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Das Wort zum Sonntag vom 25.11.2017

Beziehungswahrheit - gesprochen von Gereon Alter (kath.)

"Was ist Wahrheit?" – Sie hat Weltgeschichte geschrieben und ist gerade aktuell wie nie: die Frage des Pontius Pilatus. Er stellt sie, weil er diesen Jesus, den man zu ihm bringt, nicht näher kennt. Stimmt das, was er sagt, oder stimmt es nicht? Ist es richtig, ihn zu verurteilen oder nicht? "Was ist Wahrheit?" Ich bin fest davon überzeugt, dass man sich einlassen muss, wenn man herausfinden will, ob etwas wahr oder unwahr ist; ob eine Entscheidung richtig ist oder ob sie falsch ist. Wahrheit gibt es nicht als sauber abgepacktes Handelsgut. Wahrheit muss herausgefunden werden. Und das ist ein wahrlich mühsames Geschäft. Denn es verlangt eben, dass man sich einlässt – auf die Sache, um die es geht; und auf die Menschen, mit denen man um die Sache ringt. Deshalb gehöre ich nicht zu denen, die sich über das langwierige Sondieren der sog. Jamaika-Parteien mokiert haben. Ich habe großen Respekt vor denen, die da über Wochen miteinander in Beziehung getreten sind und ernsthaft um Kompromisse gerungen haben. Freunde in den USA beneiden mich darum, dass unsere Politik nicht nur zwei verschiedene Farben kennt, sondern auch um Zwischentöne weiß. Wie auch immer die aktuellen Schwierigkeiten gelöst werden: die Herausforderung wird uns erhalten bleiben.

Wir wollen den Klimawandel in den Griff bekommen und gleichzeitig unsere Wirtschaft nicht hemmen. Wir wollen offen sein für Menschen aus anderen Ländern und gleichzeitig unsere eigene Kultur bewahren. Wir wollen alle mobil sein und gleichzeitig keine langen Staus mehr haben. Wie um Gottes Willen soll das gehen? Mich bloß auf die eigene Meinung zurück zu ziehen oder auf das eigene Parteiprogramm, hilft in meinen Augen am wenigsten. – Was aber dann? Vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, noch einmal auf diesen Jesus zu schauen und auf die Wahrheit, der er sich verschrieben hat. Es ist eine Beziehungswahrheit. Jesus hat vor allem aus Beziehungen gelebt. Aus der Beziehung zu seinem Vater im Himmel und aus der Beziehung zu anderen Menschen – auch und gerade zu Menschen, die ganz anders waren als er selbst. Er hat mit Armen und Reichen verkehrt, mit hochrangigen Politikern und mit dem einfachen Mann auf der Straße. Dabei hat er immer wieder gefragt "Was willst du, dass ich dir tu?" Die Bedürfnisse der anderen waren ihm wichtig. Er hat längst nicht alle Wünsche erfüllt, sich aber ernsthaft darum bemüht, die Welt auch mit den Augen der anderen zu sehen. Vor allem mit den Augen der Benachteiligten. Solche Menschen gibt es auch heute.

In Dresden zum Beispiel sucht eine kleine Gruppe regelmäßig das Gespräch mit denen, die an Pegida-Demonstrationen teilnehmen. Sie wollen wissen, was genau diese Menschen auf die Straße treibt, und sie wollen gemeinsam mit ihnen um Antworten ringen. In Nürnberg haben sich kürzlich die Kommunistin Sahra Wagenknecht und der katholische Bischof Ludwig Schick getroffen, um miteinander über das Thema "Gerechtigkeit und Armut" zu sprechen. Auf dem Bonner Petersberg treffen sich regelmäßig Politiker, Wissenschaftler und Wirtschaftsfachleute, um gemeinsam zu schauen, wie sich das Pariser Klimaschutzabkommen umsetzen lässt. Ich glaube, dass wir vor allem das in diesen Tagen brauchen: Menschen, die über ihren Schatten springen, sich auf andere einlassen und gemeinsam mit ihnen um die Wahrheit ringen.