Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Birgit Stollhoff über das Sonntagsevangelium

Vertraut, neu und voller Reichtum

Als verwandelt, strahlend weiß und zu Gott gehörig tritt Jesus im Evangelium der Verklärung Christi auf. Was das bedeutet, beschreibt Schwester Birgit Stollhoff in ihrer Auslegung der Bibelstelle.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ |  Bonn - 05.08.2017

Impuls von Schwester Birgit Stollhoff

"Something old, something new, something borrowed, something blue, and a silver sixpence in her shoe". - "Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes, etwas Blaues und eine silberne Münze im ihrem Schuh".

So geht ein altes Volkslied, dass bis heute in englischen Hochzeitsratgebern zitiert wird: Die Braut soll etwas Altes und etwas Geborgtes tragen als Zeichen der Verbundenheit mit ihrer Familie, ihrem "alten" Leben. Sie soll etwas Neues anziehen zu diesem neuen Lebensweg und etwas Blaues - das symbolisiert Reinheit, Loyalität. Und Geld im Schuh als Zeichen für Reichtum, dafür, dass dieser neue Weg reichen Segen bringt.

Ein wenig erinnert mich die Szene von Jesu mit den drei Jünger am Berg Tabor – die "Verklärung Jesu" – an diesen Spruch. Beide Male geht es um Berufung, um einen Höhe- und Wendepunkt.

Die beiden Propheten, Moses und Elija, sind den Jüngern vertraut. Sie stehen für die Tora, das jüdische Gesetz und die Prophetenbücher. Beides, Gesetz und Propheten, wollen die Jünger in dieser besonderen Stunde gleich dabehalten: Bleibt, ihr gehört dazu, zu diesem unserem neuen Weg. Und obwohl die Jünger hier die Hütten nicht bauen können – Moses und Elija sind in diesem Moment nur eine "Leihgabe Gottes" an diesem Höhepunkt – die Tora und die Propheten, das Alte Testament sind uns erhalten geblieben. Das Christentum hat sein jüdisches Erbe, vor allem die Schriften, stets bewahrt.

Gleichzeitig macht gerade diese Bibelstelle den Neuanfang deutlich: Jesu tritt hier verwandelt auf, strahlend weiß, zu Gott gehörig, neu und unvertraut. Hier wird Jesu Wesen offenbar, seine Berufung: "Das ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören." In diesem Ereignis wird den drei ausgewählten Jünger das ganz Neue an ihrem Weg mit Jesu und an dem Weg Gottes mit seinem Volk gezeigt: Gott ist Mensch geworden, hat einen Sohn. Gott verbindet sein Schicksal als Mensch mit uns Menschen. Das ist neu und das ist Liebe! In der Verklärung deutet sich schon das Leiden an: Wer liebt, will den Weg des anderen mitgehen, durch alle Nöte und Ängste. Gott bleibt in den Menschen treu. In diesem neuen, zweiten Bund zeigt er sich als Gott, der die Menschen so sehr liebt, dass er auch mit ihnen und für sie stirbt.

Der Berg steht für Höhepunkte, für Erkenntnisse und für besondere Bindungen zwischen Menschen und Gott. Und er zeigt schon den Weg ins Tal an, zurück in die Bewährungsprobe Alltag. Wer jetzt im Sommer wandert, kann die Erfahrung im Kleinen teilen: Man steigt an mit viel Mühe bergauf, mal im Schatten, mal in der Sonne. Irgendwann ist der Alltagsärger "rausgeschwitzt" und man beginnt, die neue Aussicht zu genießen. Oben angekommen, sieht man die vertraute Landschaft in neuer Perspektive. Und manchmal geht einem das dann mit dem eigenen Leben genauso: die Situation ist alt und vertraut, erscheint aber gleichzeitig neu. Das sind Höhepunkte im Leben, kleine Berufungserlebnisse. Und was man auf dem Berg erkannt hat, muss sich im Tal, unten bei den Menschen, bewähren. Das gilt für jede Beziehung und Berufung, die Ehe, das Ordensleben, Gott und die Menschen.

Und die silberne Münze im Schuh? Der Reichtum hier ist die Erinnerung – Petrus erwähnt dieses Ereignis in seinem ihm zugeschrieben Brief. Seit dem Mittelalter ist es ein Fest in der Kirche. Und auch wir sind reich und können auf unsere Höhepunkte zurückschauen. Wir haben unsere Jubiläen, sammeln Fotos und Geschichten. All diese Erinnerungen machen den Reichtum unseres Lebens, unserer Berufung aus.

Von Sr. Birgit Stollhoff CJ

Evangelium nach Matthäus (Mt 17, 1-9)

In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.

Da erschienen plötzlich vor ihren Augen Mose und Elija und redeten mit Jesus. Und Petrus sagte zu ihm: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.

Noch während er redete, warf eine leuchtende Wolke ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören. Als die Jünger das hörten, bekamen sie große Angst und warfen sich mit dem Gesicht zu Boden.

Da trat Jesus zu ihnen, fasste sie an und sagte: Steht auf, habt keine Angst! Und als sie aufblickten, sahen sie nur noch Jesus. Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemand von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Die Autorin

Sr. Birgit Stollhoff CJ gehört dem Orden Congregatio Jesu (auch bekannt als Mary-Ward-Schwestern) an, arbeitet beim Sankt Michaelsbund in München, studiert Theologie im Fernstudium an der Universität Luzern und ist mitverantwortlich für die Öffentlichkeits- und Medienarbeit ihres Ordens.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreibt ein Pool aus Ordensleuten und Priestern für uns.