Stammtischparolen unter der Lupe
Flüchtlings-Experte Gisbert von Haugwitz gibt Antworten

Stammtischparolen unter der Lupe

Vorurteile sind oberflächlich - aber sie verbreiten sich dennoch. Das spüren auch Flüchtlinge, die mit Stammtischparolen konfrontiert werden. Für katholisch.de hat Gisbert von Haugwitz typische Vorurteile über Migranten kritisch unter die Lupe genommen.

Von Janina Mogendorf |  Bonn - 19.06.2015

These: "Ein Asylant ohne iPhone ist im heutigen Deutschland ein Mensch zweiter Klasse."

Gisbert von Haugwitz: Ein Smartphone ist für Flüchtlinge kein Luxusartikel, sondern oft die einzige Möglichkeit, bezahlbar den Kontakt mit Daheimgebliebenen aufrecht zu erhalten. Es dient ihnen auch als kleiner Computer, der ihnen mit Übersetzungsprogramm, Stadtplan und anderen nützlichen Apps das Leben in Deutschland ungemein erleichtert.

Familie in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte
Bild: © katholisch.de

Familie in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte

These: "Asylant, zwang- und leistungsloses Einkommen, Kleidung, Essen, Wohnraum, kostenfreie medizinische Versorgung. Das ist einiges mehr, als wir Einheimischen zugestehen."

von Haugwitz: Man könnte auch sagen: Asylbewerber, oft eingepfercht in Massenunterkünften, teilweise sogar in Containern, mit Kleidung von der Resterampe, häufig das immer gleiche fremde und sehr einfache Essen. Meist dürfen sich Flüchtlinge in der Erstaufnahme gar nicht selbst versorgen! Eine medizinische Versorgung ist nur nach Vorsprache beim Sozialamt und nur bei potentiell lebenswichtigen Behandlungen vorgesehen.

Mädchen in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte
Bild: © katholisch.de

Mädchen in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte

These: "Ich will auch gratis im 4* Hotel wohnen. Ich glaube, ich werde Asylant."

von Haugwitz: Wenn Asylbewerber im Hotel leben, dann teilen sie sich das Zimmer mit drei oder vier fremden Personen und werden argwöhnisch von anderen Gästen angesehen. Sie sind nicht als Tourist anwesend, der seinen Urlaub genießt, sondern weil sie Heimat, Familie und Freunde verlassen mussten, nachdem die dortigen Zustände ihnen keine andere Wahl mehr ließen. Stattdessen wissen sie mit Sicherheit, dass sie in den nächsten Jahren kaum Möglichkeiten haben werden, an Dinge wie Urlaub auch nur zu denken.

Flüchtlingsheim mit alter Frau, Tweet in Bildmitte
Bild: © katholisch.de

Flüchtlingsheim mit alter Frau, Tweet in Bildmitte

These: "Typisch Asylant! Nix arbeiten dürfen, aber maulen!"

von Haugwitz: Gerade die Deutschen, die so bekannt sind für ihren Arbeitsethos und Fleiß, sollten Verständnis haben, dass auch Flüchtlinge gerne arbeiten wollen. Nach den traumatischen Erlebnissen der Flucht auf Dauer dem Nichtstun und seinen meist sorgenvollen Gedanken in tagtäglicher Langeweile ausgeliefert zu sein, ist eine extreme Belastung. Damit einher geht das ungute Gefühl, anderen auf der Tasche zu liegen, obwohl man genauso gut für seinen Unterhalt selbst aufkommen könnte.

Junge Frau in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte
Bild: © katholisch.de

Junge Frau in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte

These: "Nur als Asylant ist deine Existenz in Deutschland bedingungslos gesichert, nicht jedoch als Deutscher."

von Haugwitz: Die Existenz als Flüchtling wird hier auf niedrigstem Niveau "gesichert". Sie haben ein Dach über dem Kopf und ein Bett, in dem sie schlafen können und sind - vorerst - nicht mehr der Verfolgung im Heimatland ausgesetzt. Andererseits leben sie zermürbend lange im Ungewissen, ob sie nicht vielleicht doch zurückgeschickt werden. Davon abgesehen, vermitteln die nahezu täglichen Ausschreitungen und Proteste gegen Asylbewerber und Flüchtlingswohnheime garantiert kein Gefühl der Sicherheit.

Flüchtlingsheim zwei Kinder, Tweet in Bildmitte
Bild: © katholisch.de

Flüchtlingsheim zwei Kinder, Tweet in Bildmitte

These: "Eltern renovieren Schulen, weil kein Geld da. Kein Geld? Wo isses? Ach ja, Flüchtlingsunterkünfte wichtiger."

von Haugwitz: Deutschland ist per Gesetz verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen. Die dabei aufkommenden Kosten werden auf Staat, Land und Kommune verteilt. Während Mega-Bauprojekte wie der Flughafen in Berlin oder die Elbphilharmonie in Hamburg zum Milliardengrab öffentlicher Gelder werden, platzen viele Wohnheime und Flüchtlingsunterkünfte aus allen Nähten. Sie sind oft baufällig und heruntergekommen. Neue Einrichtungen werden aus Kostengründen oft in preiswerter Fertigbauweise oder mit Containern erstellt. 

Junge in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte
Bild: © katholisch.de

Junge in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte

These: "Kommt alle her, die ihr kein Bock habt euer Land aufzubauen und ruiniert unseres. Das ist leichter." #Wirtschaftsflüchtlinge

von Haugwitz: Wie soll ich ein Land aufbauen, wenn ich um mein Leben und das meiner Familie fürchten muss? Wenn mein Haus bombardiert wird, wenn meine Volksgruppe verfolgt und vernichtet wird? Auch die Deutschen haben ihr Land erst nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges und auch nur unter massiver Unterstützung der Alliierten aufgebaut.

Mann in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte
Bild: ©

Mann in Flüchtlingsheim, Tweet in Bildmitte

Tweet: "Viele Asylanten sind hochqualifizierte Elefanten-Jäger, Wacka-Wacka-Tänzer und Hirsestampfer."

von Haugwitz: ...und viel mehr Asylbewerber und Flüchtlinge sind qualifizierte Handwerker, Ingenieure, Apotheker und Ärzte. Derzeit kommen die meisten Flüchtlinge aus Syrien. Viele von ihnen haben studiert und sind sehr gut ausgebildet. Von professionellen Wacka-Wacka-Tänzern habe ich indes noch nie gehört!

Zur Person

Gisbert von Haugwitz ist Heimleiter in der DRK Flüchtlingsnotaufnahme Vorgebirgstraße in Köln. Der Politologe wurde 1969 in Münster geboren. Er ist verheiratet und hat Zwillinge.

Von Janina Mogendorf