Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Charis Doepgen über das Sonntagsevangelium

Straßenexerzitien auf dem Weg nach Emmaus

Das Emmaus-Evangelium will uns in Bewegung bringen, schreibt Schwester Charis Doepgen. Es gehe aber nicht um ein "Nichts wie weg", sondern um ein "Reden wir darüber", das zu neuem Aufbruch ermutige.

Von Sr. Charis Doepgen OSB |  Bonn - 29.04.2017

Impuls von Schwester Charis Doepgen

Ob Emmausgang oder Ostermarsch, Ausflug ins Grüne oder Friedensdemonstration – die Emmausjüngern des Lukas haben eine beachtliche Wirkungsgeschichte. Die beiden Männer, die da von Jerusalem nach Emmaus unterwegs sind, können auch uns in Bewegung bringen, wenn wir ihre Erfahrung an uns herankommen lassen.

Es gibt mehrere Orte mit dem Namen und dem Anspruch, das biblische Emmaus aus dem Lukasevangelium zu sein. Genaues weiß man nicht. Ist auch egal – mir jedenfalls. Die Landkarte meines Glaubens ist kein geografisches Messtischblatt. Emmaus ist ein Sehnsuchtsort. Das hat vor allem mit den Wegen dorthin zu tun. Der Ausgangpunkt ist eher eine Ausgangslage mit dem Gefühl: Weg von hier! Nichts wie weg! Da waren Hoffnungen gestorben, Träume geplatzt. Statt Zukunft tut sich nur der traurige Rückweg auf. – Genau hier mischt sich der Glaube unter die vielen, vielen anderen, die auch unterwegs sind und den geheimen Sinn in ihren Erfahrungen und Erlebnissen suchen. "Reden wir darüber" – Motto einer politischen Sonntagssendung – erweist sich als entscheidender Impuls. Miteinander sprechen über das, was uns wirklich bewegt, was uns umtreibt. Das geht mit Freunden, das geht auch, oft besser sogar, mit Fremden. Da ist plötzlich jemand, der zuhört und die richtigen Fragen stellt; jemand, der Zusammenhänge erkennt und erklären kann - ein Exerzitienmeister oder eine Exerzitienmeisterin inkognito. In der Gesellschaft dieses Menschen erhellt sich dunkle Vergangenheit, zeigt sich die Gegenwart wieder freundlich. – Wer seine Erfahrungen in einem neuen Licht sehen kann, wird erahnen, dass da noch ein ganz anderer seine Hände im Spiel hat. Verlässliches Zeichen dafür ist das brennende Herz.

Den Emmausjüngern wird das gemeinsame Mahl mit dem Fremden zum Ort der Gewissheit. Hier gehen ihnen die Augen auf – nicht um zu sehen, sondern als Gewissheit: Schon im Wort der Schrift, schon im miteinander Reden war der Auferstandene unser Gefährte.

Erfahrungen unterwegs auf den Straßen unseres Alltags können zu Emmauserfahrungen werden: Wo wir traurig unterwegs waren und mit einer Hoffnung heimkehren. Wo uns jemand die Augen öffnet für einen neuen Blick auf unsere Unheilsgeschichte. Wo eine Mahlgemeinschaft unseren Hunger nach Leben stillt. Wo wir Ermutigung zu neuem Aufbruch erfahren und uns die Freude darüber antreibt. – Emmauswege sind die Infrastruktur unseres Glaubens. Sie sind Straßen auf denen wir nie alleine sind.

Straßenexerzitien:

UNTERWEGS
das BLEIBENDE finden
auf Straßen
die scheinbar wegführen
kann es geschehen
dass plötzlich einer da ist
der aufhorchen lässt

er hat den Durchblick
wo deine Augen gehalten sind

lass ihn nicht weiterziehen
bis du verstehst
und er deinem Hunger
das Brot bricht

Von Sr. Charis Doepgen OSB

Evangelium nach Lukas (Lk 24,13-35)

Am ersten Tag der Woche waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist. Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte. Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu und ging mit ihnen. Doch sie waren wie mit Blindheit geschlagen, sodass sie ihn nicht erkannten. Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet?

Da blieben sie traurig stehen, und der eine von ihnen - er hieß Kleopas - antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Er fragte sie: Was denn?

Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und dem ganzen Volk. Doch unsere Hohenpriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen. Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.

Aber nicht nur das: Auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab, fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe. Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.

Da sagte er zu ihnen: Begreift ihr denn nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen? Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.

So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleib doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach das Brot und gab es ihnen. Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht mehr. Und sie sagten zueinander: Brannte uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erschloss?

Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt. Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen. Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.

Hinweis: In den Direktorien ist vorgesehen, dass heute zwischen zwei Evangelien gewählt werden kann. Den Text Joh 21,1-14 und einen kurzen Impuls dazu finden Sie im Kalenderblatt von katholisch.de.

Die Autorin

Schwester Charis Doepgen OSB ist Benediktinerin in der Abtei St. Erentraud in Kellenried bei Ravensburg.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.