Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Birgit Stollhoff über das Sonntagsevangelium

Gottes Maßlosigkeit

Weil Gott die Welt so sehr liebt, wollte er uns Menschen frei machen von der Angst ums eigene Leben, schreibt Schwester Birgit Stollhoff. Sie legt das Sonntagsevangelium nach Johannes aus.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ |  Bonn - 10.06.2017

Impuls von Schwester Birgit Stollhoff

Facebook sagt uns, wie viele Freunde wir haben; der Kontostand, wie reich wir sind, unser Geburtstag, wie alt wir sind. Das Zeugnis in der Schule oder der IQ legt fest, wie klug wir sind. Wir messen, wie schnell wir gejoggt sind und die Waage oder Kleidergröße sagt, wie wir aussehen.

Unsere Vergangenheit bemessen wir mit unserem Bankberater nach "mein Haus, mein Auto, mein Boot" und für die Zukunft orientieren wir uns an Statistiken. Wir bemessen unser Leben mit Zahlen. Und wir müssen rechnen, schließlich hat unser Leben ein Ablaufdatum, unsere Zeit ist begrenzt. Da, wo Ressourcen begrenzt sind oder ein Zuviel oder Zuwenig schädlich sind, helfen Zahlen beim Ausbalancieren. Zu viele Abgase belasten die Umwelt, zu viel Arbeit stresst die Familie, zu viel Zucker schadet der Gesundheit.

Gesetze sind auch eine Form des Ausbalancierens in der Gesellschaft. Sie legen fest, was der Einzelne tun darf und was die Konsequenzen sind, wenn der Einzelne die Grenzen überschreitet. Aber darin offenbart sich auch das Dilemma: Wer misst, verurteilt auch. Wer sich an die Gesetze hält, bleibt in der Norm der Gesellschaft. Wer sich nicht an sie hält, der Norm nicht entspricht, ist – was? Ein Straftäter? Selten. Unnormal? Ein Außenseiter? Querschläger? Recht wird dem Einzelnen mit seiner einzigartigen Lebensgeschichte nie ganz gerecht. Zahlen und Gesetze sind zu eng für unser Leben.

Gott hat deshalb ein ganz besonderes Maß gesetzt: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingegeben hat". Ausgerechnet das Kreuz, der ungerechte Tod Jesu Christi, wird hier zum Zeichen von Gottes Liebe. Weil Gott "so sehr" liebt, wollte er uns so frei machen von der Angst ums eigene Leben, um die eigenen Begrenzungen. Jesu Tod hat die tickende Uhr, hat unser Hamsterrad, angehalten: Habt keine Angst. Hört auf zu rennen, zu vergleichen. Gottes Liebe, sein "so sehr" ist weit genug für alle Menschen, in seiner Ewigkeit kommt niemand zu kurz.

Und wir, mit unserem Berechnen: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?" Wir verurteilen uns selber. Es wird immer jemanden geben, der besser ist als wir, mehr verdient, schlauer ist und, und, und. Wer ständig versucht, ja alles richtig zu machen, wird eng, skrupulös, bleibt in der Begrenzung seines Lebens stecken.

Was es bedeutet, wenn wir uns in den Augen Gottes sehen würden, beschreibt Teresa von Avila, indem sie Gott zur Seele sprechen lässt: "In meines Herzens Tiefe trage ich Dein Portrait, so echt gemalt, sähst Du, wie es vor Leben strahlt, verstummte jede bange Frage." (Übersetzung Erika Lorenz). Wenn wir uns mit Gottes Augen sehen würden, würden wir erkennen, wie großartig wir sind, wie vollkommen. Nur wer viel hat, wer zu viel hat, kann etwas verschenken. Wenn ich mich "so sehr" von Gott geliebt fühle, kann ich "so viel" mehr. Manchmal, wenn es sehr still ist in meinem Leben, ahne ich, wieviel Freiheit, wie viel Reichtum in diesem "so sehr" steckt. Und dann, erst in diesem Reichtum, beginnt die eigentliche Nachfolge, die echte Erlösung.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ

Evangelium nach Johannes (Joh 3, 16-18)

Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.

Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.

Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.

Die Autorin

Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, arbeitet beim Sankt Michaelsbund in München, studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern und ist mitverantwortlich für die Öffentlichkeits- und Medienarbeit ihres Ordens.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.