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Das Wort zum Sonntag vom 18.08.2018

60 Jahre "Misereor" gesprochen von Benedikt Welter

Es ist sechzig Jahre her; Sommer 1958: Deutschland ist Wirtschaftswunderland. Es geht rasant bergauf. Der Wohlstand wächst. In Berlin findet der 78. Deutsche Katholikentag statt – und zwar in Ost- und Westberlin; das ging damals noch, drei Jahre vor dem Mauer-Bau. – Motto des Katholikentags: "Unsere Sorge der Mensch – unser Heil der Herr".

Passend dazu hält am19. August der Kölner Kardinal Frings vor den deutschen Bischöfen eine Rede. Und die wird zur Geburtsstunde eines großen katholischen Hilfswerks für die Menschen in den armen Ländern der Welt: MISEREOR – ein lateinischer Name, aus der Bibel genommen; Jesus sagt "misereor super turbam" – ein wenig altmodischer übersetzt "mich erbarmt des Volkes"; etwas freier: "mir geht’s an die Nieren, wie es den Leuten geht."
Kardinal Frings hat damals Ideen und Initiativen aufgegriffen, die in der katholischen Kirche umgingen. Da gab es nämlich Menschen, die mehr wollten als wachsenden Wohlstand und Wiederaufbau im eigenen Land. Gerade weil es den Deutschen immer besser ging, forderten viele von ihrer Kirche, dass sie den Blick auf die von Hunger und Elend geplagten Teile der Welt richten sollte; und aus Mitgefühl sollten sich Taten entwickeln.
Manche Grund-Sätze aus der Rede von Kardinal Frings finde ich heute noch – sechzig Jahre später – frisch und klasse. Er sagt: "Dem kirchlichen Werk steht die Methode des Evangeliums zur Verfügung" das heißt es soll die Werke der Barmherzigkeit üben und den Mächtigen ins Gewissen reden. Frings erinnert an die Rentenreform im Jahr zuvor; die habe mehr Menschen wirtschaftlich geholfen als alle katholischen Vereine  zusammen genommen. "Eine gesunde Wohnungsbaupolitik," sagt Frings, "schafft mehr Wohnungen als aller Appell an die christlichen Gewissen, den einen oder anderen überflüssigen Raum einer Familie zur Verfügung zu stellen." Wie aktuell das ist! Und wie realistisch: Frings verlangt handgreifliche Hilfe und Politik. – "Vom Evangelium her muss darum denen ins Gewissen geredet werden", sagt er, "die die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bestimmen." Gleichzeitig "…haben alle Gläubigen die Werke der Barmherzigkeit reich und überreich zu üben. Das Feld dieser Werke ist vorläufig unbegrenzt. [...]"
"Das Feld dieser Werke ist vorläufig unbegrenzt" –dieser Satz – 60 Jahre alt – bleibt aktuell.
Deshalb unterstützt Misereor im Südsudan den Aufbau von Schulen. Denn der Bürgerkrieg hat eine Generation von Analphabeten hinterlassen. Auf den Philippinen forsten Fischer mit Hilfe von Misereor Mangrovenwälder wieder auf; das hilft ihnen gegen die Bedrohung durch Überschwemmungen und Klimawandel.. Und am Amazonas wehren sich Ureinwohner mit Hilfe von Misereor gegen Riesenstaudammprojekte, die ihren Lebensraum bedrohen. Nur drei Beispiele von Hilfe zur Selbsthilfe.
Es geht darum, sich berühren zu lassen vom Leid und von der Not der Menschen – von der leiblichen Not und dem seelischen Leid – und dann zu handeln und zu helfen.
Mir gefällt, dass die Gründungs-Rede für MISEREOR genau das sagt, statt anmaßend zu behaupten: lasst uns nur machen, dann schaffen wir das Paradies. Ganz im Gegenteil: Wir brauchen auch 2018 dringend Menschen, die sich berühren lassen. Das ist das Wichtige. So wie Jesus nicht einfach mal mit einem Wunder allen Hunger ausgerottet hat, sondern sich hat berühren lassen von denen, die ihm da hungernd begegnet sind.