Das Funkhaus des Bayerischen Rundfunks in München.

Rundfunkpolitik

Die Frage, wie die katholische Kirche ihre Rundfunkpolitik gestaltet, ist eine zentrale Frage, da es hier grundsätzlich darum geht, wie Kirche ihr Verhältnis zur modernen Gesellschaft für sich klärt und umsetzt. Richtschnur ihres Handelns bleibt die Pastoralinstruktion "Communio et Progressio" aus dem Jahre 1971: "Die neue Technik versammelt Zeitgenossen sozusagen um einen runden Tisch. (…) Die Kommunikationsmittel bilden gewissermaßen ein öffentliches Forum, auf dem das Gespräch der Menschen hin und her geht" (Abschnitt 19 und 24).

Von Klaus Koziol |  Kevelaer - 06.01.2015

Für die Kirche stellt sich hier eine entscheidende Frage: Wie kann sie die Bedeutung einer gesellschaftlichen Integration als Voraussetzung für eine gesellschaftliche Gerechtigkeit auf der einen Seite einfordern und auf der anderen Seite in dieser Situation selbst aktive Rundfunkpolitik betreiben?

Zitat: Klaus Koziol

Kirche bejaht den offenen Diskurs und versteht sich dabei nicht nur als Lieferantin von Informationen, sondern auch als Anwältin für eine adäquate Beteiligung aller relevanten Meinungen am runden Tisch. Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk erscheint der Kirche als eine passgenaue Umsetzung der Idee des runden Tisches für den Bereich des Rundfunks prädestiniert. Eine Gesellschaft gibt sich – im Idealfall – einen Rundfunk, der von den gesellschaftlichen Gruppen über einen Rundfunkrat kontrolliert wird. Jede gesellschaftliche Gruppe kann – wieder idealiter – ihre Vorstellungen, Meinungen und Wünsche an die Fernseh- und Hörfunkredaktionen herantragen und vertraut darauf, dass Journalisten ein möglichst getreues Bild der Wirklichkeit liefern. Dieser Anspruch wurde und wird von der Kirche immer wieder im (medien-)ethischen Diskurs eingefordert.

Doch für Kirche gilt noch ein Weiteres: Weil Kirche für sich und die Gesellschaft klar herausstellt, dass sie nicht nur Vertreterin kirchlicher Interessen ist, sondern ihr Interesse allen Menschen unserer Gesellschaft gilt, deshalb konnten in den Rundfunkstaatsverträgen den Kirchen als einziger gesellschaftlicher Gruppe auch eigenverantwortete Sendungen ermöglicht werden. Dass die Kirche hier große Möglichkeiten hat und noch immer großen Zuspruch erfährt, belegen die monatlich ca. 134 Millionen Hörer von Verkündigungssendungen im Hörfunk und die monatlich ca. 2 Millionen Zuschauer von Verkündigungssendungen im Fernsehen.

Mit Etablierung der privaten Hörfunk- und Fernsehsender ab Mitte der 1980er-Jahre begann ein gesellschaftlicher Prozess, der in seiner Dynamik bis zum heutigen Tag eine Herausforderung für die gesellschaftliche Integration darstellt: die Zersplitterung der Einheit der Öffentlichkeit als runder Tisch der gesellschaftlichen Meinungskondensierung hin zu sich selbst bestätigenden und relativ abgeschlossenen Teilöffentlichkeiten.

Für die Kirche stellt sich hier eine entscheidende Frage: Wie kann sie die Bedeutung einer gesellschaftlichen Integration als Voraussetzung für eine gesellschaftliche Gerechtigkeit auf der einen Seite einfordern und auf der anderen Seite in dieser Situation selbst aktive Rundfunkpolitik betreiben?

Der bisherige Partner der Kirche, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, erfährt durch den gesellschaftlichen Desintegrationsprozess einen gravierenden Bedeutungsverlust, auch und gerade durch je zielgruppenspezifisch genaue Angebote im Fernsehen – aber natürlich vor allem durch die internetgestützten Angebote. Die Ausgangsbedingungen aus den Zeiten der Gründung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden total auf den Kopf gestellt: Es gibt nicht mehr das Publikum, das mit einem integrierenden Programm vorliebnehmen muss, sondern es gibt jetzt für jede Zielgruppe ihr eigenes programmliches Segment.

Die Dimension der Öffentlichkeit, für die die Kirchen immer als Ermöglichung der Einheit und des Zusammenlebens einer Gesellschaft gekämpft haben, erfährt einen dramatischen Bedeutungsverlust und ist in der Auflösung begriffen. Wenn Kirche ihren Auftrag zum Wohl aller Menschen in dieser Gesellschaft ernst nehmen will, dann muss sie hier Modelle suchen und finden, damit der Ermöglichungsfaktor Rundfunk und Medien für die notwendige gesellschaftliche Integration erhalten bleibt. Die im Sommer 2011 vorgelegte Denkschrift "Virtualität und Inszenierung" umreißt genau diese Notwendigkeit. Darüber hinaus zeigt die sehr behutsame Vorgehensweise hin zu einem bundesweiten Fernseh-und Hörfunksender in katholischer Trägerschaft, dass Kirche nicht aktionistisch den scheinbar notwendigen Gesetzen des Marktes folgt, sondern dass für sie die Dimension der Einheit und der gesellschaftlichen Inklusion gerade durch die Medien eine zentrale Rolle darstellt. In diesem Sinne muss Rundfunkpolitik für Kirche weiterhin die Ermöglichung ihres Verkündigungsauftrages bedeuten, aber auch die Stärkung der Öffentlichkeit als Voraussetzung für Demokratie und gesellschaftliche Gerechtigkeit.

Literatur

Pastoralinstruktion "Communio et Progressio". 1971. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel: Ethik in der sozialen Kommunikation. 2000. Deutsche Bischofskonferenz – Publizistische Kommission: Virtualität und Inszenierung. 2011.

Von Klaus Koziol