Luther in der Kontinuität der Kirche sehen
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Lehmann: Reformator wollte keine eigene Kirche gründen

Luther in der Kontinuität der Kirche sehen

Kardinal Lehmann plädiert für eine andere Sicht auf Luther. Der Reformator könnte für Katholiken "eine geradezu prophetische Bedeutung bekommen", sagte er und verglich Luther mit zwei großen Theologen.

Berlin - 03.02.2017

Der emeritierte Mainzer Kardinal Karl Lehmann hat den "tiefen Zusammenhang" des Reformators Martin Luther (1483-1546) mit der "ganzen Geschichte der einen, heiligen, katholischen (christlichen oder allgemeinen) und apostolischen Kirche" hervorgehoben. "Luther hatte nicht die Absicht, eine eigene Kirche zu gründen", betonte Lehmann laut Redemanuskript am Donnerstagabend in der Staatsbibliothek zu Berlin bei der Eröffnung einer Ausstellung zum 500-jährigen Reformationsgedenken.

"Auch wenn die Reformation in der einen Kirche gescheitert ist, so hielt Luther dennoch an der Einheit und Katholizität der Kirche fest", sagte der langjährige Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Luthers Aussagen über den Willen zur Kontinuität in der Kirche seien "noch nicht genügend ernstgenommen worden, weder von den Katholiken noch von Lutheranern".

Luther habe nie die Autorität beansprucht, die er erhalten hat

Weiter meinte Lehmann, Luther habe für sich "nie die Autorität beansprucht, die er faktisch erhalten hat". Er müsse "im Blick auf die ganze Geschichte der Kirche aus einer gewissen Isolierung befreit" werden. "Kein Theologe - und sei er noch so groß: auch Augustinus und Thomas von Aquin nicht - hat im Gesamtzeugnis der katholischen Kirche eine so hohe Vorrangstellung erhalten", meinte der Kardinal.

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Als der Dominikanermönch Tetzel 1517 in Wittenberg aggressiv für den kirchlichen Ablasshandel wirbt, platzt dem Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther am 31. Oktober endgültig der Kragen. Der Rest ist Geschichte.

Noch wichtiger als die bloße Gefolgschaft für einen großen Lehrer sei das stets neue Hinhören auf alle Zeugen des Glaubens. "Wäre es nicht an der Zeit, für Katholiken und für evangelische Christen je auf ihre Weise, das Ereignis 'Luther' stärker in die gesamtkirchliche Tradition hineinzustellen, noch mehr als es Teile des skandinavischen und nordamerikanischen Luthertums schon immer getan haben?", fragte Lehmann.

Diese Sicht des Reformators könnte nach seiner Ansicht "durchaus für den Katholiken eine geradezu prophetische Bedeutung bekommen". Luther könne dann ein "Zeuge des Evangeliums", ein "gemeinsamer Lehrer", vielleicht sogar ein "Vater im Glauben (nicht: Vater des Glaubens)" werden. Im Blick auf einen "gewissen Ur-Protestantismus" fügte Lehmann hinzu, Protest und Korrektiv allein könnten nicht genügen, um eine Kirche Jesu Christi zu sein. Sie hätten zwar eine unentbehrliche Funktion, bedürften jedoch der umfassenden Fülle. "Theologische Höhe darf man nicht unter Preis verkaufen und billig heruntersetzen: Reformation ist nicht nur eine Chiffre zu einem Imperativ 'Die Welt verändern' oder 'immer wieder neue Aufbrüche wagen'", erklärte der Kardinal. Es gehe um Wahrheit des Glaubens und Theologie. (KNA)