Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Stephan Wahl über das heutige Sonntagsevangelium

Sei du... pur!

"Seine Sendung und Berufung geht jede und jeden an, die auf seinen Namen getauft sind." Monsignore Stephan Wahl legt das Sonntagsevangelium von der "Aussendung der 72" aus.

Von Stephan Wahl |  Bonn - 03.07.2016

Impuls von Stephan Wahl

Jesus, Bruder und Herr,
mein See Genezareth
liegt in der Eifel.
Vielleicht auch in den Straßen
irgendeiner Stadt.
Es sind keine Fischerboote
von denen du mich wegrufst
und meinen Vater verlasse ich auch nicht.

Ich bin ein Jünger mit E-Mail-Anschluss,
mit Handy und Hip-Hop im Ohr,
ich weiß nicht, ob ich tauge
für deinen Auftrag,
für deine "Mission impossible".

Ich weiß nur,
dass du mir in der Seele brennst,
wenn ich dein Wort lese
so als hörte dich dich selbst.
Ich weiß nur,
dass ich deine Schulter spüre,
bei meiner Wut über
Ausbeutung und Unrecht.
Ich weiß nur,
dass ich still werde,
in deinen Räumen,
und zwar ganz freiwillig.

Nicht selten,
ahne ich dann,
dass du mich,
warum auch immer,
gemeint hast
und sendest.

So könnte ein heutiger "Jünger" auf Berufung und Aussendung reagieren. Die Zeiten ändern sich, die Lebensgewohnheiten, die Sehnsucht nach dem "Mehr" nicht. Auch wenn die direkten Antworten überschaubarer ausfallen. Für mein Heimatbistum Trier werden in diesen Wochen zwei Männer zu Priestern geweiht. Mutige Entscheidung in dieser Kirchenstunde. Leider nur zwei. Das Sonntagsevangelium passt für den Anlass, aber ist es damit für alle anderen abgehakt? Ein Text für Sonderberufungen? Schade, dass es so wenig sind, aber was hat das mit mir zu tun? Alles!

Jesus beruft und sendet Menschen und beruft nicht in eine exklusive Kaste, so bequem diese Vorstellung auch sein mag. Seine Sendung und Berufung geht jede und jeden an, die auf seinen Namen getauft sind. Nur halt in unterschiedlicher Weise. Aber: ohne Vorratstasche, ohne Geldbeutel ohne Schuhe – eine skurrile Vorstellung. Kein Bus würde mich ohne Fahrschein mitnehmen, kein U-Bahnticket könnte gelöst werden. Und barfuß bei unseren Temperaturen? Mag damals sogar konkret gefordert und möglich gewesen sein, kann aber auch ins Heute übersetzt werden: Mach Dich frei von allem, was Dich hindert einem Menschen pur zu begegnen. Ohne fromme Sprüche in der Tasche, ohne lohnend wirkende Versprechungen, ohne Vorurteile, ohne Schubladen, ohne mit dem Katechismus zu winken, ohne deinen unbewussten Missionsdrang zu wissen, was für den anderen richtig ist… Sei du pur! Mit allen Ecken und Kanten.

An deinem "Wie" zu leben wird man erkennen aus was du lebst. Das ist der Auftrag Jesu an jede und jeden: Lebe, was du glaubst. Ja es stimmt, Wölfe gibt es genug auf diesem Weg, die belächeln, verspotten, angreifen und auch vernichten wollen. Es wird nicht immer gelingen, aber der Gedanke, dass Gott sie auch nicht hängen lassen will und auch das Ungerade grade machen will, gehört – sorry – verdammt nochmal auch zum Christlichen. Wie schreibt die Dichterin Marie Noel: "Auf welchen Baum steigen, um den Himmel zu berühren? Für die Begegnung Gottes mit dem Menschen steigt der Mensch vergeblich. Gott steigt herab. Er steigt nicht viel tiefer zum Sünder als zum Gerechten." Ein Blick in den Spiegel: Gott sei Dank!

Evangelium nach Lukas (Lk 10, 1-12.17-20)

In jener Zeit suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit voraus in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte. Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.

Geht! Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus!  Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren.

Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt.

Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe. Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann stellt euch auf die Straße und ruft: Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe.

Ich sage euch: Sodom wird es an jenem Tag nicht so schlimm ergehen wie dieser Stadt. Die Zweiundsiebzig kehrten zurück und berichteten voll Freude: Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir deinen Namen aussprechen.

Da sagte er zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. Seht, ich habe euch die Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zu überwinden. Nichts wird euch schaden können.

Doch freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.

Der Autor

Monsignore Stephan Wahl ist als Priester im Bistum Trier Kooperator in der Pfarreiengemeinschaft Waldrach und beauftragt mit medialer Verkündigung. Er ist Mitglied im Rundfunkrat des SWR.

Ausgelegt! - Der Sonntagsimpuls

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.

Von Stephan Wahl