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Das Wort zum Sonntag vom 21.04.2018

Wo wohnst Du? gesprochen von Dr. Wolfgang Beck (kath.)

"Und, wo wohnst du so?" Kaum eine Frage, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, dürfte äußerlich so harmlos wirken und zugleich viele Menschen um den Schlaf bringen: "Und, wo wohnst du so?" Das klingt nach einem harmlosen Gespräch bei einer Party oder unter Kollegen. Und zugleich ist die Frage nach dem Wohnen in Frankfurt und Hamburg, in Berlin und München für immer mehr Menschen mittlerweile zum Inbegriff von Existenzsorgen geworden. Sogar Jesus wird in der Bibel gefragt, wo er denn eigentlich wohnt. Darin drückt sich einfach das Interesse von Menschen an ihm aus. Wie jemand wohnt, erzählt schließlich eine Menge über die Person. Wer aber heute Menschen fragt, wo sie wohnen, kann sich gerade in städtischen Bereichen auf dramatische Erzählungen einstellen: Monatelanges Suchen in den entsprechenden Internetportalen und geradezu groteskes Schlange-Stehen für bloße Wohnungsbesichtigungen. Und natürlich dann Mietpreise, die einem den Atem stocken lassen. Immer größer ist der Anteil, der vom monatlichen Einkommen für das Wohnen draufgeht. Wie Menschen wohnen, erzählt eben auch etwas über eine Gesellschaft.

Längst dürfte Verantwortlichen auf allen politischen Ebenen klar sein, dass sich der Mangel an bezahlbarem Wohnraum zu einer entscheidenden gesellschaftlichen Frage entwickelt. Erste Demonstrationen vor wenigen Tagen dürften erst ein Auftakt für verschärfte Diskussionen sein. Eine aktuelle Studie der Caritas hat gezeigt, dass über 80 Prozent der Menschen aus der Mittelschicht der Frage des bezahlbaren Wohnraums sehr große gesellschaftliche Priorität einräumen. Wer das ernst nimmt, kann sich nur wundern, wenn kommunale Immobilien privatisiert werden oder Stadtverwaltungen die rechtlichen Möglichkeiten für eine soziale Durchmischung von neuen Gebäudekomplexen nicht nutzen. Die Entwicklungen sind zwar nicht neu, aber ich finde, es bewegt sich erstaunlich wenig. Manche mögen einwenden: "Es gibt auch Landstriche mit günstigem Baugrund und Regionen mit niedrigen Mieten!" Solche Statements klingen für mich zynisch. Denn es gehört zum ständig wiederholten Mantra der modernen Wirtschaftsnation Deutschland, dass die Menschen ja mobil sein und als Arbeitnehmer dorthin wandern sollen, wo es Arbeit gibt. Und wer sich in unserem Land lauthals für Familien stark macht, der wird wohl vor allem für bezahlbaren Wohnraum sorgen müssen. Denn das Leben als Berufspendler mit mehrstündigen Berufswegen oder gar mehrjährige Wochenendbeziehungen sind doch vor allem eins: Gift für jedes Familienleben.

Dabei gab es auch in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert ein Bewusstsein dafür, dass die Sorge um Wohnungen nicht nur eine Sache der Einzelnen oder des Marktes sein kann. Da verstanden verantwortungsvolle Konzernchefs den Bau von Stadtteilen für Arbeiterfamilien mit niedrigem Verdienst als Teil ihrer Aufgabe. Da entstanden Baugenossenschaften mit kirchlicher und gewerkschaftlicher Prägung. Und es gab bei Architekten und Stadtplanern ein Bewusstsein dafür, dass die Frage des Wohnens mehr ist, als eine Kapitalanlage. Als Christ können mir die Sorgen von Mitmenschen nie egal sein. Deshalb klingt die Frage "Wo wohnst Du?" für mich mittlerweile alles andere als harmlos. Auch wer selbst noch sorglos in den eigenen vier Wänden sitzt, kann da nicht unberührt bleiben.

Einen guten Sonntag!