"Mich nehmen diese Ereignisse sehr mit"

Das Jahr 2016 geht zur Neige. Im Interview zieht Kardinal Reinhard Marx eine persönliche Bilanz. Er spricht über Krisen- und Glücksmomente, die Flüchtlingsfrage und die "Brustkreuz-Affäre".

Kirche | München - 21.12.2016

Frage: Herr Kardinal, Ihr Jahr begann mit einem Ausflug ins frostig-verschneite Wildbad Kreuth zur CSU-Klausur. Wie hat sich das Verhältnis der katholischen Kirche zur bayerischen Regierungspartei entwickelt?

Marx: Sie spielen auf die Flüchtlingsfrage an. Da gab und gibt es wohl immer noch einen Dissens zwischen CSU und CDU. Das hat sich auch ausgewirkt auf die Wahrnehmung in der Kirche. Man kann ja nicht erwarten, dass wir eine humanitär geprägte Haltung der Bundesregierung als Kirche kritisieren. Im Gegenteil. Und dazu stehen wir weiterhin. Wir haben aber nie gesagt, dass wir alle Flüchtlinge dieser Welt bei uns aufnehmen können. Es ging immer darum, wie kann man diese Herausforderung verantwortlich meistern? Und was kann man tun, damit die Menschen möglichst dort bleiben können, von wo sie aufbrechen? Was mir bei den Gesprächen mit den politisch Verantwortlichen in Bayern wichtig ist: Ich möchte nicht für jede Stellungnahme von Einzelnen gleich die ganze Staatsregierung oder auch die ganze CSU in Haftung nehmen. Aber ich erwarte auch Respekt und Verständnis für die Position der Kirchen.

Frage: Im März veröffentlichte Franziskus sein Schreiben "Amoris Laetitia". Der Text wird anhaltend kontrovers diskutiert. Welche Interpretationshilfen sind von den deutschen Bischöfen zu erwarten?

Marx: Der Text ist nicht so missverständlich, wie manche behaupten. Es handelt sich nicht um eine neue Lehre. Der Papst will, dass wir einen neuen, pastoralen Blick auf die Realität werfen und unser Leben, auch wenn es nicht immer gelungen ist, mit dem Anspruch des Evangeliums verbinden und der Barmherzigkeit Gottes vertrauen.

Frage: Welche praktischen Schlüsse sind daraus zu ziehen?

Marx: Es gilt, in der pastoralen Begleitung die Gewissensentscheidung des Einzelnen zu formen und zu respektieren. Wiederverheiratete Geschiedene etwa sollen nicht bis zum Ende ihres Lebens unabhängig von dem Weg, den sie gegangen sind, wie in einer Sackgasse eingemauert sein. Dabei muss die biografische, oft sehr schwierige Situation des Einzelnen im Horizont des Evangeliums gut angeschaut werden. Dazu zählt dann auch, gegebenenfalls wieder zur Kommunion und zur Beichte gehen zu können. Das verlangt anspruchsvolle Seelsorge. Dazu müssen wir jetzt die Priester ermutigen. Viele handeln schon so. Die deutschen Bischöfe haben die Familiensynode durchaus mitgeprägt. Ich denke, dass sie den Papst unterstützen und sein Schreiben als eine positive Weiterentwicklung sehen.

Linktipp: Das war 2016

2016 war ein heiliges Jahr - jedenfalls wenn man das vom Papst ausgerufene Jubeljahr zum Maßstab nimmt. Doch auch abseits der Heiligen Pforten war jede Menge los. Katholisch.de blickt auf das Jahr zurück.

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Frage: Wo waren Sie am Abend des 22. Juli?

Marx: Im Urlaub in Adelholzen. Aus den Nachrichten habe ich abends von den Schüssen im Münchner Olympia-Einkaufszentrum erfahren. Ich war zutiefst erschrocken und voller Sorge um die Menschen in der Stadt. Ich habe sofort im Bischofshaus angerufen und war erleichtert zu hören, dass von dort alle gut nach Hause gekommen sind. Zu dem Zeitpunkt war noch völlig offen, ob das nicht ein terroristischer Angriff ist, bis sich am späten Abend herausstellte, dass es ein Amoklauf war. Das hat mich schon sehr erschüttert.

Frage: Die meisten Opfer waren Migranten und keine Christen.

Marx: Mir war klar, dass wir Kirchen ein Angebot zu machen haben, wenn die Stadt so verwundet ist. Um allen die Möglichkeit zu gemeinsamer Trauer und Anteilnahme zu geben, wurde ein ökumenischer Gottesdienst vorbereitet, in den auch Muslime einbezogen waren. Sicher wurde dabei zum ersten Mal im Dom eine Sure des Koran vorgetragen, von einer gläubigen Muslima, aber in einem christlichen Gottesdienst. Ich habe gedacht, das gibt große Diskussionen. Gab es aber damals nicht; ich glaube, weil das Leid uns zusammengeführt hat. Das sollte uns auch für die Zukunft eine Lehre sein.

Frage: Wachsender Populismus, Brexit, Erdbeben in Italien, Aleppo - 2016 wird vielen als ein weiteres Krisenjahr in Erinnerung bleiben. Verraten Sie uns Ihr schönstes Erlebnis?

Marx: Mich nehmen diese negativen Ereignisse schon sehr mit. Dennoch - wir alle dürfen uns die Freude am Leben nicht nehmen lassen. Mein schönstes Erlebnis in diesem Jahr: Im Urlaub habe ich mir mit Freunden ein Motorboot gemietet. Wir sind über den Chiemsee geschippert, Schinken und ein Glas Wein dabei. Und ich habe mir einen Motorroller ausgeliehen, eine alte Leidenschaft. Daran denke ich gerne zurück.

Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD); und Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf dem Tempelberg.
"Mir tut es leid, wenn unser Verhalten missverstanden worden ist. Es gibt berechtigte Kritik, aber auch maßlose Reaktionen", so Kardinal Marx zur "Brustkreuz-Affäre".
 KNA

Frage: Nach der Pilgerreise deutscher Kirchenmänner und -frauen ins Heilige Land schwärmten viele Teilnehmer wie von einer unvergesslichen Klassenfahrt. Bis heute wird indes über eine Kleiderfrage debattiert. War es richtig, beim Besuch heiliger islamischer Stätten auf dem Tempelberg das bischöfliche Brustkreuz abzunehmen?

Marx: Mir tut es leid, wenn unser Verhalten missverstanden worden ist. Es gibt berechtigte Kritik, aber auch maßlose Reaktionen, als hätten wir uns einer anderen Religion unterworfen und unseren Glauben abgelegt. Was ich gelernt habe: Es war natürlich ein ungünstiger Moment und ein außerordentlich spannungsvoller Ort, angesichts der spürbar hohen Anspannung in Jerusalem und auch des hohen Erregungszustandes in unserer Gesellschaft, in den diese Bilder transportiert und mit einer bestimmten Interpretation versehen worden sind. Da muss man künftig noch genauer überlegen, was man sagt und tut, gerade im Verhältnis der Religionen untereinander, das mir eher schwieriger zu werden scheint.

Frage: Papst Franziskus ist gerade 80 geworden. In dem Alter ist Schluss für Kardinäle. Sollte das nicht auch für den Mann an der Spitze gelten?

Marx: Der Papst ist der Papst. Er entscheidet frei, da gibt es keine Regeln. Ich habe ihn dieser Tage sehr frisch und zugleich sehr gelassen erlebt, auch wenn ich nicht glaube, dass ihn alles unbeteiligt lässt, was er in der Welt und in der Kirche wahrnimmt. Aber er ist überzeugt, den richtigen Weg zu gehen. Und wir unterstützen ihn.

Frage: 2017 sind Bundestagswahlen. Die Kanzlerin tritt noch einmal an. Drücken Sie ihr die Daumen?

Marx: Ich bete für alle politisch Verantwortlichen. Vor allem darum, dass der Wahlkampf nicht entgleist in Attacken, Verunglimpfungen und Schwarz-Weiß-Malerei. Wir haben solche Kampagnen 2016 ja in anderen Ländern erlebt. Hoffentlich bleibt uns das erspart. Ich will eintreten für Besonnenheit und Respekt.

Von Christoph Renzikowski (KNA)

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