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Das Wort zum Sonntag vom 30.06.2018

Europa – "Weites Gesicht" gesprochen von Benedikt Welter

Wieder ist ein Mythos hinüber: der von einem hübschen weißen Stier, der eine wunderschöne Frau durchs Meer trägt. Und dem Kontinent den Namen dieser Frau gibt: euros-pä, übersetzt "weites Gesicht". Das ist der Name für Europa. Der zahme Stier ist Zeus; er und die ganze Götterwelt sind schon längst zerlegt; und jetzt geht die schöne Frau Europa sich selbst an den Kragen. Tatsächlich – es ist ein trauriges Schauspiel; es bereitet mir ganz große Sorge, ja, fast schon Angst: Europas Selbstzerstörung auf der politischen Bühne. Stiere sind da ziemlich viele unterwegs – aber es ist kein hübscher zahmer dabei, dem Frau Europa sich anvertrauen könnte. Vielmehr wird da mit ganz viel Schaum vor dem Mund durch Europa gesabbert. Eklig.

Von wegen: "Europa" und "Weites Gesicht". Die kurzsichtige eigene Meinung wird zum Motor der Selbstzerstörung; sie zerstört mehr als einen Mythos. Sie bedroht ein Wunder, nämlich die politische Idee, dass nach dem Blut und Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges eine neue Wirklichkeit für eine Menschenzukunft entstehen könnte. Angesichts des Dramas auf offener politischer Bühne möchte ich an Thomas Mann erinnern. Der hat schon 1943 gesagt: "Es ist ein entsetzliches Schauspiel, wenn Irrationalität populär wird." Irrational ist nicht der alte Mythos von einem Kontinent Europa mit einem "weiten Gesicht"; irrational ist die Kurzsichtigkeit von – immerhin gewählten – Staatsmännern, die das Wort "Mensch" nicht mehr für alle Menschen verwenden, sondern nur noch für ihre eigenen Leute. Dem Menschen wurde auf dem Boden dieses Kontinents Europa einmal Menschenrecht und Menschen-Würde zugesprochen.

Etwas, über das jeder und jede verfügt; universell, unveräußerlich und unteilbar. "Es ist ein entsetzliches Schauspiel, wenn Irrationalität populär wird": das haben wir die Woche gesehen. Fast wäre aus einem Schiff mit Namen " Lifeline" eine "Deadline" geworden, weil Staatenlenker über aus Seenot gerettete Menschen ihre Politwürfel werfen. Gruselig. Wer kann diesem entsetzlichen Schauspiel aus populärer Irrationalität ein Ende setzen – und wie? Nicht eine alte griechische Mythologie; aber vielleicht ein Bild, das Papst Franziskus in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament 2014 ausgemalt hat: Er spricht von einem Wandgemälde im Vatikan. Das Fresko von Raffael zeigt die sogenannte Schule von Athen.
Der Philosoph Platon deutet mit dem Finger nach oben, zur Welt der Ideen, zum Himmel, könnten wir sagen; sein Schüler Aristoteles streckt die Hand nach vorne aus, auf den Betrachter zu, zur Erde, zur konkreten Wirklichkeit. "Das scheint mir ein Bild zu sein", sagt der Papst, "das Europa und seine Geschichte gut beschreibt; eine fortwährende Begegnung zwischen Himmel und Erde; wobei der Himmel die Öffnung … zu Gott beschreibt, die den europäischen Menschen immer gekennzeichnet hat; und die Erde stellt seine praktische und konkrete Fähigkeit dar, Situationen und Probleme anzugehen. Europas Zukunft hängt davon ab, dass wir die lebendige und untrennbare Verknüpfung dieser beiden Elemente wiederentdecken". Dafür will ich mich engagieren – und gegen die populären Irrationalen dieser Tage und Wochen. Weil ich an das Wunder Europa glaube und an das Wort "Mensch". Denn der Vorhang für das derzeitige traurige Schauspiel muss fallen. Sonst würde es heißen: Gute Nacht Europa!