Frauenhände mit Rosenkranz
Bild: © KNA
Wie Johannes Paul II. den lichtreichen Rosenkranz erfand

Papstgeheimnisse aus Malta

Rosenkranz - 2002 kam eine kleine Sensation aus dem Vatikan: Neue Geheimnisse für den Rosenkranz! Fünf "lichtreiche" Mysterien über das Reich Gottes fügte Johannes Paul II. dem Rosenkranz hinzu. Doch woher er seine Inspiration nahm, verriet er nicht. Die Spur führt nach Malta.

Von Felix Neumann |  Bonn - 11.05.2017

2002, im Rosenkranzmonat Oktober, veröffentlichte Papst Johannes Paul II. das apostolische Schreiben "Rosarium Virginis Mariae", "Der Rosenkranz der Jungfrau Maria" – und ergänzte das jahrhundertealte Gebet um einen neuen Aspekt. Päpstliche Äußerungen zum Rosenkranz haben Tradition: Immer wieder veröffentlichten Päpste Schreiben und Enzykliken, um das meditative Gebet zu fördern. Papst Leo XIII. allein verfasste im 19. Jahrhundert zehn Rosenkranz-Enzykliken. Doch das, was Johannes Paul II. vorlegte, konnte selbst dieser wohl schreibfreudigste unter den marianischen Päpsten nicht bieten: Neue Geheimnisse für den Rosenkranz! Fünf "lichtreiche Geheimnisse" ergänzen die traditionellen 15 Geheimnisse. Das machte aus dem apostolischen Schreiben eine kleine Sensation – ein Papst, der neue Mysterien verrät!

Die fünf lichtreichen Geheimnisse

Jesus, der von Johannes getauft worden ist (Lk 3, 21–22) Jesus, der sich bei der Hochzeit in Kana offenbart hat (Joh 2,1–12) Jesus, der uns das Reich Gottes verkündet hat (Mk 1,14) Jesus, der auf dem Berg verklärt worden ist. (Lk 9,28–36) Jesus, der uns die Eucharistie geschenkt hat (Mk 14,17–25)

Doch so geheimnisvoll sind die Geheimnisse des Rosenkranzes tatsächlich nicht. Das Wort Geheimnis, auf griechisch "Mysterium", bezeichnet in der Theologie die Offenbarung von etwas, das allein und ohne Hilfe Gottes nicht zugänglich wäre. Mit Geheimhaltung hat das nichts zu tun. Im Epheserbrief schreibt Paulus etwa davon, "mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden" – darum geht es auch bei den Geheimnissen des Rosenkranzes: Sie sind jeweils kurze Glaubenssätze über das Leben Jesu. Traditionell gab es 15 Geheimnisse, die jeweils zu fünft eine Variante des Rosenkranzes bilden: Die freudenreichen Geheimnisse erinnern an die Menschwerdung Gottes und die Kindheit Jesu, die schmerzhaften an das Martyrium bis zum Tod am Kreuz, die glorreichen Geheimnisse schließlich vergegenwärtigen die Auferstehung. Diese Geheimnisse werden je pro Gesätz – einer Zehnergruppe von Ave Marias – im Ave Maria an die Stelle "gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus" angefügt.

Das Reich Gottes ist schon angebrochen

Mit den lichtreichen Geheimnissen wendet Johannes Paul II. den Blick auf das öffentliche Wirken Jesu und die Wunder, die das Evangelium beschreibt: Die Taufe im Jordan, die Hochzeit zu Kana, die Verkündigung des Reiches Gottes, die Verklärung auf dem Berg Tabor und schließlich die Stiftung der Eucharistie. "Jedes dieser Geheimnisse ist Offenbarung des Reiches, das in der Person Jesu Christi schon eingetroffen ist", schreibt der Papst.

Player wird geladen ...
Video: © katholisch.de

Er ist Teil seines spirituellen Vermächtnisses: Johannes Paul II. hat dem Rosenkranz fünf neue Geheimnisse hinzugefügt.

Ein Mysterium verrät Johannes Paul II. in "Rosarium Virginis Mariae" jedoch nicht: Wie es dazu kam, dass er nach hunderten Jahren neue Geheimnisse in den Rosenkranz einfügt. Doch es gibt Hinweise: Ein Jahr zuvor, 2001, sprach der Papst den maltesischen Priester Ġorġ Preca selig. Mit seiner Gründung einer Gesellschaft von Laien-Katecheten gilt er als Vorläufer des im Zweiten Vatikanum propagierten Laienapostolats.

Einen Hinweis auf den Rosenranz gibt Precas offizielle Biographie der Heiligsprechungskongregation: "1957 schlug er fünf 'Geheimnisse des Lichts' für das persönliche Rosenkranzgebet vor", heißt es dort knapp.

Precas "Geheimnisse des Lichts"

Jesus, der nach seiner Taufe im Jordan in die Wüste gebracht wurde. Jesus, der sich als wahrer Gott in seinen Worten und Wundern offenbarte. Jesus, der die Seligpreisungen auf dem Berg lehrte. Jesus, der auf dem Berg verklärt wurde. Jesus, der das letzte Abendmahl mit den Aposteln beging.

Precas Geheimnisse des Lichts ähneln den späteren lichtreichen von Johannes Paul II. stark: Erst die Taufe im Jordan und die Versuchung in der Wüste, die Offenbarung durch seine Worte und Wunder, die Bergpredigt, die Verklärung und schließlich das letzte Abendmahl.

In der Schule Mariens

In maltesischer Sprache werden sie in den Jahren darauf immer weiter verbreitet. Woher und ob überhaupt Johannes Paul II. Precas Geheimnisse kannte, ist nicht bekannt. Dass er maltesisch sprach, eine Sprache, die auf einen arabischen Dialekt zurückgeht, ist jedenfalls nicht überliefert. Auch im Heiligsprechungsverfahren – 2007 wurde Preca von Benedikt XVI. zur Ehre der Altäre erhoben – konnte die Verbindung zwischen dem maltesischen Priester und dem polnischen Papst nicht geklärt werden. Am wahrscheinlichsten scheint die Erklärung, dass Auslandsmalteser englische Übersetzungen ins Internet gestellt haben und die Geheimnisse des Lichts so außerhalb des maltesischen Sprachraums verbreitet wurden.

Egal, wie eng die Verbindung zwischen den beiden Heiligen ist: Was Johannes Paul II. in "Rosarium Virginis Mariae" über den Rosenkranz schreibt, hätte dem Priester und Katecheten aus Malta sicher gefalle: "Mit dem Rosenkranz geht das christliche Volk in die Schule Mariens", beschreibt Johannes Paul II. das Gebet,  das mit Maria zu Jesus führen soll.

Von Felix Neumann

Linktipp: Das Rosenkranzgebet

59 Perlen und ein Kreuz: So ist jeder Rosenkranz aufgebaut. Was es mit den einzelnen "Gesätzen" und "Geheimnissen" auf sich hat, kann man hier erfahren.