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Das Wort zum Sonntag vom 02.02.2019

"Empört Euch!" - gesprochen von Dr. Wolfgang Beck (kath.)

"Empört euch!", mit diesen zwei Worten hat sich vor einigen Jahren der hochbetagte Philosoph Stephane Hessel an die jungen Menschen in Frankreich gewandt. Er hatte den Eindruck, dass die Jugendlichen zu oberflächlich sind und die Probleme der Gesellschaft nicht wahrnehmen. "Empört euch!", das sollte wachrütteln und an frühere Protestkultur anknüpfen. Derzeit gibt es Protest, zum Beispiel gehen seit Wochen hier in Deutschland Schüler und Schülerinnen freitags aus dem Unterricht zu den Demonstrationen für mehr Umweltschutz. Ich finde dieses Engagement sehr sympathisch. Da sage noch jemand, den Jugendlichen sei alles egal. Ganz und gar nicht.

Manche Situationen erfordern einfach ein entschiedenes, drastisches Auftreten. Wer aber ernsthaft protestiert, muss erstmal mitbekommen, dass manche Dinge ganz und gar nicht gut laufen – so sehr man sich auch an sie gewöhnt hat. Die Schüler und Schülerinnen haben offenbar realisiert, dass der Einsatz für den Umweltschutz bislang viel zu halbherzig verläuft. Deshalb gibt es Protest, der überfällig ist und auch mal unangenehm wird, um andere wachzurütteln.

Daneben gibt es aber auch Protest, der es sich ein bisschen zu leicht macht: Fragwürdigen Protest, vor allem wenn er in Gewalt und Hass umschlägt oder bloß aus Neid auf andere genährt wird. Und ein Protest, der sich nur als Motzen versteht, kann mich jedenfalls nicht begeistern. Aber wie lässt sich beides unterscheiden?

Ein wichtiges Element zum Unterscheiden beschreiben biblische Texte mit dem Begriff "Umkehr". Er besagt: Du musst schon selbst immer wieder bereit sein, etwas an dir und deinem Leben zu ändern. Du musst wahrnehmen, was bei dir selbst zu einer schlechten Routine geworden ist. Dieses Element der Umkehr, also der Veränderung des eigenen Lebens, muss in dem Protest selbst zu finden sein. Fehlt er, bleibt auch der Protest seltsam hohl und meist wirkungslos. Kurz gesagt: "Du musst dich schon selbst herausfordern, wenn du etwas forderst!"

Wer als Schüler oder Schülerin am Freitag zur Demo für Umweltschutz geht, aber sich sonst mit dem Auto zur Schule fahren lässt, macht sich eben unglaubwürdig. Ich kenne Familien, bei denen gibt es mittlerweile größere Diskussionen, wie mit den Protesten am Freitag umzugehen ist. Vielleicht ist das ja schon der wichtigste Erfolg: wenn zuhause aus der Sorge um den Unterrichtsausfall die Frage entsteht, was gemeinsam am Alltag zu ändern wäre. Und wenn in der Schule konkrete Schritte diskutiert werden.

Wenn zum Beispiel in einer Schule beschlossen wird, dass es keine Studienfahrten und Austauschprogramme mehr mit dem Flugzeug geben soll, das wäre etwas, was mich wirklich beeindrucken würde. Undenkbar? Klar, das würde schmerzen. Aber erst die eigene Lebensführung macht den Protest zum Ernstfall. Das gilt ja auch für mich als Pfarrer. Du kannst nur etwas ändern, wenn du dich auch selbst änderst. Das macht den Unterschied zwischen bloßem Motzen und ernst zu nehmendem Protest aus. So ein Protest, bei dem Menschen auch sich selbst etwas abverlangen, der spricht mich an.