"Unter Papst Benedikt wurde mehr Spitze getragen"
Thomas Schmitt verkauft Priesterkleidung und Messgewänder

"Unter Papst Benedikt wurde mehr Spitze getragen"

Sie wollten schon immer wissen, wo Bischöfe und Priester ihre Kleidung kaufen? Und wieviel ein ordentliches Messgewand kostet? Der Kölner Paramentenhändler Thomas Schmitt weiß Bescheid. Katholisch.de sprach mit ihm.

Von Tobias Glenz |  Bonn/Köln - 04.05.2018

Thomas Schmitt sieht seinen Job als Berufung. Ursprünglich wollte er selber Priester werden, heute bedient er den Klerus. 17 Jahre lang hatte er als Kostümschneider am Kölner Opernhaus gearbeitet, bis ein befreundeter Kaplan ihn darum bat, ein Gewand zu nähen – und Schmitt entdeckte seine Leidenschaft: Das Herstellen von Paramenten. Gemeint ist damit alles Textile, was im Kirchenraum und in der Liturgie zum Einsatz kommt: von Teppichen über Tücher für den Altar und für liturgische Geräte bis hin zu den Gewändern von Bischöfen, Priestern und Ministranten. 2003 eröffnete Schmitt sein erstes Paramentengeschäft in Bergisch-Gladbach, 2007 übernahm er ein alteingesessenes Unternehmen im Zentrum Kölns. Dort verkauft er unter dem Namen "Schmitt-Paramente/Polykarp Reuss" auch die Alltagskleidung für Priester: Anzüge, Soutanen, Kollarhemden. Seit 2012 betreibt Schmitt zusätzlich eine Filiale im Marienwallfahrtsort Kevelaer. Trotz zurückgehender Priesterzahlen boomt das Geschäft, wie der 52-jährige gelernte Herrenschneider im Interview verrät.

Frage: Herr Schmitt, sie fertigen liturgische Gewänder und Priesterkleidung nach individuellen Wünschen an. Was war denn der ausgefallenste Wunsch in ihrer bisherigen Karriere?

Schmitt: (schmunzelt) Nun ja, wir machen unter anderem Biretts, also die bekannten Priesterhüte mit den vier Flügeln oben drauf. Einmal kam ein Priester mit einem besonders skurrilen Wunsch in unseren Laden: Er wollte ein Birett mit Ohrenwärmern haben – also solche, die man runterklappen kann (lacht). Damit nicht genug: Zusätzlich wollte er im Hut einen Beutel eingenäht haben, wo er einen Taschenwärmer reinstecken konnte. Offensichtlich war dem Mann öfter kalt auf dem Kopf, und damit er oben rum nicht fror, wollte er diesen speziellen "Luxushut" (lacht heftig).

Frage: Wie muss man sich Ihr Tagesgeschäft vorstellen: Kommen die Priester in Ihren Laden, werden beraten, machen Anproben?

Schmitt: Ja, es ist tatsächlich ähnlich wie in einem Kaufhaus. Auch Priester, sogar Bischöfe gehen gerne shoppen. Sie kommen zu uns, entweder mit oder ohne Termin, manchmal wollen sie sich für den Alltag, manchmal liturgisch einkleiden. Wir haben natürlich auch liturgische Kleidung von der Stange, die hier als Muster hängt. So können Leute vorbeikommen und direkt etwas mitnehmen, wenn es ihnen zusagt. Das Hauptaugenmerk liegt aber auf individuell gestalteter Kleidung. Dafür müssen wir häufig auch rausfahren zu den Kirchen, wo die Gewänder später zum Einsatz kommen sollen.

Thomas Schmitt betreibt sein Geschäft "Paramente-Schmitt/Polykarp Reuss" in Köln seit 2007, in Kevelaer seit 2012. Insgesamt wird er von 15 Mitarbeitern unterstützt: darunter VerkäuferInnen, NäherInnen und StickerInnen.

Frage: Warum ist das wichtig?

Schmitt: Liturgische Kleidung muss ja nicht nur dem Priester passen, sondern vor allem auch zum jeweiligen Sakralbau. Also fahren wir hin und schauen uns die Kirchen an: Was passt da rein? Welche Farben brauchen wir? Wie soll das ganze Design aussehen? Dann machen wir unsere Entwürfe, lassen sie vom Kunden genehmigen und setzen das in der Werkstatt um. In eine prunkvolle Barockkirche würde ich zum Beispiel kein aufwendig gestaltetes Gewand reinbringen. Das würde sich aneinander reiben, der Priester würde in seinem Gewand untergehen. Er soll ja auch keine "Litfaßsäule" mehr sein. Früher ging man hin und hat die Gewänder prächtig bestickt, etwa mit Stationen aus dem Leben Jesu. Die Leute konnten ja nicht lesen und schreiben. Da waren die Gewänder also Bildträger. Heute ist das gottseidank nicht mehr vonnöten. Man fährt zurück und macht die Gewänder oft einfacher, schlichter, zurückhaltender.

Frage: Wie lange arbeiten Sie an einem Priestergewand, und wieviel muss man in der Regel zahlen?

Schmitt: Das ist ganz unterschiedlich. Nehmen wir eine Kasel: Wenn sie reichlich bestickt werden soll, kann man mit insgesamt drei bis vier Wochen Arbeitszeit rechnen. Bei applizierten Gewändern – also solchen, auf die nur etwas aufgenäht werden soll – eine Woche bis zehn Tage. Das preiswerteste Gewand, ohne Stickerei, große Gestaltung oder Futter, liegt bei 250 Euro. Das teuerste ist eine handgestickte Kasel in reiner Seide. Und da liegen wir dann schon bei 7.000 Euro.

Frage: Finden Sie es nicht verwerflich, wenn sich ein Priester bzw. eine Gemeinde mal eben ein 7.000-Euro-Gewand leistet, obwohl es auch billigere Kleidung gäbe?

Schmitt: Man muss unterscheiden: Ich finde schon, dass die Gestaltung eines Gewandes heute eher schlicht und zurückhaltend sein sollte. Aber man sollte die Schlichtheit gleichzeitig aufwerten durch die Stoffe. Wenn man Seidenstoffe nimmt, wirkt das Gewand sofort festlich. Und dann ist es der Würde der Eucharistiefeier angemessen: Das ist ja ein Fest, was wir da feiern, und wer zu einem Fest geht, macht sich normalerweise schick. Ich sage immer: Für die Liturgie ist das Beste gerade gut genug. Denn es geht ja nicht um den Priester, darum ihn aufzuhübschen, sondern er steht "in persona Christi" am Altar, und muss dementsprechend würdig da stehen. Deshalb sollte das liturgische Gewand vielleicht nicht das Billigste vom Billigen sein.

Das Nähen liturgischer Gewänder in der eigenen Werkstatt gehört zum Tagesgeschäft von Thomas Schmitt.

Frage: Sie sind ja nun schon ein paar Jahre im Geschäft. Lassen sich Trends absehen, was zu welcher Zeit gekauft wurde und wird?

Schmitt: Die Geschmäcker sind natürlich unterschiedlich und das Pendel schlägt mal in die eine, mal in die andere Richtung aus. Unter Papst Benedikt wurde mehr Spitze getragen als es heute der Fall ist. Unter Franziskus ist es wieder etwas schlichter geworden. Was Paramente generell angeht, ist in den letzten 30 oder 40 Jahren der Stil aber in etwa gleich geblieben. Davor wurde wesentlich mehr gestickt, heute wird eher der Stoff an sich gestaltet. Früher wurde mehr figürlich gearbeitet, heute wünschen sich die Kunden eher Symbole auf ihren Gewändern.

Frage: Und Sie haben nicht nur Katholiken als Kunden…

Schmitt: Das ist richtig, ich habe einen ökumenischen Kundenstamm: aus der evangelischen Kirche, Orthodoxe, Altkatholiken. Die Katholiken sind allerdings in der Überzahl. Die Kunden kommen aus ganz Deutschland, aber immer mehr auch aus dem EU-Ausland. Vor allem aus den Benelux-Staaten, Österreich und der Schweiz. In diesen Ländern gibt es kaum noch Paramentengeschäfte.

Frage: Und diese Kunden kommen dann tatsächlich auch zu Ihnen nach Köln oder Kevelaer? Oder spielt in diesem Fall eher der Onlinehandel eine Rolle?

Schmitt: Liturgische Gewänder und andere Paramente werden ja meist nach ganz bestimmten Vorstellungen bei uns in Auftrag gegeben. Und dafür kommen die Kunden – auch von weit her – in unsere Läden. Sie wollen persönlich beraten und bedient werden. Wir haben aber natürlich einen Onlineshop, und der Onlineversand wird auch immer wichtiger für uns. Allerdings wird dort in erster Linie die alltägliche Priesterkleidung – besonders Soutanen – bestellt.

Mit verschieden gestalteten Mitren hat Thomas Schmitt auch die passenden Kopfbedeckungen für Bischöfe im Angebot.

Frage: Ist die Soutane wieder im Kommen?

Schmitt: Tatsächlich sind Soutanen ein Verkaufsschlager bei uns, gerade junge Priester tragen sie wieder vermehrt. Und da haben wir auch einen Wettbewerbsvorteil, weil Soutanen in Deutschland kaum noch gemacht werden. Meines Erachtens ist das auch nicht der schlechteste Trend: Priester sollten nämlich schon im Alltag als Priester erkennbar sein. Wohlgemerkt: Es muss meiner Meinung nach nicht unbedingt die klassische Soutane sein. Aber das Kollarhemd mit dem charakteristischen weißen Kragen sollte schon in der Garderobe eines Priesters zu finden sein.

Frage: Es gibt immer weniger Priester. Merken Sie das bei Ihren Absätzen, und hat Ihre Zunft auf Dauer eine Zukunft?

Schmitt: Ich kann mich derzeit nicht beklagen, ganz im Gegenteil. Wir haben Wartezeiten bis November, sind unter anderem an 21 Primizgewändern dran und können gerade keinen neuen Auftrag annehmen. Unser Vorteil ist sicherlich die eigene Werkstatt, mit der wir auf Kundenwünsche gezielt eingehen können. Die meisten Läden haben das nicht mehr und lassen Paramente im Ausland anfertigen. Allerdings merken wir in unserem Gewerbe schon einen Rückgang. Immer mehr Klöster schließen ihre teils traditionsreichen Paramentenwerkstätten, auch verschiedene Kollegen und Zulieferer wie Paramentenwebereien mussten ihre Geschäfte in den vergangenen Jahren zumachen. Ich würde aber sagen: Solange die Kirche Zukunft hat, haben auch die Läden eine Zukunft. Das Problem des Priestermangels ist da. Aber es gibt ja auch andere Gottesdienstformen neben der Eucharistiefeier, wie Wort-Gottes-Feiern. Und da kommt in den kommenden Jahren wohl vermehrt Arbeit auf uns zu: bei liturgischer Kleidung für Laien.

Frage: Verraten Sie zum Schluss vielleicht auch noch Ihren prominentesten Kunden?

Schmitt: (lacht) Also wir haben viele prominente Kunden, die verrate ich allerdings nicht so gerne. Ich kann nur eins sagen: Von den derzeitigen deutschen Bischöfen haben wir 90 Prozent in der Kundschaft – darunter auch zwei Kardinäle.

Von Tobias Glenz