Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Pater Christoph Kreitmeir über das heutige Sonntagsevangelium

Gegen eine nutzlose Frömmigkeit

Mit seiner Rede über das Gesetz und die Propheten will Jesus den Willen Gottes neu und unverfälscht verkünden, sagt Pater Christoph Kreitmeir. Dabei geht es Jesus um mehr als bloße Gesetzestreue.

Von P. Christoph Kreitmeir OFM |  Bonn - 12.02.2017

Impuls von Pater Christoph Kreitmeir

So kennen wir Jesus kaum, wie er uns heute im Matthäusevangelium gezeigt wird: Deutlich, abgrenzend, hart und fordernd. Es geht in diesem Teil der Bergpredigt um Jesu Kritik an aufgesetzter, nicht von Herzen kommender und damit nutzloser Frömmigkeit. Klarer und eindringlicher kann ER es kaum ausdrücken: "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist ... Ich aber sage Euch ..."

Jesus will eine "größere Gerechtigkeit" als sie von den Gesetzesfrommen aller Zeiten ohne Herz und Einfühlungsvermögen gelebt wird. Erst vor kurzem musste ich erleben, wie ein Pfarrer nach einer Sonntagspredigt einen Beschwerdebrief von so einem "Frommen" bekam, der ihn als Häretiker, also Irrgläubigen, bezeichnete. Auch an den Bischof ging eine Kopie des Schreibens. Die dem Priester vorgeworfenen Punkte atmen aber den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, den der engherzige Briefschreiber wohl ablehnt.

Jesus will aufrichtige, auf-richtende und damit barmherzige Frömmigkeit. Gesetzestreue ist gut, aber sie muss einhergehen mit Liebe, Weite und der Kunst, aufzubauen und nicht niederzureißen.

Gott will, dass unser Leben glückt. Dafür hat er uns auch seine Gebote gegeben. Jesus – Gottes Sohn – mahnt mit seinen sich immer wiederholenden Worten "Ich aber sage Euch ..." den Sinn hinter den Geboten nicht zu übersehen. Gesetzesfromme sind nicht selten in der Gefahr, den Wald vor lauter Bäumen, den Sinn vor lauter Paragrafen nicht mehr zu sehen.

Mit deutlichen und kompromisslosen Worten will Jesus unser Herz erreichen, den Bereich unseres Seins, aus dem die Gedanken, Gefühle, Taten und Gewohnheiten unseres Lebens entspringen. Jesus will Echtheit, Stimmigkeit, ein klares JA und ein deutliches NEIN, kein Wischi-Waschi oder fromme Fassaden, hinter denen sich dann doch wieder nur Egoismus verbirgt.

Jesus von Nazareth war durchdrungen vom Geist der Thora, von einer Weisheit des Judentums, die Leben fördert und nicht hindert. Seit langer Zeit gibt es unter anderem folgende Weisungen im Umgang mit unseren Gedanken, die aus unserem Inneren kommen:

"Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Deine Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Deine Gefühle.
Achte auf Deine Gefühle, denn sie werden Dein Verhalten.
Achte auf Deine Verhaltensweisen, denn sie werden Deine Gewohnheiten.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.
Achte auf Dein Schicksal, indem Du jetzt auf Deine Gedanken achtest."

Achtsamkeit im Leben fängt bei unseren Gedanken an. Jesus wusste das. Er lehrte entsprechend und, was viel wichtiger ist, er lebte es vor.

Von P. Christoph Kreitmeir OFM

Evangelium nach Matthäus (Mt 5, 17-37)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du gottloser Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.

Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe. Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, so lange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist. Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen, und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben, und du wirst ins Gefängnis geworfen. Amen, das sage ich dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.

Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.

Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs. Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.

Der Autor

P. Christoph Kreitmeir ist Franziskaner und arbeitet als Priester, Seelsorger und psycho-spiritueller Lebensberater.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.