Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester M. Salome Zeman über das Sonntagsevangelium

Gottes eifersüchtige Liebe

"Ich will, dass du mich am allerliebsten hast": So übersetzt Schwester Salome Zeman den Satz Jesu: "Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig." Sie legt das Evangelium aus und erklärt, wie Gott zugleich die Liebe und ein eifersüchtiger Gott sein kann.

Von Sr. M. Salome Zeman OSF |  Bonn - 01.07.2017

Impuls von Schwester M. Salome Zeman

Neulich sagte ein Kind zu mir: "Ich hab dich dreiundneunzig siebzehn lieb." Tja. Was sollte ich schon sagen? Bei so einer Vorlage blieb nur eines: "Und ich hab dich siebenundachtzig vierunddreißig lieb." Das Kind war glücklich und ich war es auch. Manchmal kann das Leben so einfach sein.

Im heutigen Evangelium klingt das nicht ganz so simpel. "Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig…" Bisher war meine Erfahrung immer, dass dieses Liebe-Vergleichen einen direkten Zusammenhang mit Eifersucht hat. Wenn Kinder solche Sachen sagen wie "Ich hab die Mama viel lieber als du", dann ist der Konkurrenzkampf der Geschwister um die Liebe der Mutter offensichtlich. Was also will Jesus von mir? Ganz einfach umformuliert lande ich bei folgendem Satz: "Ich will, dass du mich am allerliebsten hast." Einem Kind, das so etwas fordert, wird Vater oder Mutter vermutlich antworten: "Ich habe dich am allerliebsten. Und deine Geschwister auch." Aber Jesus ist kein Kind – also was heißt dieser Satz?

Ich glaube, ich muss zwei Grundbedingungen akzeptieren und in meine Überlegungen miteinbeziehen: 1. Gott ist die Liebe und 2. Gott ist eifersüchtig. Der erste Punkt ist biblisch (1 Joh 4,16) und leicht zu verstehen. Der zweite braucht vielleicht etwas mehr Erklärung: Auch dieser Satz ist biblisch (Dtn 5,9), aber ich verstehe eifersüchtig hier weniger als rachsüchtig, sondern viel mehr als einen Ausdruck dessen, dass Gott uns Menschen so sehr liebt, dass es für ihn nicht auszuhalten ist, wenn wir ihn links liegen lassen.

Wenn ich den Satz "Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig" lese, und dabei bedenke, dass Gott, also die Liebe selbst, diesen Satz spricht, verändert sich mein Blick. Wenn ich die Liebe selbst am meisten liebe, dann wird davon meine Liebe zu meinen Eltern oder Kindern nicht kleiner, sondern umso größer. Die Liebe zu Gott heiligt die Liebe, die ich zu Menschen habe. Und ja, Gott ist eifersüchtig genug, dass er sich in allem und durch alles von mir lieben lassen will. Wenn ich ihn zuerst liebe, dann liebt er durch mich auch die Menschen, die ich liebe, dann kann seine Liebe die Welt durchdringen. Und nur, wenn ich das zulassen kann, dass er mich so sehr und so eifersüchtig liebt, kann ich auch das zweite ertragen, was das Evangelium von mir verlangt: mein Kreuz auf mich zu nehmen und mein Leben zu verlieren. Das macht Liebe aus: es geht nicht mehr um mich, sondern um den, den ich liebe. Für ihn bin ich bereit, alles zu verschenken; wenn es sein muss, auch mein Leben.

Von Sr. M. Salome Zeman OSF

Evangelium nach Matthäus (Mt 10, 37-42)

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.

Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mit nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.

Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil er ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil er ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten.

Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

Die Autorin

Schwester M. Salome Zeman ist Franziskanerin von Sießen, Diplomtheologin und studiert in Freiburg Englisch.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.