müssten (siehe Textbox unten).

Man müsse sich klarmachen, dass es weiterhin dramatische Entwicklungen im Bereich der Gentechnik gebe werden, sagte Losinger weiter. "Als Kirche dürfen wir dies aber nicht nur schlecht reden", so der Weihbischof, seien damit doch "positive Hoffnungen" kranker Menschen verbunden.

Allerdings müsse man immer wieder auf die Grenzen der Forschung sowie auf die Würde und das Lebensrecht des Menschen aufmerksam machen. Es gelte, nie die Frage aus dem Blick zu verlieren, welche Forschung dem Menschen für das Gute diene.

Aus diesem Grund dürfe parallel zur Weiterentwicklung wissenschaftlicher Methoden die ethische Dimension nicht aus dem Blick geraten, so Losinger. Gegenüber katholisch.de beschrieb seine Forderung mit einem Zitat von Albert Einstein: "Die Menschheit lebt heute technisch im Atomzeitalter, aber ethisch in der Steinzeit." (meu/dpa/KNA)

Hintergrund: Drei Arten von Stammzellen

Zur Gewinnung von EMBRYONALEN STAMMZELLEN nutzten Forscher bislang Embryonen, die nach der künstlichen Befruchtung in Kliniken übrig geblieben waren, weil sie nicht in eine Frau eingesetzt wurden. Das Verfahren ist ethisch äußerst umstritten, weil die Embryonen bei der Gewinnung der Stammzellen zerstört werden. Diese sind noch nicht auf eine endgültige Aufgabe festgelegt. Im Labor sind daraus bereits viele verschiedene Zelltypen hervorgegangen und in Versuchstiere eingepflanzt worden. Der Einsatz beim Menschen birgt noch Risiken. Durch ihr besondere Teilungs- und Entwicklungspotenzial könnte es beispielsweise zu unkontrollierten Wucherungen (Teratomen) kommen. Mediziner müssen sich daher ganz sicher sein, dass die Zellen im Körper nur und genau das tun, was sie sollen. Menschliche embryonale Stammzellen haben bisher aber zum Beispiel Ratten bei Diabetes und Schlaganfall geholfen. US-Forschern ist es nach eigenen Angaben jetzt gelungen, menschliche EMBRYONALE STAMMZELLEN PER KLONTECHNIK herzustellen. Dafür hatten sie das Erbmaterial aus Hautzellen entnommen und einer Eizelle eingepflanzt, aus der die Erbinformation zuvor entfernt worden war. Aus der neuen Zelle entwickelte sich den Forschern zufolge eine sogenannte Blastozyte, von der embryonale Stammzellen entnommen werden können. Dabei werden die Embryonen jedoch ebenfalls zerstört. Die neuen Zellen könnten theoretisch in jede Art von Körperzellen transformiert werden. Für das Kopieren von Menschen soll die Methode nicht taugen, wie die Wissenschaftler betonen. Ende 2007 berichteten Forscher von der erfolgreichen Rückprogrammierung von Körperzellen zu sogenannten INDUZIERTEN PLURIPOTENTEN STAMMZELLEN (iPS-Zellen). Diese Zellen besitzen nach derzeitigem Kenntnisstand die wichtigsten Eigenschaften embryonaler Stammzellen, lassen sich aber aus normalen Körperzellen gewinnen. Die Forscher haben zur Rückprogrammierung mehrere Erbanlagen in die ausdifferenzierten Zellen eingeschleust und so eine Art embryonalen Zustand wieder hergestellt. Ob solche iPS-Zellen ein vollwertiger Ersatz für embryonale oder andere Stammzellen sein können, muss sich erst noch erweisen. ADULTE STAMMZELLEN finden sich an vielen Stellen als natürliches Reservoir im erwachsenen Körper. Im Knochenmark etwa entstehen daraus immer neue Blutzellen. Auch in der Leber, der Bauchspeicheldrüse und im Hirn gibt es sie. Der Umgang mit diesen Zellen gilt als ethisch weitgehend unbedenklich, allerdings haben sie ein eingeschränktes Entwicklungspotenzial. Die Transplantation von Knochenmark gegen Blutkrebs (Leukämie) ist eine Therapie mit adulten Stammzellen. (dpa)