Bischöfe in der Nazizeit: Gegner oder Mitläufer?

Zu den Verbrechen der Nazis hat die katholische Kirche mehrheitlich geschwiegen, so die landläufige Meinung. Aber stimmt das wirklich? Ein neues Buch nimmt das Verhalten der Bischöfe genauer unter die Lupe.

Zeitgeschichte | Bonn - 05.12.2017

Kriegsbefürworter und Antijudaisten oder Seelsorger und Verfechter der Menschenrechte: Was waren die deutschen katholischen Bischöfe während der NS-Zeit? Diese Frage bewegt seit Jahrzehnten die öffentliche Diskussion. Nun legen über 20 Kenner der Materie, sowohl Professoren der (Kirchen-)Geschichte als auch Leiter von Bistumsarchiven, erstmals in einem Buch die Biographien von fast allen im Dritten Reich amtierenden deutschen Bischöfen vor. Wie haben sie sich angesichts von Diktatur, Krieg und Völkermord verhalten? Darüber hat katholisch.de mit der Herausgeberin von "Zwischen Seelsorge und Politik", der Historikerin Maria Anna Zumholz aus Vechta, gesprochen.

Frage: Frau Zumholz, zum Verhalten der katholischen Kirche gegenüber dem Nationalsozialismus kommt vielen Menschen als erstes das Wort "Schweigen" in den Sinn. Trifft es das?

Zumholz: Das trifft nur sehr bedingt zu. Wenn man sich die Zeit von 1933 bis 1945 genau anschaut, sieht man, dass die deutschen Bischöfe klare Predigten gegen das NS-Regime, gegen Menschenrechtsverletzungen und zum Schluss auch gegen Krieg und Völkermord gehalten haben. Clemens August von Galen etwa hat schon 1934 deutlich Stellung genommen und öffentlich gewarnt: Wenn das Regime seine Weltanschauung in die Realität umsetzt, ist das der Untergang unserer Gesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm in der öffentlichen Diskussion eine moralisierende Fraktion das Wort. Die hat in erster Linie das vermeintliche Schweigen der Kirche zu Judenvernichtung und Krieg thematisiert. Es wurde ein einseitiges Bild gezeichnet, das sich in den Köpfen der Menschen verfestigt hat und bis heute nachwirkt.

Frage: Welche neuen Erkenntnisse bringt das Buch "Zwischen Seelsorge und Politik"?

Zumholz: Auf den Punkt gebracht: Die Bischöfe verstanden sich selbst in erster Linie als Seelsorger, die sich für ihre Gläubigen verantwortlich fühlten. Das entspricht auch genau dem bischöflichen Auftrag. Der Bischof ist qua Amt für das Seelenheil der Gläubigen, für die Reinheit der Lehre und für die Weihen verantwortlich. Diesen Aufgaben sind die Bischöfe im Dritten Reich gerecht geworden. Sie haben es geschafft, die christliche Lehre unverfälscht weiterzutragen und auch den Kernbestand der katholischen Kirche mit den Pfarreien und Priestern aufrechtzuerhalten. Nach 1945 war zwar das katholische Vereinswesen zerstört, das "Zentrum" als politische Partei gab es nicht mehr, aber die Seelsorge wurde durch die Diktatur und über das Kriegsende hinaus gesichert.

Frage: Bischöfe haben aber nicht nur an sich und ihre Diözesen zu denken, sondern müssen auch moralische Stimme in der Gesellschaft sein…

Zumholz: Das waren sie ganz klar. Es gab die Fuldaer Bischofskonferenz, in der die Bischöfe als Stimme des katholischen Deutschlands auftraten. Und diese Bischofskonferenz ist bislang viel zu wenig in den Blick genommen worden. Sie stellte quasi eine Ergänzung zu dem seelsorglich orientierten Verhalten der Bischöfe in den Diözesen dar. Wenn ein Bischof eine einzelne Predigt hielt, hatte die abgesehen von Ausnahmen nicht annähernd die Reichweite der Hirtenbriefe der Fuldaer Bischofskonferenz. In diesen Briefen positionierten sich die Bischöfe dann auch politisch ganz deutlich.

Maria Anna Zumholz ist stellvertretende Leiterin der Arbeitsstelle Katholizismus- und Widerstandsforschung an der Universität Vechta.
 Universität Vechta

Frage: Was stand darin?

Zumholz: Schon mit ihrem ersten Hirtenbrief von 1933 haben sich die Bischöfe als Anwälte einer den sittlichen und katholischen Grundwerten verpflichteten Gesellschaftsordnung gezeigt. Und das ist durchgehend bei allen Hirtenbriefen bis zum letzten im Jahr 1943 so: Die Bischöfe sahen es als ihre Aufgabe an, die christlichen Prinzipien, die in den Zehn Geboten grundgelegt sind, auch in der Gesellschaft zu realisieren. Deshalb haben sie beim NS-Regime immer wieder angemahnt, die Menschenrechte einzuhalten. Nach christlichem Verständnis ist jeder Mensch – gleich welcher Rasse oder welcher Religion – ein Ebenbild Gottes. Töten ist Sünde. Und darin liegt ja ein ganz fundamentaler Gegensatz zum nationalsozialistischen Wertesystem, das die Bischöfe anprangerten.

Frage: War diese Kritik denn eher allgemein gehalten oder wurden Völkermord und Krieg auch beim Namen genannt?

Zumholz: Es kamen sehr klare Worte. Vor Kriegsausbruch haben die Bischöfe sich in mehreren Hirtenbriefen deutlich gegen einen Krieg ausgesprochen und gesagt: Wir wollen keinen Krieg, wir werden einem kommenden Krieg auch nicht das Wort reden, denn wir sind Anwälte des Friedens. Mit klarem Bezug zu den Euthanasiemaßnahmen heißt es sinngemäß in einem anderen Hirtenbrief: Jedem Menschen ist es verboten, einen anderen außerhalb des gerechten Krieges und der Notwehr zu töten. Das Wort "Jude" wurde hingegen in den Hirtenbriefen nicht verwendet. Eine Ausnahme bildete der Hildesheimer Bischof Joseph Godehard Machens, der 1941 die Menschenrechte von "Juden und Zigeunern" einforderte. Ansonsten benutzte man den Begriff "Rasse". Die Bischöfe hatten damals ja nicht allein die Judenvernichtung vor Augen. Es gab sehr viele Opfergruppen. Russische Kriegsgefangene etwa wurden zu Millionen umgebracht. Und vor diesem Hintergrund haben die Bischöfe die Menschenrechte für alle, für jede "Rasse" eingefordert. Den Krieg selbst bezeichneten sie später mehrfach als "barbarisch". Die Nationalsozialisten ließen sich durch solche Hirtenbriefe aber natürlich nicht beeindrucken.

Frage: Und sie reagierten mit Gegenmaßnahmen...

Zumholz: Ja, es gab von Anfang an einen riesigen Überwachungsapparat. Alle Geistlichen und das ganze Kirchenvolk wurden durch die Gestapo und ihre Helfershelfer ständig vor Ort in den Gemeinden überwacht. Da kam es zu Anzeigen und Verhaftungen. Speziell geschaffene Gesetze wie das "Heimtückegesetz" sowie der "Kanzelparagraph" verboten jedes kritische Wort über das System. Darüber hinaus wurden Priester und Ordensleute in den sogenannten "Sittlichkeits-" und "Devisenprozessen" kriminalisiert. Man versuchte also das Vertrauen der Bevölkerung in den Klerus zu untergraben. Die Bischöfe hatten teilweise so viel Angst, dass sie sagten: Wir können auf Dauer keine Hirtenbriefe mehr verlesen, die Priester werden uns von der Kanzel verhaftet, die Seelsorge wird uns auf diese Weise unmöglich gemacht.

Frage: Wurden auch Bischöfe verhaftet?

Zumholz: Man hat im Dritten Reich nur einen einzigen Bischof verhaftet und vor Gericht gestellt, und zwar Petrus Legge von Meißen. Da ging es um angebliche Devisenverbrechen und der Bischof wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Ansonsten ließ man die Bischöfe in dieser Hinsicht in Ruhe. Denn das Regime war sehr darauf bedacht, die katholische Bevölkerung nicht gegen sich aufzubringen. Die größte Sorge der Nationalsozialisten war ja die öffentliche Meinung. Als Bischof von Galen etwa seine Euthanasiepredigt vom 4. August 1941 verlesen hatte, hat Hitler anschließend das Euthanasie-Programm gestoppt. Denn er musste erkennen, dass die Bevölkerung damit nicht einverstanden war und es nicht gelungen war, es geheim zu halten. Stellvertretend für die Bischöfe ergriff man aber die Priester vor Ort und inhaftierte sie in Gefängnissen und Konzentrationslagern.

Prangerte die Euthanasie an: Münsters Bischof von Galen.
Prangerte die Euthanasie an: Münsters Bischof von Galen.
 KNA

Frage: Von Galen dürfte das prominenteste Beispiel für Protest aufseiten der Bischöfe sein. Wer hat sich noch besonders hervor getan?

Zumholz: Ein weniger bekanntes Beispiel ist etwa der bereits erwähnte Bischof Machens von Hildesheim, ein begnadeter Redner, der leidenschaftlich gegen das NS-Regime gepredigt hat. In diese Reihe gehört natürlich auch Kardinal Michael von Faulhaber in München. Ein spektakulärer Fall war der Bischof von Rottenburg, Johannes Sproll, der aus seiner Diözese verjagt wurde. Er bezog mehrfach öffentlich Stellung gegen das Regime. Nachdem er sich geweigert hatte, 1938 an der "Reichstagswahl" teilzunehmen, kam es zum Eklat. Schlägertrupps der Nazis hielten regelmäßig Demonstrationen vor seinem Bischöflichen Palais ab, stürmten und verwüsteten es sogar. Das fiel natürlich unangenehm auf, auch im Ausland. Man nahm Sproll deshalb "zu seinem eigenen Schutz" fest und erteilte ihm ein Aufenthaltsverbot für das Gebiet seiner Diözese. Er fand dann in einem Kloster Zuflucht und hat von dort die Diözese weiter geleitet.

Frage: Gab es seitens der Bischöfe nur Worte oder auch Taten? Kooperierten sie zum Beispiel mit Widerstandsgruppen?

Zumholz: Viele Widerstandsgruppen bemühten sich darum, Kontakte zu katholischen Bischöfen zu unterhalten. Und die Bischöfe haben sich dem auch weitestgehend nicht entzogen. Bischof Konrad von Preysing aus Berlin etwa hatte enge Beziehungen zum Kreisauer Kreis. Man traf sich und unterhielt sich über den Neuaufbau Deutschlands nach einem Umsturz. Die Bischöfe haben da beratende Funktionen ausgeübt. Mit Heinrich Wienken, später Bischof von Meißen, hatte man einen weiteren Verbindungsmann zu Angehörigen von Widerstandsgruppen. Wienken war Leiter des Kommissariats der Fuldaer Bischofskonferenz. In dieser Funktion hielt er auch Kontakt zu Ministerien und Behörden und schaffte es, Hafterleichterungen für katholische Priester durchzusetzen und etliche Gefangene freizubekommen.

Frage: Gab es auch Bischöfe, die Befürworter des NS-Regimes waren?

Zumholz: In dieser Form gab es das nicht. Allerdings war etwa Erzbischof Conrad Gröber von Freiburg eine ganz ambivalente Persönlichkeit, die auch antijudaistische Tendenzen aufwies. Dabei muss man bedenken, dass solche Tendenzen damals zur christlichen Religion durchaus dazugehörten. Die Juden galten als Christusmörder. Wegen der Judenverfolgungen haben etliche Bischöfe dieses Thema im Dritten Reich jedoch vermieden. Gröber hingegen klammerte das in seinen Hirtenbriefen nicht aus. Wohlgemerkt: Seine Aussagen hatten nichts mit nationalsozialistischen Vorhaben wie Vertreibung und Vernichtung zu tun, es waren vielmehr religiös und sozial bedingte Vorbehalte gegen die Juden. Auch Kardinal Bertram von Breslau gilt wegen angeblicher mangelnder Distanz gegenüber dem Nationalsozialismus als nicht unumstritten. Nach dem Krieg wurde behauptet, er habe 1945 ein Requiem für Hitler in seiner Diözese angeordnet. Die entsprechende Notiz darüber stammt aber nach neuen Erkenntnissen nicht aus dieser Zeit.

Frage: Wenn man es zusammenfassen müsste: Haben sich die Bischöfe in der NS-Zeit richtig verhalten oder hätten sie mehr tun können und müssen?

Zumholz: Man muss ja sehen, dass es die Bischöfe nicht gab. Der eine hat mehr, der andere weniger getan. Sie alle waren Menschen wie wir mit Fehlern und Schwächen, und als solche haben wir sie auch in unserem Buch dargestellt. Es muss zudem immer der Blick darauf gelenkt werden, welche Handlungsspielräume sie hatten. Jeder Bischof musste sich fragen: Welche Folgen haben Worte und mein Handeln überhaupt? Leiden die Priester und Gläubigen in meinem Bistum darunter? Manche Bischöfe wie von Galen durchschauten das NS-Regime von Anfang an. Andere ließen sich aber anfangs vom Regime blenden und sahen etwa den Kampf gegen den Bolschewismus – also gegen eine religionsfeindliche Ideologie – zunächst durchaus positiv. Aber das änderte sich. Denn den Bischöfen wurde auch immer mehr bewusst, dass die Nationalsozialisten die christliche Religion selbst auslöschen wollten. Dennoch: Die allgemeine Linie der Bischöfe finde ich anerkennenswert. Sie haben die Einheit der katholischen Kirche bewahrt und sich insbesondere in den Hirtenbriefen der Fuldaer Bischofskonferenz für Menschenrechte, Recht und Gerechtigkeit eingesetzt. Das war in dieser Zeit schon eine großartige Leistung.

Von Tobias Glenz

Buchtipp

Maria Anna Zumholz / Michael Hirschfeld (Hrsg.): Zwischen Seelsorge und Politik. Katholische Bischöfe in der NS-Zeit. Aschendorff Verlag. ISBN 978-3-402-13228-9. 29,80 Euro.

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