Casting-Show "Germany's next Topmodel" mit Heidi Klum.
Bild: © dpa/Uli Deck
Eine neue Casting-Show in Simbabwe sorgt für Aufsehen

Mister Hässlich gesucht!

Meinung - Nein, die televisionäre Wunderfrau Heidi Klum war es nicht, die jene Wettbewerbe erfand, die mittlerweile als Casting- oder Ranking-Shows die Programme fast aller deutschen Fernsehsender zu einem einzigen Wettkampf um Punkte und Prozente zu machen scheinen. Schon lange vor ihr ließen etwa die Brüder Grimm in einem ihrer bekanntesten Märchen die letzten Endes verhängnisvolle Frage stellen: "Wer ist die Schönste im ganzen Land?"

Bonn - 10.06.2013

Hätten sie doch nur ahnen können, welche Entwicklung die Suche nach dem Wahrsten, Schönsten und Besten einmal nehmen würde, vielleicht hätten die beiden Märchenerzähler sich dann darauf beschränkt, von so harmlosen Dingen wie menschenfressenden Wölfen oder kannibalischen Hexen zu berichten.

Ranking-Wahn in Simbabwe

So wie die Dinge nun aber liegen, nimmt der grassierende Ranking-Wahn immer groteskere Formen an. Im afrikanischen Zimbabwe, das unter der Knute seines Diktators Robert Mugabe eigentlich ganz andere Probleme zu lösen hätte , macht man sich jetzt beispielsweise zum vierten Mal daran, als hässlichsten Mann des Landes, einen "Mr. Ugly" zu küren. Dieser Wettbewerb soll nach Angaben seines Veranstalters, eines Event-Managers mit dem sprechenden Namen Lovemore Chonzi, den Menschen vor allem Spaß bringen; entsprechend fand er bereits im Vorfeld das Wohlwollen des National Arts Council of Zimbabwe.

Die Prämierung von möglichst hässlichen Menschen als Volksvergnügen? Geht's noch? Was werden wir demnächst erleben: ein Ranking nach dem Grad der Behinderung? Eine Auszeichnung für erwiesene Dummheit, die in diesem Fall wohl den Organisatoren solcher Wettbewerbe gebühren würde?

Der gebildete Westeuropäer ist entsetzt und sieht seine vorgefassten Urteile über Landstriche bestätigt, die man bis vor kurzem in unseren Breiten noch als Entwicklungsländer bezeichnete.

Das Internet als Pranger

Aber halt: Sind wir denn wirklich weiter entwickelt? Gibt es bei uns nicht längst zur sozialen Bloßstellung den höchst wirksamen Pranger des Internets? Betreiben nicht landauf landab ganze Betriebsbelegschaften und Schulklassen ein mitleidsloses Mobbing, das viele seiner Opfer in die Verzweiflung oder gar in den Selbstmord treibt?

Und gibt es an unseren Gymnasien nicht immer wieder Gazetten, in denen ihre Macher mit der Wahl des unsympathischsten Lehrers oder Mitschülers klar beweisen, dass sie trotz gerade abgelegter Reifeprüfung von menschlicher Reife noch weiter entfernt sind als ein Mr. Ugly von einem deutschen Topmodel?

Zeitalter des Überflusses ist vorbei

Nicht nur das meteorologische, auch das soziale Klima ist offenbar spürbar rauer geworden. Mit dem Ende eines Zeitalters des Überflusses, wie wir es zumindest in den westlichen Industrieländern lange genießen konnten, werden die Verteilungskämpfe um Güter und gesellschaftliche Positionen nun wieder härter, das Unten der Verlierer wie das Oben der Gewinner gewinnen an Konturen.

Als eines der unangenehmen Ergebnisse dieser Entwicklung zeigt sich dabei, dass nicht Mitleid oder Mitleiden das Bild beherrschen, sondern dass eher die Versuche zunehmen, sich durch Nachtreten gegen die, die ohnehin schon unten sind, selbst in eine bessere Lage zu bringen. Sei es nun nur gefühlt oder auch tatsächlich.

Gibt es ein Gegenmittel gegen diese mitmenschliche Kälte? Bei den Brüdern Grimm musste die Urmutter allen Castings und Rankings schließlich in glühenden Pantoffeln ihrem Tod entgegen tanzen. Soweit sollten zumindest Christen heute nicht mehr gehen. Wahrscheinlich würde es schon genügen, wenn wir geschmacklose Wettbewerbe oder ein mediales Spießrutenlaufen mit schlichter Nichtbeachtung straften.

Von Uwe Bork

Zur Person

Uwe Bork ist Leiter der Fernsehredaktion "Religion, Kirche und Gesellschaft" des Südwestrundfunks (SWR).