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Das Wort zum Sonntag vom 06.07.2013

Das Wort zum Sonntag vom 06.07.2013 - gesprochen von Gereon Alter (kath.)

Inhalt Ein Auge ist, das alles sieht ...

gesprochen von Gereon Alter (kath.)

"Ein Auge ist, das alles sieht, auch wenn’s in finstrer Nacht geschieht." – Das Auge Gottes auf der Rückseite der amerikanischen Ein-Dollar-Note hat in diesen Tagen schon etwas Makaberes. Aus einem Gott, der alles sieht, ist eine Weltmacht geworden, die alles sehen will und dabei nicht einmal davor zurückschreckt befreundete Staaten auszuspionieren. Ist das nicht verrückt: dass ein Kontrollmechanismus, von dem wir glaubten, dass er längst überwunden sei, nun auf einmal (in ganz anderer, aber nicht weniger perfider Form) zurückkehrt? Früher hat man Gott herangezogen, um Menschen auszuforschen und einzuschüchtern. Einen Gott, der alles von mir weiß und nur darauf bedacht ist, mich bei irgendeinem Fehler zu ertappen. Ich kenne noch Menschen, die mit dieser Vorstellung groß geworden sind. Verhuscht und ängstlich sind sie durchs Leben gegangen. Gott sei Dank ist meine Generation nicht mehr so aufgewachsen. Gott sei Dank haben wir gelernt, dass der "Polizistengott" ein übles Zerrbild ist und nicht das, was die Bibel uns von Gott erzählt. Und nun kehrt der perfide Kontrollmechanismus in einer neuen Form zurück – und funktioniert wieder! Wieder müssen Menschen Angst davor haben, dass ein anderer etwas von ihnen weiß, was sie freiwillig niemals preisgeben würden. Wieder müssen Menschen damit rechnen, dass Informationen über sie ausgenutzt werden, um sie einzuschüchtern und gefügig zu machen. Warum funktioniert dieser Mechanismus so gut? – Ich glaube, weil er uns an einer sehr empfindlichen Stelle packt. Wir alle haben das Bedürfnis uns mitzuteilen und anzuvertrauen. Ohne das könnten wir gar nicht leben. Wir brauchen andere, die um uns wissen. Deshalb ist auch der saloppe Rat, doch keine Daten herauszugeben, nicht wirklich hilfreich. Wir müssen uns mitteilen, wenn wir menschlich und lebendig bleiben wollen. Perfide wird es nur, wenn uns das, was wir anderen anvertrauen – und sei es nur einer relativ anonymen Internetgemeinde – wenn uns das gegen unseren Willen entrissen wird. Deshalb ist es gut, dass gerade ein Ruck durch unsere Gesellschaft geht und die Frage des Datenschutzes so vehement diskutiert wird. Es ist gut, dass es Menschen wie Edward Snowden gibt, die ihren Finger in die Wunde legen. Und es ist gut, dass die Amerikaner nun Rechenschaft über ihre mysteriösen Aktivitäten geben müssen. Aber wird uns das allein von dem üblen Kontrollmechanismus befreien? Ich glaube, dazu braucht es noch etwas anderes. Wir müssen lernen, ihn zu durchschauen. Denn bei allem Guten, dass die modernen Informationstechnologien haben, und bei aller Angewiesenheit auf sie – über eines dürfen wir uns nicht täuschen: Sie werden uns niemals das geben können, was wir uns insgeheim doch erhoffen. Sie werden uns weder ein Gefühl von Sicherheit geben, noch das Gefühl, wirklich gesehen und so, wie wir sind, gewollt zu sein. Dieses Gefühl kann uns nur ein anderer geben. Einer, der uns eben nicht Tag und Nacht ausspät und kontrolliert, sondern mit großem Wohlwollen auf uns schaut und uns gerade aus den Abhängigkeiten, in die wir uns so leicht verstricken, herausführen will. Mir jedenfalls tut es gut, mich einem solchen Gott anzuvertrauen. Dann muss ich das, was ich an Persönlichstem in mir trage, nicht anonymen und unsicheren Medien anvertrauen, sondern habe dafür einen eigenen, höchst verlässlichen Raum. Übrigens: auf der amerikanischen Ein-Dollar-Note steht auch der Satz "In God we trust": "Auf Gott vertrauen wir". Ein wenig mehr davon, und wir müssten nicht so höllisch achtgeben, was wir noch dem Telefon und dem Internet anvertrauen und dem, was nur bei Gott gut aufgehoben ist.