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Das Wort zum Sonntag vom 29.01.2021- gesprochen von Dr. Wolfgang Beck

"Wie wollen wir leben?"

"Wann wird es endlich wieder normal?" – "normal?". Sie hören hinter der Frage die große Sehnsucht heraus: Endlich wieder ins Kino gehen, im Café oder Restaurant sitzen. Locker den Urlaub planen, Verwandte und Freunde umarmen und vieles andere mehr. So ersehnen sich heute viele eine alte Normalität. "Wann wird es endlich wieder normal?" Aber ist die Frage überhaupt richtig gestellt? War das, was noch vor einem Jahr "normal" schien, alles so sinnvoll, dass es wirklich als "normal", als Norm gelten soll?

Mich beschäftigt diese Definition des "Normalen", seitdem ich eine Diskussion in Frankreich mitbekommen habe. Da haben sich viele Menschen zusammengetan, genau mit der Frage: "Wie wollen wir eigentlich künftig leben?"
Das klingt zunächst ziemlich harmlos. Aber die Frage hat es in sich. Denn sie setzt eine sehr ehrliche Bestandsaufnahme all der Dinge voraus, die vermutlich bald sowieso nicht mehr funktionieren: Der Verbrauch von Ressourcen und der Klimawandel machen es unmöglich, immer nur von wirtschaftlichem Wachstum auszugehen. Das garantiert jedenfalls nicht automatisch ein glückliches Leben für alle und es funktioniert jetzt schon kaum noch. Und auch die globale Lage der sozialen Ungerechtigkeit, bei der einige extrem reich und andere extrem chancenlos sind, wird vermutlich nicht mehr lange gut gehen. Wie glücklich können Menschen schon in einem Wohlstand werden, der mit der Ausbeutung anderer bezahlt wird? Da müsste man die Augen vor der eigenen Verantwortung schon sehr fest verschließen. Die Männer und Frauen der französischen Gruppe, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, nennen sich Konvivialisten – con-vivir – das bedeutet "Zusammenleben". Deshalb ist das "Wir" so wichtig. In dieses "Wir" der Konvivialisten gehören alle. Wenn ich das "Wir" so weit denke, dass alle dazugehören, dann verbietet sich eigentlich ein Leben auf Kosten anderer. Dann gibt es gelingendes Leben nur, wenn ich mich einschränke, damit auch die anderen Chancen auf ein gutes Leben haben.
Für mich als Christen und Pfarrer sind diese Konvivialisten eine spannende Gruppe. Schließlich ist auch dem Christentum von Beginn eigen, sich immer wieder für alle Menschen zu weiten. Nur gelingt das nicht immer und muss kontinuierlich in Erinnerung gebracht werden. Auch biblische Texte wie die Apostelgeschichte beschreiben das von den frühen Gemeinden eher als Idealvorstellung. Es gibt ja die Neigung, nur an die eigenen Leute, die eigene Nation, die eigene Konfession und Religionsgemeinde zu denken und damit die Verantwortung für alle aus dem Blick zu verlieren. Das drückt eigentlich ein zu kleines Denken, eine zu kleine Perspektive aus, meine ich. Dagegen wirkt die Frage "Wie wollen wir künftig leben?" wie ein wirksames Medikament. Wogegen? Gegen falsche Normalität! Vielleicht bietet sich ja jetzt die Gelegenheit für wichtige und notwendige Korrekturen mithilfe der Frage "Wie wollen wir – mit allen – künftig leben?".