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Das Wort zum Sonntag vom 27.10.2018

Einfach, aber nicht vereinfachend - gesprochen von Gereon Alter (kath.)

„Das Einfache ist immer das Schwierigste. Einfachsein ist höchste Kunst.“ Das hat der berühmte Psychologe C.G. Jung gesagt. Nehmen wir als Beispiel die Dieselaffäre. Da drohen zwar nun die ersten Fahrverbote. Aber wir diskutieren mittlerweile schon mehr als drei Jahre darüber, und eine wirkliche Lösung ist noch immer nicht in Sicht. Blicken Sie da noch durch? Können Sie mit ein paar einfachen Sätzen sagen, worum es da geht, und vor allem: wie das Problem zu lösen ist – fair für alle Beteiligten?

„Generelles Fahrverbot!“ – „Alle Fahrzeuge nachrüsten!“ Oder: „Einfach die Grenzwerte anheben!“ Manche Antworten klingen einfach, sind es aber nicht. Denn sie halten den vielen Einzelfragen nicht stand. Sie vereinfachen nur. Solche Antworten werden gerne von Populisten und Demagogen gebraucht. Was kümmern uns die konkreten Schwierigkeiten? Hauptsache wir haben einen Slogan, mit dem wir die Mehrheit auf unsere Seite ziehen können. Für mündige Bürger sicher kein guter Weg.

Zu große Differenzierung kann vom Handeln abhalten

Umgekehrt kann man die Komplexität eines Problems auch so in den Vordergrund stellen, dass man erst gar nicht in die Nähe einer Lösung kommt. Denn es ist ja noch dieses und jenes zu bedenken. Und überhaupt: es ist alles so kompliziert … Differenzierung, um nicht handeln zu müssen. Auch nicht gerade eine gute Weise mit Problemen umzugehen.

Wie aber dann? Wie komme ich zu einer klaren Position, ohne ins Populistische abzugleiten oder das Problem nur vor mir herzuschieben? Das frage ich mich bei so vielen Problemen unserer Zeit: bei den Waffenexporten nach Saudi-Arabien,  dem Konflikt um die Mittelstreckenraketen, bei der Debatte um den Kohleausstieg...

Wenn ich morgen wählen müsste: Wo soll ich mein Kreuz hinsetzen? – „Das Einfache ist immer das Schwierigste.“ Deshalb erwarten Sie von mir bitte keine einfache Antwort. Die habe ich nicht und die gibt es auch nicht.

Was ich wohl habe und Ihnen gerne weitergebe, ist eine Orientierungshilfe. Es wird Sie nicht wundern: sie stammt aus der Bibel. Da wird Jesus von gelehrten Männern gefragt:

„Welches Gebot ist das erste von allen?“ Darauf zu antworten war alles andere als leicht. Denn das Judentum kennt wahrlich viele Gebote. Jesus tut es mit einem ganz einfachen und zugleich hochkomplexen Satz: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“

"Liebe deinen Nächsten" - was bedeutet das mit Blick auf den Diesel?

Wenden wir diesen Satz doch mal auf die Dieselaffäre an. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das würde bedeuten, das Problem nicht nur aus der eigenen Perspektive zu betrachten, sondern auch aus der eines anderen. Des unmittelbar Betroffenen zum Beispiel. Dessen, der sich nicht mal so eben ein neues Auto kaufen kann - oder der Kinder, die  die Abgase auf ihrem Schulweg einatmen. Schau das Problem nicht nur mit deinen Augen an. Schau‘s dir auch mit  den Augen der anderen an. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

Und: „Liebe Gott!“  – Für mich als Christ ist das eine Haltung der Dankbarkeit. Für eine Welt, die ich nicht selbst gemacht habe und die ich irgendwann anderen überlassen werde. „Gott lieben“ heißt für mich ganz konkret die Schöpfung zu bewahren, gut mit ihr umzugehen und nicht Raubbau zu betreiben. Denn wir Menschen sind Teil eines größeren Ganzen. Und dieses Ganze gilt es auch in den Blick zu nehmen.

Ich weiß: damit ist noch kein einziges Detailproblem gelöst. Aber wer sich an der Weisung Jesu orientiert, läuft zumindest nicht Gefahr, sich mit allzu einfachen Antworten zufrieden zu geben oder das Problem nur vor sich her zu schieben.

„Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Ein einfacher und zugleich höchst anspruchsvoller Weg. Denn er bedeutet letztlich, dass ich mich selbst zurücknehmen muss.