Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Birgit Stollhoff über das Sonntagsevangelium

An unseren Wunden wird er uns erkennen

Im Sonntagsevangelium legt ein Freund dem anderen die Finger tief in die Wunde: der "ungläubige" Thomas dem auferstandenen Jesus. Was soll diese Geste? Schwester Birgit Stollhoff legt den Text aus.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ |  Bonn - 23.04.2017

Impuls von Schwester Birgit Stollhoff

Der ungläubige Thomas – kaum ein Osterevangelium sieht man so oft auf Bildern oder noch häufiger – weil das dann so schön plastisch ist – als Figurengruppe. Der hartnäckige Thomas, der nicht dabei war, als Jesus das erste Mal gekommen ist, und es jetzt erst recht und ganz genau wissen will: Thomas erscheint oft wie ein neugieriges Kind, das gerade den Unterschied zwischen wahr und falsch lernt, zwischen beweisbarer und unbewiesener Behauptung. "Wer nicht fragt, bleibt dumm!" möchte man das mit der Sesamstraße kommentieren.

Mir fällt an den Darstellungen etwas Anderes auf: eine oft schwer erträgliche Intimität. Da legt ein Freund dem anderen die Finger tief in die Wunde hinein. Das ist eine zutiefst nahe, grenzüberschreitende Berührung! Unser Sprachgebrauch macht das deutlich: "Den Finger in die Wunde legen" – da legen wir eine empfindliche Stelle beim Anderen gnadenlos offen. Sind wir gar bösartig, "streuen wir Salz in die Wunde". Meinen wir es gut mit dem anderen, dann "decken wir es zu" oder haben Verständnis, wenn jemand sich zurückzieht, um wie eine Katze "seine Wunden zu lecken."

Wunden sind nichts für die Öffentlichkeit! Warum macht Thomas dann so etwas mit einem Freund? Ein Pfarrer, mit dem ich befreundet bin, hat auch keine Angst vor solchen Wunden. In unseren Gesprächen fordert er mich regelmäßig auf, die eigenen Verletzungen anzuschauen: Wunden seien die Einfallstore Gottes, die Punkte, wo Gott mich mit seiner Gnade verwandeln kann.

Das habe ich lange nicht verstanden. Bis mir klargeworden ist, dass ich Gott, wie ich es sonst im Job gewöhnt bin, auch erstmal meine Stärken anbiete, meine "Schokoladenseiten". Vielleicht braucht Gott die aber gerade nicht. Vielleicht braucht Gott manchmal genau meine Schwächen, meine Verletztheit, um wirken zu können. Wunden als Sollbruchstelle für den Heiligen Geist. Und so gern ich im Gegensatz zu Jesus die vernarbte Hand oft wegziehen würde, so ist es doch nicht meine Aufgabe, Gott vorzuschreiben, was er braucht. Meine Aufgabe ist es, ihm beides anzubieten.

Meine Erfahrung mit meinen Mitmenschen bestätigt das: Wer selbst verwundet ist, kann Mitleid empfinden, hat Verständnis für die Verletzungen des Gegenübers. Unsere Wunden und Narben sind Teil unserer Identität, sie formen unsere Person. Und das fragt Thomas hier an: Bist Du mein Freund? Bist Du der, der zum Schluss am Kreuz gestorben ist oder ein fremder Geist? Thomas klärt stellvertretend für uns alle Jesu Identität, er sichert die Beziehung zum Auferstandenen für uns. Und Gott bleibt sich treu: Auch der Auferstandene trägt die Menschen-Wunden.

An seinen Wunden erkennt Thomas für uns Jesus. Und ich bin überzeugt, dass Gott uns im Tod auch an unseren Wunden erkennen wird.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ

Evangelium nach Johannes (Joh 20, 19-31)

Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert. Thomas, genannt Didymus - Zwilling -, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.

Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.

Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt, und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!

Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus - hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.

Die Autorin

Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, arbeitet beim Sankt Michaelsbund in München, studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern und ist mitverantwortlich für die Öffentlichkeits- und Medienarbeit ihres Ordens.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.