Die Ikonostase in der Metropolitankirche Agia Trias
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Die griechisch-orthodoxe Metropolie von Deutschland

Ein göttlicher Kosmos in blau und gold

Orthodoxie - Ikonen, prachtvolle Gottesdienste und bärtige Männer: Das fällt wohl den meisten zu "griechisch-orthodox" ein. Doch im mystischen Kosmos einer orthodoxen Kirche gibt es noch mehr zu entdecken.

Von Johanna Heckeley |  Bonn - 07.09.2017

Lange, dünne Kerzen, weiß oder aus gelbem Bienenwachs – wer den Vorraum der griechisch-orthodoxen Kathedrale Agia Trias in Bonn betritt, kommt nicht an ihnen vorbei. "Jedes Mal, wenn man die Kirche betritt, zündet man Kerzen an", erklärt Erzpriester Sokratis Ntallis. Dafür gibt es gleich zwei mit Wasser und Sand gefüllte Behälter auf beiden Seiten der Kirchentür: Rechts für die Verstorbenen, links für Wünsche. Ntallis öffnet die Tür zur Kirche – und gibt den Blick auf die überwältigende Schönheit des Gotteshauses frei: Von den dunkelblauen Wänden schauen streng im kräftigen orthodoxen Ikonenstil gemalte Heilige, daneben sind Bibelszenen abgebildet. In der Mitte, über den Stuhlreihen aus hellem Holz, hängt ein prachtvoller Kronleuchter. Ein Lichtstrahl von hoch oben, aus den klaren Fenstern der achteckigen Kuppel, fällt auf die Heiligenbilder der Ikonostase, die vor dem Altarraum steht. Kein Laut dringt von außen ein. Es ist, als betrete man einen anderen Kosmos.

Erzpriester Ntallis schmunzelt, offenbar ist er staunende Besucher gewohnt. "Wenn wir Gottesdienst feiern, dann ist das eine kosmische Handlung. Es ist ein Gottesdienst nicht nur für die Gemeinde, sondern auch für die Verstorbenen und alle die, die rechtmäßig getauft sind, also auch die Katholiken", hatte er noch draußen, bei dem Kerzenstand, erklärt. Hier in der Kirche beginnt man, die Bedeutung dessen zu erahnen. Ntallis deutet unterdessen auf drei Ikonen links von der Eingangstür; Männer, in kostbaren mittelalterlichen Kleidern: "Das ist eine regionale Besonderheit. Sie wurden speziell für diese Kirche nach der Ordnung der Orthodoxen Kirche entworfen", erklärt er. "Da sind die Patrone von Bonn, Cassius und Florentius, und der Kölner Heilige Heribert." Wer den auf Griechisch geschriebenen Namen neben den Köpfen nicht entziffern könne, könne die Heiligen anhand ihres Gesichts identifizieren, meint Ntallis: "Es gibt bei uns eine lange Tradition, nach der die Gesichter gestaltet werden."

Ikonen der Heiligen Cassius, Florentinus und Heribert.
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Die eigens entworfenen Ikonen der Heiligen Florentius, Cassius und Heribert (v.l.)

Der Entwurf neuer Ikonen für diese katholischen Heiligen ist längst nicht der einzige ökumenische Fingerzeig. Ntallis, der 1974 Mitinitiator des Arbeitskreises Christlicher Kirchen in Bonn war, mit dem bis heute gemeinsame Gottesdienste und Veranstaltungen organisiert werden, weist auf das Bild über der Eingangstür: Hier finden sich gleich zwei Darstellungen vom Tod der Gottesmutter. Zunächst das traditionelle orthodoxe Motiv der "Mariä Entschlafung", mit Maria, die auf einem Bett liegt und umringt ist von den Aposteln. In der Mitte steht Jesus, der ihre Seele in Empfang nimmt. Darüber, etwas kleiner, ist die Himmelfahrt Mariens dargestellt: Von Engeln wird sie in den Himmel getragen – ein Motiv der westlichen Tradition. Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel ist das jüngste Dogma der katholischen Kirche. Es wurde 1950 von Papst Pius XII. verkündet.

Adenauer sprach sich für Bonn aus

Dass die Metropolitankirche überhaupt in Bonn gebaut wurde, hat eine historische Bewandtnis. Anfang der 60er Jahre kamen über das Anwerbeabkommen viele griechische Arbeiter nach Deutschland. Daher beschlossen 1963 der damalige Patriarch von Konstantinopel, Athenagoras I., und die Heilige Synode des Patriarchats die Errichtung einer Griechisch-Orthodoxen Metropolie hierzulande – vergleichbar mit einer Diözese der katholischen Kirche. Doch zu dem Zeitpunkt gab es nur eine einzige griechisch-orthodoxe Kirche, und zwar in München: König Ludwig I. von Bayern hatte 1828 die gotische Salvatorkirche der griechischen Gemeinde zur Nutzung überlassen. Die neu entstandenen griechisch-orthodoxen Gemeinden mussten daher für ihre Gottesdienste andere Lösungen finden, etwa, indem sie katholische Kirchen nutzen. Dass man zunächst gar nicht an den Bau von eigenen Kirchen dachte, lag unter anderem daran, dass die Griechen durch ihren "Gastarbeiter"-Status von einem provisorischen Aufenthalt in Deutschland ausgingen.

"Doch die Metropolie brauchte natürlich auch einen Bischof", erzählt Ntallis. Wie bei der katholischen und evangelischen Kirche auch, sollte er bei der jeweiligen Landesregierung angekündigt werden. Für seinen Sitz hätten mehrere Städte zur Auswahl gestanden – aber für den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer sei nur eine in Frage gekommen. "Er hat gesagt: Entweder Bonn oder gar nicht." So wurde die frühere Bundeshauptstadt zum Sitz des Metropoliten. 1974 dann wurde die Metropolie als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt, 1977 die Kathedrale erbaut und Pfingsten ein Jahr später eingeweiht. Die Gestaltung des Innenraums jedoch war da nicht beendet: Erst 2001 wurden die Malerarbeiten abgeschlossen.

Die Darstellung Mairä Entschlafung und Mariä Himmelfahrt in der griechisch-orthodoxen Kirche.
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Osten und Westen auf einer Wand: Mariä Entschlafung nach orthodoxer Darstellung und darüber die Aufnahme Mariens in den Himmel.

Gestaltet hat die Kirche der griechische Ikonenmaler Christophanis Voutsinas mit seinen Töchtern Andromachi und Helena sowie Gehilfen im "Neo-Historismus". Vorbild für die etwa 600 Quadratmeter Wände und Decken waren byzantinische Kirchenausmalungen: Die Kleider der Figuren in Bonn sind mit ähnlich harten Farbkontrasten gestaltet, die Hände in ebenso huldvollen, zurückhaltenden Gesten dargestellt und die Gesichter naturnah, aber mit wenig Ausdruck.

Keine Kirchensteuer, viele Spenden

Finanziert wurden die Kirche sowie die Gebäude der Metropolie durch Spenden: "Wir könnten als Körperschaft öffentlichen Rechts auch Kirchensteuer einziehen, aber das haben wir nicht eingeführt", erklärt Ntallis. Von dem deutschen oder griechischen Staat gebe es keine finanzielle Unterstützung. "Wir sind aber zufrieden, denn wir haben einen sehr hohen Kirchenbesuch und die Leute kommen unseren Bitten gerne entgegen." Die Spenden, die in Bonn gesammelt werden, würden zum Teil an andere Gemeinden in Deutschland verteilt – und umgekehrt. Das sei etwa beim Bau und der Ausmalung der Kathedrale geschehen. "So soll anderen Gemeinden geholfen werden, damit sie bauen können."

Die Gemeinde in Bonn habe etwa 600 Mitglieder, "das ist nicht groß, weil unsere Landsleute meist da leben, wo es viel Industrie gibt, und Bonn ist eine Bürostadt." Aber vor allem zu großen Festen wie Ostern oder Weihnachten kommen die Gläubigen auch von außerhalb: Insgesamt schätzt die Metropolie ihre Mitglieder auf rund 800.000. Genaue Zahlen gibt es nicht, da, nicht wie bei der evangelischen und der katholischen Kirche, keine Erfassung der Mitglieder mit der Kirchensteuer erfolgt. Daher stütze man sich auf die Zahlen der griechischen Konsulate. Rund 60 Hauptgemeinden gibt es in Deutschland sowie weitere Filialen, in denen Gottesdienste nicht in eigenen Kirchen stattfinden.

Sokratis Ntallis im Porträt
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Erzpriester Sokratis Ntallis ist Direktor des Metropolitanbüros.

Verwaltet wird die deutsche Metropolie in den Büroräumen neben der Kathedrale – von Ntallis und fünf weiteren Kollegen, darunter Geistliche. "Eine Verwaltung wie bei der katholischen Kirche können wir uns nicht leisten", erklärt der Erzpriester. Er selbst ist nicht nur Direktor des Metropolitanbüros, sondern auch zuständig für Scheidungen und Finanzen. Einen Acht-Stunden-Tag gebe es nicht, "das Büro ist eigentlich ständig geöffnet. Wenn die Leute etwas haben, können sie einfach vorbeikommen." In dringenden Fällen gingen er und seine Kollegen sogar auch nachts ans Telefon. Daher sind sie nicht nur auf Spenden, sondern auch auf ehrenamtliche Helfer angewiesen: "Die Sonntagsschule für die Kinder, die Erwachsenenkatechese oder andere Veranstaltungen – das machen alles Ehrenamtliche."

An der Ikonostase ist Schluss

Die Gottesdienste der Bonner Gemeinde sind normalerweise auf Griechisch – "nur zu besonderen Anlässen, wenn etwa deutsche Bischöfe zu Gast sind, feiern wir auf Deutsch", erklärt Ntallis. Er habe einmal deutschen Gottesdienstbesuchern eine Freude machen wollen und einige Gebete auf Deutsch aufgesagt. "Danach haben sie mich gebeten, ich solle lieber in der Originalsprache beten." Das könne er verstehen: Die Sprache vermittele etwas Mystisches. Übersetzt sei ein Gebet vielleicht rational verständlich. "Aber durch die Übersetzung verliert es an Farbe für das Herz und für die Seele." Trotz der Sprachbarriere stehe der Gottesdienst auch Besuchern offen, die kein Griechisch verstünden. "Dazu gehört natürlich die Bereitschaft, dennoch teilzunehmen und es nicht wie ein Theaterstück zu betrachten", meint er. Überhaupt seien die Unterschiede nicht so groß, wie man meinen könne: Der Aufbau von orthodoxen und katholischen Gottesdiensten etwa sei fast der gleiche, "nur die Bausteine unterscheiden sich in der Länge." Er lacht.

Auch außerhalb der Gottesdienste seien Besucher willkommen, "solange sie sich anständig verhalten, wie es einer Kirche entspricht". Orthodoxe befolgen beim Betreten der Kirche ein komplexes Ritual, zu dem nicht nur das Kerze anzünden, sondern auch mehrfaches Bekreuzigen, Niederknien oder Verbeugen und das Küssen der Ikonen gehört. Doch Besucher bräuchten dies nicht nachzumachen, meint Ntallis. Doch eine Regel gilt auch für sie: Den Altarraum hinter der Ikonostase dürfen nur Geistliche betreten. Die Ikonostase stehe aber nicht für ein Verbot, sondern gebiete den Besucher, seine Würdigkeit zu überprüfen: "Im Altarraum ist das Allerheiligste, also Christus selbst. Dem muss man sich mit Ehrfurcht annähern", erklärt er. "Wir warteten daher davor, bis Christus zu uns sagt: 'Komm! Ich übergebe mich dir in der Kommunion'." Im Gottesdienst wird die Kommunion nach der Wandlung im Altarraum vor der sogenannten königlichen Tür in der Mitte der Ikonostase ausgeteilt.

Eine Ikone von Maria mit Christus auf dem Schoß
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In jeder orthodoxen Kirche findet sich auf der linken Seite eine Ikone, die Maria mit Christus auf dem Schoß zeigt.

Auch auf der Ikonostase aus hellem Lindenholz finden sich kunstvoll gemalte Ikonen. "Die Verehrung der Bilder, der unmittelbare Kontakt mit dem Heiligtum, sind sehr wichtig für den Orthodoxen", meint Ntallis. So habe jede Familie für gewöhnlich eine kleine Gebetsecke mit der Ikone eines Heiligen zuhause. "Die Frömmigkeit ist für sie unabdingbar." Dadurch entstehe eine ganz andere Beziehung zwischen den Gläubigen und der Kirche, der ein besonderes Vertrauen zugrunde liege: Viele Gläubige würden ihre Pfarrer auch in weltlichen oder moralischen Dingen um Rat fragen, "wenn sie sicher sein wollen, dass das, was sie machen sollen, auch richtig ist." Auf diese Weise fänden insbesondere auch junge Gläubige Halt in der Kirche: "Wir haben viele junge Leute, die den Gottesdienst besuchen, die aber auch zur Beichte kommen, was heute ja nicht mehr selbstverständlich ist."

Zum Abschluss noch ein Foto, vor der Ikonostase. "Aber mit Sticharion!", sagt Ntallis, verschwindet durch die Seitentür und kommt kurz darauf in einem weiten, schwarzen Gewand und einem runden Hut mit Krempe, dem Kamilavkion, wieder heraus. Das sei der einzige Unterschied zu Griechenland, erklärt er: Der Pfarrer könne hier auch in zivil auftreten. "In Griechenland darf er das nicht. Es ist vom Volk so gewünscht, dass der Pfarrer in Priesterkleidung auch auf der Straße erkennbar ist." Für das Foto blickt er ernst, der schwarze Stoff und der steife Hut unterstreichen seine würdevolle Miene. Doch kaum ist das Bild gemacht und das Gewand verstaut, hat er wieder ein Lächeln im Gesicht. "Ja, das ist die Geschichte unserer Metropolie und unserer Kirche", sagt er. Ein Kreuzschlag, ein Knicks noch zum Abschied. Dann schließt er die Tür wieder zu.

Von Johanna Heckeley

Einblick in die Kuppel der Metropolitankirche Agias Trias mit einer Christus-Ikone
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In der Kuppel der Kirche ist der Himmel dargestellt: Von dort aus schaut der Pantokrator, der Allherrschende Gott, auf die Gemeinde.

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