Eine Moderatorin des WDR-Senders "1live".

Öffentlich-rechtlicher Hörfunk

Die Stimme des Glaubens im Radio gehört zu den Medienformaten mit großer Tradition. Christliche Verkündigung wurde in der Bundesrepublik von Anfang an als Teil des Grundversorgungsauftrags des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verstanden. Vor allem nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs und auch wieder bei der Neuorganisation des Rundfunks nach der Wende von 1989 galten die Kirchen als besonders glaubwürdige und hinreichend staatsferne Vertreter des Gemeinwohls.

Von Joachim Opahle |  Kevelaer - 06.01.2015

Die Kirche wiederum bemächtigte sich erstaunlich zielsicher des neuen Mediums Radio und ließ in der bald 90-jährigen Geschichte kirchlicher Radioarbeit selten einen Zweifel daran, dass dem Hörfunk eine wichtige Rolle für die Verbreitung der christlichen Botschaft zuerkannt werden muss.

Dennoch wollen die Wortmeldungen der Kirchen im Radio kein Programm für eine gesellschaftliche Sondergruppe sein. Vielmehr richten sie sich stets an die Allgemeinheit. Indem sie die Buntheit des Alltags im Licht des Evangeliums und der kirchlichen Lehre deuten, Trauer verarbeiten helfen, soziale Entwicklungen kommentieren oder geistige, historische und kulturelle Vorgänge aufgreifen, können sie als eine Form öffentlicher Diakonie verstanden werden.

Zitat: Joachim Opahle

Die bisweilen auch heute noch anzutreffende etwas antiquierte oder allzu pastorale Art der Anrede hat freilich das Image der Kirchenworte lange geprägt. Die morgendlichen Worte für den Tag ragten "wie bemooste Mahnfelsen aus dem Programmfluss des Radiovormittags", monierte einmal ein Kritiker nicht zu Unrecht. Dahinter verbirgt sich die Erfahrung, dass die Glaubensworte der Kirchen sowohl strukturell als auch inhaltlich Fremdkörper im Programm darstellen. Formal handelt es sich bei den Verkündigungssendungen der Kirchen um die Wahrnehmung besonderer Senderechte ("Drittsenderecht"), die sonst nur noch den Parteien im Wahlkampf zuerkannt werden. Die Kirchen haben eigene Rundfunkbeauftragte, die für die kirchlichen Sendungen verantwortlich sind.

Dennoch wollen die Wortmeldungen der Kirchen im Radio kein Programm für eine gesellschaftliche Sondergruppe sein. Vielmehr richten sie sich stets an die Allgemeinheit. Indem sie die Buntheit des Alltags im Licht des Evangeliums und der kirchlichen Lehre deuten, Trauer verarbeiten helfen, soziale Entwicklungen kommentieren oder geistige, historische und kulturelle Vorgänge aufgreifen, können sie als eine Form öffentlicher Diakonie verstanden werden.

Dabei bleibt nicht aus, dass zuweilen unterschiedliche Auffassungen zwischen Sendern und Kirchen über Themen und Art der Ansprache aufeinandertreffen. Die Gleichsetzung von "Kirchenwort" mit "Quotenmord" ist zwar die Ausnahme, der Vergleich belegt aber, dass sich der kirchliche Verkündigungsanspruch von Fall zu Fall – ob zu Recht oder Unrecht – beispielsweise mit sozialkritischen oder friedensethischen Themen dem Wohlfühl-Mainstream sowie der schnellen Konsumierbarkeit verweigert, die auch in Programmen des öffentlich-rechtlichen Hörfunks gepflegt werden.

Insgesamt sind die kirchlichen Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Hörfunk in Deutschland jedoch in hohem Maße anerkannt und bewährt. Rund zwei Drittel der gegenwärtig 54 ARD-Radiowellen strahlen regelmäßig Kirchenprogramme aus, häufig in der Primetime. Dabei haben sich die Formate in den zurückliegenden Jahrzehnten zielgruppengerecht weiterentwickelt und reichen heute von 30 Sekunden dauernden Ethik-Spots bis zu einstündigen Live-Gottesdienstübertragungen. Den Großteil bilden klassische Kurzverkündigungssendungen wie die Worte für den Tag. Daneben haben sich aber auch viertel- und halbstündige Features über pastorale und geistliche Themen etabliert. Und auch zu abendlichen Sendezeiten sind die Kirchen mit Segensworten oder literarischen Gedanken im Programm vertreten.

In der Summe bestreitet allein die katholische Kirche in Deutschland mit ihren Verkündigungssendungen im öffentlich-rechtlichen Hörfunk pro Monat etwa 50 Stunden Sendezeit und erreicht damit regelmäßig weit mehr als 100 Millionen Hörer.

Literatur

Hober, David: Die Radiopredigt. Stuttgart 1996.

Von Joachim Opahle