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Das Wort zum Sonntag vom 02.01.2021 - gesprochen von Gereon Alter

"Herzensanliegen"

Guten Abend, meine Damen und Herren.

Ich habe einen Freund, der mir ziemlich ungewöhnliche Weihnachtsgeschenke macht. Diesmal war es ein Stethoskop. "Ob er sich Sorgen um meine Gesundheit macht?" war mein erster Gedanke. Aber nein: das Stethoskop sei nicht für gesundheitliche Zwecke gedacht, schrieb er mir, sondern als Denkmal. "Leg es auf Deinen Schreibtisch und denk mal hin und wieder daran, dass sich auch in Deinem Inneren was tut. Horch einfach mal in dich hinein!"
Hmm ... in mich hineinhorchen, auf meine innere Stimme hören: das ist eigentlich nicht gerade das, was ich in diesen Tagen suche. Denn der blöde Lockdown, der alles Äußere runterfährt, beschert mir schon genug an inneren Stimmen. Viel lieber würde ich mich mal wieder zerstreuen und mit Freunden in die Kneipe gehen.
Aber dann habe ich es doch mal ausprobiert. In meinem Lesesessel bei einem guten Glas Wein. Ich hab mir die beiden Bügel ins Ohr gesteckt, den Horchkopf auf meine Brust gelegt und eine ganze Weile gelauscht. Auf meinen Herzschlag. Auf dieses leise Pochen, untermalt von einem sanften Rauschen. Faszinierend! Haben Sie schon mal Ihren eigenen Herzschlag gehört?
Und dann habe ich angefangen darüber nachzudenken, wofür mein Herz denn eigentlich schlägt, was mir wichtig ist in meinem Leben. Als Erstes sind mir Freunde in Madagaskar in den Sinn gekommen, die sich für die Ärmsten der Armen einsetzen. Sowas zum Beispiel liegt mir am Herzen. Der Einsatz für Menschen, denen es wesentlich schlechter geht als uns und die froh wären, wenn sie unsere Probleme hätten.
Danach sind mir Briefe, Emails und Facebook-Kommentare in den Sinn gekommen, in denen ich auf ziemlich üble Weise beschimpft worden bin. Und die Mühe, die es kostet, auf so etwas zu antworten. Manchmal ist gar keine Diskussion mehr möglich, weil der andere überhaupt nicht auf das Gesagte oder Geschriebene eingeht. Wir brauchen eine neue Gesprächskultur. Auch das ist mir mittlerweile zu einem Herzensanliegen geworden. Auch wenn es noch so viel Mühe kostet: wir müssen wieder lernen einander zuzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Und dann ist mir meine Kirche vor die Augen getreten. Die katholische Kirche. Was hat die sich im vergangenen Jahr in den Mist geritten mit ihrem krampfhaften Festhalten an einer Fassade, die nur ja nicht befleckt werden darf! Entschuldigungen, die keine Entschuldigungen sind. Vertröstungen, Halbherzigkeiten, Doppelmoral. Fürchterlich!
Mein Herz schlägt für eine Kirche, die sich ehrlich macht. In der ein Fehler auch ein Fehler sein darf. Für eine Kirche, die sich nicht absondert und über andere erhebt, sondern mit ihnen nach verantwortbaren Lösungen sucht. Herausforderungen dafür gibt es reichlich: den unsäglichen Missbrauchsskandal, die Frage der Geschlechtergerechtigkeit, das Ringen um ein zeitgemäßes Amtsverständnis und nicht zuletzt die Frage, wie denn die befreiende Botschaft, die den Kirchen anvertraut ist, wieder neu zur Wirkung kommen kann.
Erstaunlich: das Hineinhorchen in mich selbst hat mich keineswegs depressiv gemacht oder mir ein unangenehmes Zuviel an inneren Stimmen beschert. Ganz im Gegenteil: Es hat mich motiviert. Es hat mir neue Energie gebracht. Mich wieder klarer sehen lassen, wofür mein Herz denn eigentlich schlägt und wofür ich mich stark machen will.
Und Ihr Herz? Wofür schlägt das? Was ist Ihnen ein besonderes Anliegen? Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch so etwas in sich trägt. Ob Sie es mit oder ohne Stethoskop entdecken: ich wünsche von Herzen, dass Sie Ihrem Herzensanliegen auf die Spur kommen und dass es sie ähnlich motiviert wie mich. Auf dass das neue Jahr zu einem kraftvollen und sinnerfüllten Jahr für Sie werde.