Schachfigur
Kurt Gerhardt über eine europäische Tragikomödie

Abgestumpft und geschichtsvergessen

Standpunkt - Kurt Gerhardt über eine europäische Tragikomödie

Von Kurt Gerhardt |  Bonn - 06.07.2016

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"Friede diesem Haus!" Das sollten – laut Evangelium vom letzten Sonntag – die von Jesus ausgesandten Jünger sagen, wenn sie in ein fremdes Haus kämen, um dort abzusteigen.

Auf dem Trümmerberg, den der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte, begannen Konrad Adenauer, Robert Schumann, Alcide de Gasperi und andere, das "Haus Europa" zu bauen, in dem wir seither vergleichsweise glücklich leben. Zunächst beschäftigten sie sich mit einer Organisation für Kohle und Stahl, woraus später eine wirtschaftliche und politische Gemeinschaft erwuchs. Aber von Anfang an ging es den Gründern vor allem anderen um den Wunsch, dass "Friede diesem Haus Europa" werde.

Dieses Motiv blieb in der langen Entstehung und dem Weiterbau des Einigungshauses lebendig. Unsere Eltern und Großeltern, die im Krieg viele liebe Menschen und Hab und Gut verloren hatten, empfanden das als Segen, der bis heute anhält. Seit über siebzig Jahren haben wir Frieden – für unsere Vorfahren eine unvorstellbar lange Zeit! Und zu dem Frieden gesellte sich ein enormer wirtschaftlicher Wohlstand, den der gemeinsame Markt im Haus Europa geschaffen hat.

Die Tragikomödie, die die britische Politik zurzeit aufführt, wirkt vor diesem Hintergrund noch bedrückender. Das Entsetzen über die Wirkungskraft politischer Rattenfänger und über den Schaden, den die Basisdemokratie angerichtet hat, ist verständlich. Aber wie weit sich ein Teil der Realität in der heutigen EU von den Entstehungsidealen entfernt hat, das ist noch schlimmer. Es ist geradezu eine Beleidigung der visionären und mutigen Gründerväter.

Die britischen Brexit-Wähler stehen nicht allein. In vielen europäischen Ländern haben in den letzten Jahren Parteien an Einfluss gewonnen, die die EU aufgeben wollen. Mit großenteils unsinnigen Argumenten geißeln sie angebliche Brüsseler Vorherrschaft und Einmischung. Was sie offenbar nicht sehen, ist die friedensbewahrende Wirkung der Europäischen Einigung. Das heißt, das Wichtigste sehen sie nicht.

Wie abgestumpft und geschichtsvergessen muss man sein, wenn es so weit gekommen ist?!

Der Autor

Kurt Gerhardt ist ehemaliger WDR-Redakteur und sitzt im Vorstand des Katholikenausschusses der Stadt Köln.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

Von Kurt Gerhardt