Ein Requiem für Hitler?

Gab der Breslauer Kardinal Bertram am Kriegsende seinen Geistlichen die Anweisung, ein Requiem für Hitler zu halten? Die Notiz, die das belegen soll, ist nach neuestem Forschungsstand wohl anders zu werten.

Zeitgeschichte | Bonn - 03.01.2018

Der protestantische Kirchenhistoriker Klaus Scholder hat am 25. Oktober 1980 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) einen Artikel mit dem Titel "Ein Requiem für Hitler" veröffentlicht, der Schockwellen durch das katholische Deutschland schickte. Sollte der ehemalige Vorsitzende der Bischofskonferenz und Fürsterzbischof von Breslau, Kardinal Adolf Bertram (1859-1945), wirklich noch in den letzten Kriegstagen eine solche Anweisung herausgegeben haben? Als Beweis präsentierte er eine Kopie mit handschriftlichen Notizen des Kardinals. Seitdem dient dieser Zettel als Beweis für die braune Gesinnung des letzten Fürsterzbischofs und hat geradezu kanonischen Status in der Forschungsliteratur angenommen.

Der Görlitzer Bistumsarchivar Winfried Töpler hat jüngst in einer Neuerscheinung zur Rolle der katholischen Bischöfe im Dritten Reich diesen Zettel, der nun in einem einwandfreien Digitalisat vorliegt, genauer untersucht. Er stammt definitiv von Kardinal Bertram, jedoch weist ein großer roter Strich über dieser Anweisung darauf hin, dass der Kardinal diesen Gedanken verworfen hat. Auch fehlen die sonst üblichen Hinweise zur Ausführung.

Das Attentat auf Hitler könnte der Anlass gewesen sein

Töpler schließt daraus, dass Klaus Scholder damals eine schlechte Kopie zugespielt bekommen hat, denn dieser rote Strich ist auf der Kopie nicht zu erkennen. Ebenfalls hat den Archivar misstrauisch gemacht, dass der originale Schmierzettel in Breslau verwahrt wird, der Kardinal aber Ende Mai 1945 kriegsbedingt gar nicht mehr in der Stadt weilte. Also musste der Fürsterzbischof zu einem anderen Anlass über ein Requiem für Hitler nachgedacht haben. Nach Töpler kommen nur wenige Stunden am Tag des gescheiterten Hitler-Attentates am 20. Juli 1944 dafür in Betracht. Doch ist noch unbekannt, wer dem Kardinal die Information überbracht haben könnte, Hitler wäre bei dem Attentat gestorben. Der Berliner Bischof Konrad von Preysing?

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Das Verhältnis der Kirche zum Nationalsozialismus war uneinheitlich und zahlreichen Schwankungen unterworfen. Die Diktatur des Hitler-Regimes bedeutete auch für die Kirche eine Zeit schwerer Konflikte.

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Wenn dem so wäre, dann würde sich die Anweisung eines Requiems für Hitler und "alle im Kampf für das 'deutsche' Vaterland gefallene Angehörige der Wehrmacht, zugleich verbunden mit innigstem Gebete für Volk und Vaterland und für die Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland" ganz anders lesen. Kardinal Bertram wäre nach dieser Interpretation froh und erleichtert gewesen, dass Hitler bei dem Attentat umgekommen wäre. Historiker dürften daher diesen Schmierzettel nicht länger als ultimativen Beweis für die "Staatsaffinität" des Kardinals benutzen. Dass sich jedoch insgesamt damit keine Neubewertung von Kardinal Bertram ergibt, darauf weist der Archivar auch hin.

Kardinal Bertram unterstützte das Dritte Reich bis zum Schluss

Es bleibt die Frage nach der Nähe des Kardinals zum Nationalsozialismus. Sascha Hinkel, der ebenfalls in dem Band "Zwischen Seelsorge und Politik" über Kardinal Bertram geschrieben hat, betont, dass ganz eindeutig Adolf Bertram den Nationalsozialismus als Irrlehre erkannt hat. Aber: Weil er gefangen war in seinem staatskirchlichen Korsett, also jede Obrigkeit als gottgegeben akzeptierte, war er bis zum Schluss zur Zusammenarbeit mit dem Nazi-Regime bereit. Was sich in der Weimarer Republik staatsstabilisierend auswirkte, hatte im Dritten Reich desaströse Folgen.

Auch wenn dieser Schmierzettel mit der Anweisung eines Requiems für Hitler sehr wahrscheinlich nicht aus den letzten Tagen des Dritten Reichs stammt, bleibt nach den Forschungen von Sascha Hinkel dennoch die Tatsache bestehen, dass der Kardinal das Dritte Reich bis zum Schluss unterstützte.

Von Christiane Laudage (KNA)

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