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Das Wort zum Sonntag vom 13.04.2019

Palmsonntag: Der Weg zum neuen Leben führt über den Tod - gesprochen von Benedikt Welter

"Oh jeh", denke ich. Und den Förster neben mir frage ich leise: "Was wird das werden?" Auf dem Waldweg kommt eine Gruppe junger Leute auf uns zu, gerade um die Biegung herum. Laute Musik schallt aus einem Lautsprecher. Als sie uns entdecken, bleiben sie stehen; leeren hastig die Bierdosen und packen sie in die Rucksäcke. Der Musikplayer wird ausgeschaltet. Sie zupfen ihre Jacken zurecht. Setzen die Rucksäcke wieder auf und kommen zaghaft aber bestimmt auf uns zu.

Der Förster und ich stehen an einem Baumstumpf. Auf dem ist eine Urne abgestellt. Die Urne eines Mannes, der erst Mitte Dreißig war und an mehrfachem Organversagen gestorben ist. Drogen waren auch im Spiel. Als Pfarrer bin ich da im Wald, um die Beisetzung kirchlich zu begleiten.

Jetzt ist die Gruppe bei uns angekommen. Eine junge Frau, über und über tätowiert, kommt auf mich zu. Sie gibt mir die Hand: "Ich bin Jenny, Dannys letzte Lebensgefährtin." Unter Tränen schnürt sie ihren Rucksack auf. "Ich hab' da noch was mitgebracht. Dürfen wir das?" Sie holt Kerzen hervor, einen Kranz aus Blumen und Zweige von Buchsbaum.

"Klar", sage ich. "Aber erst gehen wir von hier zum Grab." "Ok." Ich mache das Kreuzzeichen. Spreche ein paar Worte, lese aus der Heiligen Schrift. Und dann setzt sich eine seltsame Prozession in Bewegung. Obwohl: Prozession? Es ist eher ein Gehen und Stehenbleiben. Die Urne wird in der Gruppe von Hand zu Hand weitergereicht. Einer nach dem anderen kommt zu mir und erzählt von eigenen Erlebnissen mit Danny. Aus der Soundbox tönen seine Lieblingslieder.  Es wird geweint. Es wird gelacht.

Jenny gibt mir einen Buchsbaumzweig in die Hand. "Palmzweig", sagt sie. "Hat meine Oma immer so gemacht. Hat ihn an ein Kreuz gesteckt."

Der Weg zur Grabstelle im Wald zieht sich. Ich fühle mich ertappt. Ausgerechnet diese Junkies bringen mir gerade das Evangelium bei! Die Geschichte vom Einzug Jesu nach Jerusalem. Da wurden auch Palmzweige geschwenkt. "Hosanna" haben sie damals gerufen, heißt es in der Bibel.

Ja. Diese skurrile Begräbnisprozession ist Palmsonntag. Einzug des Königs in seine Stadt. Eines Königs, der ganz unköniglich daherkommt. Sanftmütig. Auf einem jungen Esel, damals in Jerusalem.

Hier tragen ihn sanft die Hände seiner Freundinnen und Freunde. Sichtbar in der Urne mit Dannys Asche, den sterblichen Überresten eines Menschen. Im Leben hätte ich vielleicht einen großen Bogen um ihn gemacht. Jetzt begleite ich ihn in sein Himmlisches Jerusalem.

Auf den letzten Schritten zum Grab verstummt die Musik. Ich stimme den uralten Gesang an: "Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märytrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem. Die Chöre der Engel mögen dich empfangen und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen."

Alle stehen still um das Baumgrab. Der Förster versenkt die Urne in den Waldboden. Jenny zündet die Kerzen an, legt den Blumenkranz auf die Grube. Alle beugen sich zum Grab hinab und legen einen Palmzweig hinein.

Ja. Das ist Palmsonntag. Morgen erinnern wir wieder daran. Mit Zweigen in den Händen. Und an diesen Jesus, der da so sanftmütig nach Jerusalem hineinreitet. Es war sein Weg ins Leiden, in den Tod hinein. Und durch den Tod hindurch in ein neues Leben – das feiern wir dann nächsten Sonntag, an Ostern. Jesus hat das himmlische Jerusalem eröffnet. Für Daniel, den wir gerade beigesetzt haben. Für alle seine Freundinnen und Freunde, die ergriffen ums Grab herum stehen. Und vielleicht auch für mich.

Einen gesegneten Palmsonntag wünsche ich Ihnen – und eine ergreifende Karwoche.