"Gesellschaft muss AfD aushalten können"
Frage: Herr Draser, die Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) hat in ihrem Grundsatzprogramm beschlossen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehört. Ist das ein Angriff auf die Religionsfreiheit?
Mark Draser: Das ist eine schwierige Frage. Es ist zunächst einmal ein Angriff auf einen integralen Teil der deutschen Gesellschaft. Die Frage zu stellen, ob der Islam ein Teil von Deutschland ist, ist vollkommen müßig, weil wir tatsächlich schon eine muslimische Minderheit haben, die hier mit uns und unter uns lebt. Mit der Aussage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, spricht man dieser Minderheit ihr Existenzrecht ab. Insofern kann man das schon als Angriff auf die Religionsfreiheit bewerten.
Frage: Der Muezzinruf ist das muslimische Glaubensbekenntnis, in dem es heißt, außer Allah gebe es keinen Gott. Die AfD lehnt ihn als ein islamisches Herrschaftssymbol ab. Was halten Sie davon?
Draser: Im islamischen Glaubensbekenntnis, der Shahada, heißt es, dass es keinen Gott außer Gott gibt und Mohamed sein Prophet ist. Wenn wir Christen es genau nehmen wollten mit unserem ersten Gebot, dürften wir auch keine anderen Götter neben unserem christlichen Gott akzeptieren. In diesem Punkt bergen die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, die eng miteinander verwandt sind, in der Tat ein enormes Konfliktpotential. Aber zu sagen, dass der Islam aufgrund dieses Glaubensbekenntnisses nicht in eine pluralistische Gesellschaft hineinpasst, ist unsinnig.
Frage: Die Katholiken haben das mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil etwas entschärft: Mit der Enzyklika "Dignitatis Humanae" sprachen sie sich für das Recht auf religiöse Freiheit aus. Fehlt so etwas dem Islam?
Draser: Das Zweite Vatikanische Konzil war eine Revolution. Bis dahin gab es tatsächlich keine Religionsfreiheit im katholischen Christentum. Mit dem Zweiten Vatikanum hat die katholische Kirche gezeigt, dass man sich reformieren kann. Im Islam ist eine solche Reform jedoch aufgrund seiner Struktur nicht möglich. Erst einmal gibt es den Islam als solchen nicht: Es ist eine facettenreiche Religion mit verschiedenen Strömungen, die keinen Klerus kennen, der inhaltliche Entscheidungen treffen könnte. Dann haben sie keinen geistlichen Führer wie den Papst der katholischen Kirche, der verbindliche Aussagen zum Glauben treffen könnte. Das macht es einerseits sehr schwierig für Muslime, mit einer Stimme zu reden. Andererseits ist der Islam durch diese freiheitliche Organisation eine der liberalsten Religionen überhaupt. Diese Liberalität kann man zum Guten wie auch zum Schlechten nutzen.
Frage: In Deutschland ist die Religionsfreiheit im Grundgesetz verankert. Können Sie als Referent für Menschenrechte und Religionsfreiheit bewerten, was das für eine Gesellschaft bedeutet?
Draser: Die Grundrechte sind ganz zentral für eine demokratische und pluralistische Gesellschaft. Es macht eine freiheitliche Gesellschaft aus, dass sie sich zu den Menschenrechten bekennt. Dabei muss man wissen, dass die Menschenrechte kein in sich konsistenter, geschlossener und aufeinander aufbauender Korpus sind, sondern dass sie sich auch untereinander widersprechen können. Zum Beispiel haben wir das Recht auf die freie Ausübung des Glaubens und das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Dass das manchmal schwer miteinander vereinbar ist, haben wir in der Debatte um die Beschneidung bei Muslimen und Juden 2012 und 2013 gemerkt. Aber Menschenrechte müssen sich eben auch weiterentwickeln. Wichtig ist, dass man sich überlegt, wo man Schwerpunkte setzen will. Ist die Religionsfreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit wichtiger? Ein aktuelles Beispiel: Durch das Recht auf Glaubensausübung ist es bei uns nicht möglich, die Vollverschleierung von Frauen im öffentlichen Raum zu verbieten. Bei bestimmten Voraussetzungen jedoch, etwa wenn es Sicherheitsbedenken gibt, geht das dann doch. Deshalb darf niemand verhüllt an Demonstrationen teilnehmen oder eine Bank betreten.
Die AfD redet zum Beispiel gerne vom christlichen Abendland. Aber so etwas gibt es nicht.
Mark Draser
Frage: Was heißt es für unsere Gesellschaft, wenn es plötzlich eine Partei gibt, die das Verbot von Vollverschleierung fordert?
Draser: Wir haben das Glück, in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft zu leben, in der auch über unangenehme Themen diskutiert werden kann. Ich würde die AfD nicht ignorieren und ausgrenzen, sondern den Dialog und die Auseinandersetzung mit ihr suchen, denn unsere Gesellschaft muss eine solche Partei aushalten können. Das gehört zu einer Demokratie einfach dazu.
Frage: Was passiert denn, wenn die AfD weiter an Unterstützung gewinnt und die Religionsfreiheit einschränkt? Könnte es sein, dass auch das Christentum irgendwann nicht mehr zu Deutschland gehört?
Draser: Diese Möglichkeit besteht natürlich, aber ich sehe da keine konkrete Bedrohung. Eine viel größere Gefahr ist, dass das Christentum von diesen Populisten als Legitimationsgrundlage instrumentalisiert wird für einen Religionsdiskurs, der vollkommen überflüssig ist. Die AfD redet zum Beispiel gerne vom christlichen Abendland. Aber so etwas gibt es nicht. Das Christentum ist, zugespitzt gesagt, eine Religion, die aus dem Orient eingewandert ist. Zwar haben wir hier mitteleuropäische Traditionen, aber ohne muslimische Einflüsse gäbe es die christliche Kirche heute so nicht: Die einflussreichen Kirchenlehrer im Hochmittelalter zum Beispiel, die die Kirche entscheidend geprägt haben, profitierten etwa von den arabischen Übersetzungen der griechischen Philosophen.
Frage: Die Unterstützer der AfD scheinen dennoch Angst vor dem Islam zu haben.
Draser: Wir sollten uns nicht vor dem islamischen Glauben fürchten, denn dazu besteht überhaupt kein Grund. Ich kann nachvollziehen, dass Terrorgruppen wie der Islamische Staat Ängste schüren. Man darf allerdings nicht vergessen, dass das eine so kleine Strömung ist, die man angesichts der großen Mehrheit der friedlichen Muslime eigentlich vernachlässigen könnte. Das Paradox ist, dass diese Gruppen aufgrund ihrer geringen Größe nur das Mittel des Terrors sehen, um sich Aufmerksamkeit zu schaffen. Dadurch wird allerdings die Mehrheit der Muslime dazu gedrängt, sich für Positionen rechtfertigen zu müssen, für die sie nichts können. Das finde ich furchtbar – und es führt zu nichts. Wir müssen von dieser kollektiven Schuldzuweisung wegkommen. Für ein friedliches Zusammenleben brauchen wir Kenntnis voneinander, und das schaffen wir nur im vorurteilsfreien Dialog miteinander.
Über Religionsgrenzen hinweg haben Kirchenvertreter das Grundsatzprogramm der AfD kritisiert. Sie betrachten es als religionsfeindlich und erheben schwere Vorwürfe gegen die Partei.
Zur Person
Mark Draser ist Referent für Menschenrechte und Religionsfreiheit bei missio Aachen. Er hat Politikwissenschaft, Geschichte, Islamwissenschaft und Geologie studiert.