Auf den Spuren Benedikts
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Diese Bayern halten die Erinnerung an Benedikt XVI. wach

Auf den Spuren Benedikts

Noch lange nach dem Wegzug Joseph Ratzingers kann man in Bayern Spuren des emeritierten Pontifex finden. Diese sieben Bayern haben ihn erlebt - und erzählen ihre teils privaten Papst-Geschichten.

Von Barbara Just und Christoph Renzikowski (KNA) |  München - 25.08.2016

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Peter Seewald in seiner Wohnung. Er ist Autor mehrerer Interview-Bände mit Joseph Ratzinger/ Papst Benedikt XVI. (2005-2013).

"Kein Weichholz, aber auch kein Hardliner"

"Der Mann wurde mein Schicksal", sagt Peter Seewald (62). Er könnte auch sagen - "mein Segen", beruflich wie privat. 1992 sind sie sich zum ersten Mal in Rom begegnet: der Kirchenmann und der Reporter. Seewald, Ex-Ministrant, mit 18 aus der Kirche ausgetreten, hat zu dieser Zeit nach eigenen Worten "mit dem Glauben nichts am Hut". Nun soll er den Präfekten der Römischen Glaubenskongregation für ein Magazin porträtieren.

Der Beitrag fällt nicht übermäßig freundlich für den Kardinal aus. Umso überraschter ist der Autor, als Joseph Ratzinger drei Jahre später dem Plan für ein Interview-Buch zustimmt: "Salz der Erde". Seewald bezeichnet diese erste Zusammenarbeit als "Wunder", der Kardinal spricht von "Vorsehung". Sie beschert den beiden einen publizistischen Welterfolg - und forciert Seewalds Rückkehr zur Kirche. Die Fragen, die er stellt, sind die eines kritischen Journalisten und auch seine ganz persönlichen. Die Antworten überzeugen ihn, der Glaubenswächter wird ihm zum Religionslehrer.

Weitere Interviews folgen und werden ebenfalls zu Bestsellern. Nach der Wahl Ratzingers zum Papst schreibt Seewald ein Porträt nach dem anderen, dient anderen Medien als Papstexperte. Benedikt sei "kein Weichholz, aber auch kein Hardliner", "einer der größten Denker unserer Zeit, ein spiritueller Meister von hohen Gnaden". Auch nach dessen Rücktritt darf der Reporter ihn noch einmal ausgiebig vernehmen. Am 9. September erscheinen diese "Letzten Gespräche". Fest steht aber schon jetzt: Auch damit wird Seewald noch nicht alles über Ratzinger geschrieben haben.

Devotionalien mit Abbildungen von Benedikt XVI.
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Nicht nur wie hier in Rom, sondern auch im bayerischen Wallfahrtsort Altötting werden Devotionalien mit Abbildungen von Benedikt XVI. verkauft. Mittlerweile hat der Rummel um die Papst-Andenken jedoch nachgelassen.

"Es ist schon ein bisschen ruhiger geworden"

Für Leopold Duffek war der Besuch des bayerischen Papstes in Altötting 2006 ein "bewegender Moment". Seit 1965 macht er als Devotionalienhändler Geschäfte in dem Marienwallfahrtsort, sieben Läden gehören ihm heute, aber ausgerechnet damals musste er sie geschlossen halten - aus Sicherheitsgründen. "Bescheidenheit ist Größe", sagt Duffek dazu heute. Und dass Benedikt XVI. nicht vergessen werde. "Er wird in unserem Herzen immer weiterleben."

An der Eingangstür von Duffeks Geschäft am Kapuzinerberg hängt nach wie vor Benedikts Porträtbild, an der Wand ein Foto mit dem prominenten Gast im Papamobil. Im Regal mit den Tassen lugt Benedikt XVI. zwischen Bayern-Wappen und Schwarzer Madonna hervor. Kerzen mit seinem Konterfei von einem bis 22,90 Euro sind weiter zu haben. "Aber es ist schon ein bisschen ruhiger geworden", gibt der Händler zu.

Schwarze T-Shirts, farbig bedruckt mit dem beide Hände zum Himmel hebenden Heiligen Vater und der Gnadenkapelle, hat er jüngst mit anderen Hilfsgütern nach Rumänien gekarrt. Die Kinder dort trügen die Shirts "voller Leidenschaft".

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In dem fast 300 Jahre alten "Mauthaus" in Marktl am Marktplatz 11 wurde Joseph Ratzinger geboren. Foto aus dem Jahr 1920.

"Eine würdige Begegnung mit Fragen unseres Glaubens"

Eine Wiege sucht man im Papstgeburtshaus in Marktl am Inn vergeblich. In dem Gebäude, in dem Joseph Ratzinger am 16. April 1927 das Licht der Welt erblickte, geht es nicht um Personenkult, sondern um "eine würdige Begegnung mit Fragen unseres Glaubens". Diesem Wunsch von Benedikt XVI. ist Ludwig Raischl verpflichtet. Der theologische Leiter der Einrichtung sorgt seit 2007 dafür, dass die Leute nicht nur Fotos von sich vor der Fassade machen. Sie sollen auch etwas angeboten bekommen, "mit dem sie was anfangen können".

Ratzinger selbst bekannte, ihm sei wichtig, dass ihm die Eltern hier das Leben geschenkt hätten, dass er hier die ersten Schritte gemacht und sprechen gelernt habe. Über solch existenzielle Dinge lohne es sich nachzudenken, meint Raischl.

Auf gut 7.000 hat sich die jährliche Besucherzahl zwischen Ostern und Allerheiligen eingependelt. Sie kommen aus aller Welt und sind eingeladen, den großen Fragen nach dem Woher, Wohin und Warum nachzuspüren - anhand der Worte des emeritierten Papstes und von ihm zur Verfügung gestellten persönlichen Dingen. Auch seine roten Schuhe stehen dort. Raischl fällt dazu ein, was das Kirchenoberhaupt nach seinem Amtsverzicht 2013 gesagt hat: Er trete jetzt die letzten Schritte auf dieser Erde an.

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Ehemalige Nachbarn von Kardinal Joseph Ratzinger, Rupert und Therese Hofbauer am 21. Juli 2016 in Pentling. Er ist Hausmeister im ehemaligen Wohnhaus des Kardinals, von vielen "Papst-Haus" genannt, sie kümmert sich um den Garten.

"Hilfe, mein Nachbar ist Papst"

Rupert und Therese Hofbauer kümmern sich im Regensburger Vorort Pentling seit über 30 Jahren um das Anwesen gegenüber, das einmal Joseph Ratzingers "Häusle" war. Sie schneiden Sträucher, räumen Schnee, machen sauber. Und wenn mal die empfindliche Alarmanlage im "Papsthaus" losgeht, schreitet der pensionierte Brandmeister ein und sperrt der Polizei auf. Die entfernt dann den Übeltäter - meist eine Spinne oder eine Mücke.

Über ihren einstigen Nachbarn können die Hofbauers "nur Gutes sagen". Wenn ihre Buben draußen herumtobten, stand der Theologieprofessor auf seinem Balkon und lächelte. Auch als die zwei Rabauken ihm im Winter mit dem Schlitten den Gartenzaun demolieren, kam kein Wort der Klage. Nur vom frechen Kater "Chico" musste Ratzinger nach einem Notruf dann und wann erlöst werden.

Zum 40-jährigen Hochzeitsjubiläum hat Benedikt XVI. sein Hausmeisterehepaar in Castelgandolfo empfangen. Es gab ein "wunderschönes Geschenk", erzählt Rupert Hofbauer. Mehr wird nicht verraten. Obwohl - ein ganzes Buch könnte er schreiben. Den Titel hat er schon: "Hilfe, mein Nachbar ist Papst".

Christian Schaller im Porträt

Dr. Christian Schaller ist Stellvertretender Direktor des Institut Papst Benedikt XVI. in Regensburg.

"Ein großer Gelehrter"

Christian Schaller verwaltet das geistige Erbe von Joseph Ratzinger. Am Regensburger Papst-Benedikt-Institut erarbeitet der Münchner die Werkausgabe. 10 von 16 Bänden sind bereits erschienen. Zu den Schätzen, die er hütet, zählen Ratzingers Doktorarbeit und Habilitation: die handschriftlichen Urfassungen, mit Bleistift zu Papier gebracht, das fachkundig entsäuert wurde, damit es für die nächsten 500 Jahre hält.

Schallers Sammelsurium umfasst auch ein kleines Kuriositätenkabinett: Ratzinger-Radiergummi ("Ratzefummel"), Biergläser mit einem Bild von ihm, der kaum je ein Bier trank, das Marktler Geburtshaus als Modellbausatz - alles "schön herzuzeigen, aber nicht aussagekräftig für das Kerngeschäft dieser Einrichtung", sagt der Theologe schmunzelnd. Ihm geht es darum, einen "großen Gelehrten des 20. und 21. Jahrhunderts" im wissenschaftlichen Gespräch zu halten.

Zu entdecken gibt es für spätere Generationen in Schallers Institut noch genug, etwa 30.000 Briefe von Ratzinger aus seiner Professorenzeit zwischen 1951 und 1977. Obwohl schon archivalisch aufbereitet, werden sie nach dem Tod des Absenders noch 30 Jahre unter Verschluss bleiben.

Dossier Benedikt XVI.: Wir waren Papst

Joseph Ratzinger war als Papst Benedikt XVI. acht Jahre lang das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Katholisch.de blickt in einem Dossier auf das Pontifikat des "deutschen Papstes" zurück.

"Ein angemessenes Andenken"

Erika Graswald-Böhme hätte die Chance gehabt, mit Joseph Ratzinger ungezwungen zu plaudern. Doch dafür ließen ihr die Arbeit im Hotel und ein kleines Kind keine Zeit. Ihre Mutter folgte dagegen stets der Einladung ihres Bruders, wenn der als Pfarrer in Altötting seine freundschaftlichen Begegnungen mit dem späteren Professor und Kardinal pflegte. Kam die Mama zurück, schwärmte sie von der Unterhaltung und prophezeite bald: "Ihr werdet sehen, der wird einmal Papst."

Es ist diese Familiengeschichte, die die frühere Hoteliersfrau antreibt, dazu die Überzeugung, dass dieser Mann einfach "ein angemessenes Andenken" braucht, und zwar in Gestalt der weltweit ersten Papst-Benedikt-Kapelle. Seinen Segen hat sie dafür schon - und auch die Zustimmung des Ortsbischofs. Einen Verein mit rund 40 Mitglieder gibt es, sogar einen Grund im niederbayerischen Thurmansbang, leider etwas abgelegen, findet Graswald-Böhme. Zentraler wäre schöner.

Der architektonische Entwurf dafür kam der gelernten Glasmalerin über Nacht. "Ich bin dann aufgestanden und habe es gleich gezeichnet." Eine römische Kuppel, das Papstwappen über dem Eingang, matte Rautenfenster. 150.000 Euro soll der Bau kosten, nur die Spenden fließen noch nicht so recht. Aber Aufgeben kommt nicht infrage, selbst wenn es mit der Eröffnung zum 90. Geburtstag des Namensgebers 2017 nicht klappen sollte. 

Von Barbara Just und Christoph Renzikowski (KNA)