Die Unesco macht Belgiens Biere zum Kulturerbe der Menschheit

Flüssig, farbig und keineswegs immateriell

Aktualisiert am 03.12.2016  –  Lesedauer: 
Orden

Brüssel ‐ Man hasst es oder liebt es: belgisches Bier. Zwar fehlt ihm das deutsche Reinheitssiegel - dafür bietet es eine Vielfalt von Aromen und Nuancen, von dem der reine Einheitsbräu der Großkonzerne nur träumen kann.

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Stocknüchtern betrachtet ist Bier ein alkohol- und kohlensäurehaltiges Getränk, das durch Gärung meist aus Wasser, Malz und Hopfen gewonnen wird. Für einen kontrollierten Start des Gärvorgangs wird in der Regel Hefe zugesetzt. Was sollte daran Kultur sein? Die Unesco hat es erkannt. Bei ihrer Sitzung im äthiopischen Addis Abeba ernannte sie Belgiens Bierkultur zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Wohlgemerkt: Nicht das Bier selbst - denn das ist sehr wohl materiell. Es geht um die belgische Liebe zum und das Leben mit dem Bier.

Die Bierkultur Belgiens wird im ganzen zerstrittenen Land gelebt. Überall gibt es Brauereien, Klöster, Museen, Kurse und Seminare, Feste und Veranstaltungen, Restaurants und Kneipen, die zur Kreativität und Vielfalt der Bierlandschaft Belgien beitragen. Viele Brauarten haben einen regionalen Ursprung.

Linktipp: Bei Anruf Bier

Tut, tut, tut. Das Besetztzeichen hört oft, wer mit der "beer phone number" der Trappisten im belgischen Westvleteren in Kontakt treten will. Die Brüder sind unter der speziellen Telefonnummer allerdings weniger wegen himmlischer als ganz irdischer Fragen begehrt. Schließlich sehnt sich der Anrufer nach einem raren Stoff: Trappistenbier aus der Abtei "Sint Sixtus" in Westbelgien - dem besten Bier der Welt. (Artikel von 2013)

Zwar fehlt dem belgischen Bier das deutsche Reinheitssiegel - wildes Kreuz- und Querprobieren kann ein übles Nachspiel haben. Aber dafür bietet es eine Vielfalt von Aromen und Nuancen, von dem der reine Einheitsbräu internationaler Großkonzerne nur träumen kann. So sind etwa säuerliche Lambic-Biere wie die "Gueuze", die sich durch Spontan-Gärung in offener Lagerung auszeichnen, eine Spezialität Brüssels und des flämischen Pajottenlandes. Saisonbiere findet man vor allem in der Wallonie, dunkle "Oud Bruin"-Biere hauptsächlich in Westflandern. In Abteien wie Chimay ist mit Bier gewaschener Käse entstanden. Auch gekocht wird mit Bier und viel Hingabe.

Jedes Bier hat sein ganz eigenes Glas

Aroma, Konsistenz und Abgang unterscheiden sich je nach Region deutlich voneinander. Wichtig: Jedes Bier hat sein ganz eigenes Glas. Seinen vollen Geschmack entfaltet es, so will es das Bier-Marketing, immer nur im Originalglas und bei einer festgelegten Trinktemperatur. Es sind die Vielfalt dieser Braukünste und die Intensität der belgischen Bierkultur, die sie zu einem echten Kulturerbe machen. Sie gehört zum Alltag und ist oft untrennbar mit Festen verbunden.

Untrennbar ist das belgische Brauwesen auch vom abendländischen Mönchtum. Den Grundstein habe der heilige Benedikt selbst bereits im 6. Jahrhundert gelegt, berichten die Benediktiner in wohlwollender Lesart. In seiner Ordensregel aus dem Jahr 529, die im Abendland über Jahrhunderte vorherrschte, legte er fest, dass die Mönche alles, was sie zum Leben brauchen, selbst schaffen sollen. So spezialisierten sich in jedem Kloster einige Mönche auf das Brauen. Weil sie häufig auch lesen und schreiben konnten, konnten die Klöster die Bierherstellung stetig weiterentwickeln.

Linktipp: Schwester Doris und das Bier

Nirgendwo auf der Welt gibt es noch eine klösterliche Braumeisterin - außer bei den Franziskanerinnen von Mallersdorf: Schwester Doris braut hier das "Mallersdorfer". Für ihr erstes Bier musste sie sich überwinden, aber dann entstand eine große Liebe.

Das mönchisch gebraute Bier wurde wegen seiner beruhigenden Wirkung - der Hopfen! - von den Aachener Synoden zur Klosterreform 816/819 zu einem christlichen Heilgetränk verklärt. Später empfahlen auch Hildegard von Bingen und Paracelsus das Getränk zur Wiederherstellung und Kräftigung der Gesundheit. In mittelalterlichen Klöstern galt Starkbier als Fastengetränk, weil es den Mönchen auch in der Fastenzeit Energie für schwere körperliche Arbeit gab. Die mönchische Speckschicht bot - ähnlich wie in der Tierwelt - auch einen Schutz gegen die Kälte in den ungeheizten Sälen. So bekam der Begriff des "Maßhaltens" eine ganz neue Deutung.

Besonders streng sind jeher die Trappisten. Weltweit gibt es nur neun sogenannte authentische Trappistenbiere. Sechs davon kommen aus Belgien: Westvleteren, Westmalle, Achel, Chimay, Rochefort und Orval; dazu eines aus den Niederlanden (Koningshoeven), eines aus Österreich (Engelszell) und eines aus Frankreich (Abtei Mont-des-Cats in Godewaersvelde). Der Alkoholgehalt von Trappistenbieren liegt zwischen 6 und 12 Prozent. Sie werden ausschließlich aus natürlichen Rohmaterialien hergestellt: Quellwasser, Gerstenmalz, Hopfen, Zucker und Hefe.

Westvleteren gehört zugleich zu den begehrtesten Bieren der Welt. Wiederholt zum besten weltweit gekürt, ist es doch nur vor Ort selbst in handelsüblichen Mengen abzuholen - nach telefonischer Terminvereinbarung. Nur einmal, als die Abtei ein neues Dach brauchte, wurde der Ausstoß vergrößert und über Zeitungscoupons in einer einzigen Supermarktkette ausgegeben. Ein ganzes Land stand Kopf. Es geht eben um Kultur.

Von Alexander Brüggemann (KNA)