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Das Wort Zum Sonntag vom 17.03.2018

"Rationales Denken und der Glaube" gesprochen von Dr. Wolfgang Beck

Wenn die wissenschaftliche Forschung voranschreitet, wird manches Weltbild überflüssig. Manches Quälende auch. Für Stephen Hawking ist darum die Vorstellung von Gott überflüssig, wenn Erkenntnisse zunehmen: "Man kann nicht beweisen, dass Gott nicht existiert. Aber die Wissenschaft macht Gott überflüssig" hat er einmal gesagt – vielleicht mit einem verschmitzten Lächeln. Der Astrophysiker, der vor wenigen Tagen verstorben ist, galt als profiliertester Vertreter seines wissenschaftlichen Faches. Das tragische Schicksal seiner schweren Erkrankung, aufgrund derer er sich nicht bewegen und nur noch mit einem Sprachcomputer kommunizieren konnte, trug zu seiner Bekanntheit bei. Aber wirklich populär wurde er durch Veröffentlichungen, mit denen er die komplizierten Erkenntnisse der Astrophysik in einer populärwissenschaftlichen Form einem breiten Publikum vermittelt hat. Seine Bücher wurden Bestseller.

Zentral war für ihn die Hypothese, dass das Universum sich unaufhaltsam ausdehnt und keine Grenze hat. Es hat demnach keine räumliche und keine zeitliche Begrenzung. Da blieb für ihn keine Möglichkeit für die Vorstellung von Gott. Es konnte für ihn nichts geben, was vor und nach dem Universum bestehen könnte. Seine wissenschaftliche Arbeit machte ihn deshalb zu einem entschiedenen Atheisten. Und gerade darum wurde er für Theologen und Kirchenvertreter zu einem wichtigen Gesprächspartner. Immerhin war er lange Jahre Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Das mag angesichts der konfrontativen Positionen erstaunen. Es ist aber konsequent für diejenigen, für die Glauben und Verstand gar nicht in Konkurrenz treten können, weil beide auf völlig verschiedenen Ebenen liegen. Deshalb gibt es für viele Naturwissenschaftler und auch Physiker kein Problem, in den Gottesdienst zu gehen, zu beten, an Gott zu glauben und trotzdem durch und durch rational naturwissenschaftliche Kenntnisse ernst zu nehmen.
Natürlich gibt es für mich, wie für alle Menschen, naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die mich irritieren und überraschen. Aber wenn sie das Potenzial haben, mich im Glauben zu erschüttern, dann stimmte vorher etwas mit dem Glauben nicht. Denn beides, Vernunft und Glaube, können eigentlich nicht zueinander in Konkurrenz treten. Klar, es gibt auch Formen des Glaubens, die sich anmaßen, naturwissenschaftliche Aussagen machen zu können. Und der Verzicht von Theologie und Glauben, die Naturwissenschaft zu bevormunden, wurde erst in Aufklärung und Moderne hart erkämpft. Eine übergriffige Religion ist zu allen Zeiten genauso problematisch wie eine übergriffige Naturwissenschaft. Wer seine Religion derart übergriffig versteht, für den ist es wichtig, dass Wunder auch gegen Naturgesetze erfolgen. Dann wird Glauben allerdings zur Zauberei. Das wäre ein ziemlich getriebener Glaube, ein Glaube auf der Flucht vor Vernunft und Wissenschaft.
Und es wäre ein gefährlicher Glaube, weil er sich wünschen müsste, dass es möglichst wenig naturwissenschaftliche Erkenntnis gibt. Denn die wäre für ihn ja immer wieder bedrohlich. Vor ihr wäre der Glaube permanent auf der Flucht. Demgegenüber gibt es aber auch ein Verständnis des Glaubens, bei dem ich sage: Ich bin als Christ und gläubiger Mensch nicht weniger vernünftig als jeder andere Mensch auch. Ich kann rational auf diese Welt schauen, mich von neuen Erkenntnissen herausfordern lassen, ohne dabei die Abschaffung Gottes befürchten zu müssen. Und Stephen Hawking? Daran, dass wir für ihn beten, dürfte ihm vermutlich wenig gelegen sein. Aber dankbar können gläubige Menschen ihm allemal sein. Nicht nur dafür, dass er mit seinem Leben und im Kampf mit seiner Krankheit ein beeindruckendes Beispiel gegeben hat. Nicht nur dafür, dass er auch Gefahren wissenschaftlichen Fortschritts klar benannt hat. Dankbar können wir ihm allemal sein, weil er mit seiner Arbeit weiterhin die Religionen und gläubigen Menschen zu einem vernünftigen Glauben herausfordert.