20 Jahre Ökumene: "Eine Erfolgsgeschichte"
Ökumene-Experte Türk beendet Dienst im Päpstlichen Einheitsrat

20 Jahre Ökumene: "Eine Erfolgsgeschichte"

Matthias Türk ist ein Fachmann in Sachen Ökumene. Schließlich war er 20 Jahre lang Referent im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen. Zum Abschied zieht er Bilanz – und verrät, wie er den Beitrag der letzten drei Päpste zum Dialog mit anderen christlichen Gemeinschaften einschätzt.

Von Johannes Schidelko |  Rom/Würzburg - 19.01.2019

Monsignore Matthias Türk (56), Priester des Bistum Würzburg und seit Januar 1999 Referent im vatikanischen Einheitsrat, verlässt die Behörde nach 20-jähriger Tätigkeit und kehrt in sein Heimatbistum zurück. Im Interview zieht er eine Bilanz seiner vatikanischen Dienstjahre.

Frage: Monsignore Türk, als Sie vor 20 Jahren Ihren Dienst im Einheitssekretariat angetreten haben, stand die Ökumene eher im Zeichen von Ermüdungserscheinungen. Wie haben Sie die Zeit erlebt?

Türk: Als äußerst spannendend! Es herrschte Aufbruchsstimmung. Es war eine Phase der Vorbereitung und der engagierten Auseinandersetzung hin auf die Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die dann am 31. Oktober 1999 feierlich in Augsburg zwischen dem Lutherischen Weltbund (LWB) und unserem Einheitsrat erfolgte. Ich erinnere mich an die Höhen und Tiefen, die Anfragen auf evangelischer Seite, die Präzisierungen durch die Glaubenskongregation. Vieles brachte für die Beteiligten noch einmal eine gewisse Verunsicherung brachten, weiter an manche Übersetzungsschwierigkeiten des Italienischen. Alles mündete schließlich in die Unterzeichnung des Konsensdokumentes, das bis heute wegweisend für den ökumenischen Fortschritt ist.

Frage: Die Unterzeichnung gilt ja als Sternstunde der Ökumene. Zu Recht?

Türk: Ja, und zwar bis heute. Es war ein Meilenstein, wie der Papst damals sagte, und wie es bis heute wiederholt wird. Es ist bis heute das einzige ökumenische Dokument, das einen lehramtlichen Status in den beiden Kirchen erreicht hat.

Bild: © KNA

Ein Meilenstein in der Ökumene: Am 31. Oktober 1999 unterzeichnen der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Christian Krause, und der Präsidenten des Päpstliches Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Edward Idris Cassidy, die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre".

Frage: Welche weiteren Höhepunkte haben Sie bei Ihrer Arbeit in Rom erlebt und begleitet?

Türk: Die Erklärung zur Rechtfertigungslehre war für mich ein Höhepunkt, mit dem ich zum Anfang meiner römischen Tätigkeit gleichsam beschenkt wurde. Und sie war ein Startpunkt für den weiteren Weg. Aber wie es bei echten Höhepunkten ist: Sie können nicht sofort wiederholt werden. Es folgt ein Weg durch das Tal der Aufarbeitung und Alltagsarbeit, bis man eine weitere Spitze erreicht.

Wir konnten unseren Weg auf der erreichten Höhe fortsetzen, indem es möglich wurde, den katholisch-lutherisch Konsens auf andere ökumenische Partner auszudehnen. Schon 2001 hatten wir dazu in den USA als Katholiken und Lutheraner eine Konsultation mit dem Reformierten Weltbund und dem Weltrat der Methodisten, welche in der Folge die Erklärung im Jahr 2006 auf ihrer Weltversammlung in Seoul unterzeichneten; die Reformierten im Jahr 2017. Dazu kamen im selben Jahr auch die Anglikaner mit einer zustimmenden Stellungnahme. 20 Jahre nach Augsburg sind wir also fünf Unterzeichnungspartner. Die großen westlichen Kirchengemeinschaften haben sich der Erklärung angeschlossen. Es war ein Höhepunkt, der sich als Höhenwanderung fortsetzte.

Frage: Welche Rolle spielte dann das Reformationsgedenken 2017?

Türk: Das ökumenische Gedenken der Reformation 2017 war ein weiterer Höhepunkt. Anstelle eines polemischen, konfessionellen Jubelfestes der Kirchentrennung kamen wir zu einem Jubeljahr für die wiedergefundene Einheit, für den Ökumenismus. Dazu hatte unser Rat schon 2013 mit dem LWB in Genf ein gemeinsames Dokument, ein weiteres "Höhepunktsdokument" sozusagen vorgestellt: "Vom Konflikt zur Gemeinschaft". Der "Lund-Event" am 31. Oktober 2016, die ökumenische Liturgie, die Papst Franziskus gemeinsam mit der Spitze des LWB in Schweden feierte, war erneut eine Sternstunde, die bis heute in lebendiger Erinnerung bleibt und sprichwörtlich geworden ist.

In dem Text konnten die inhaltlichen Anliegen des 16. Jahrhunderts für eine Erneuerung der Kirche in ihrer Bedeutung für die Gesamtkirche aufgezeigt werden. Es wurde deutlich, dass die religiösen Anliegen aus der Reformationszeit einen wichtigen Beitrag für die Erneuerung der ganzen Kirche darstellen. Es bedeutete gleichsam ein Aufgreifen der Reformanliegen des 16. Jahrhunderts. Ja man kann sagen: die positiven Anliegen Martin Luthers sind katholischerseits bereits mit dem Konzil von Trient bis hin zum Zweiten Vatikanischen Konzil eingelöst worden, seine berechtigten, dem Evangelium und der kirchlichen Lehre entsprechenden Reformanliegen. Die damalige Kirchentrennung würde in dieser Hinsicht im 21. Jahrhundert weggefallen sein.

Bild: © KNA

Munib Younan, Präsident des Lutherischen Weltbunds, und Papst Franziskus unterzeichnen am 31. Oktober 2016 die Gemeinsame Erklärung anlässlich des katholisch-lutherischen Reformationsgedenkens in der lutherischen Kathedrale von Lund.

Frage: Aber Sie waren ja nicht nur für den Kontakt zu den Lutheranern zuständig...

Türk: In der Tat haben wir auch zwei Konsensdokumente mit den Altkatholiken erstellt: "Kirche und Kirchengemeinschaft", 2009, und dann in zweiter Auflage 2018. Darin sind alle kirchentrennenden Punkte aufgezählt, samt einem weiterführenden Ausblick. Das war nötig, um den Stand der Beziehungen klarzulegen. Und aus dem vergangenen Jahr 2018 möchte ich die Unterzeichnung einer Absichtserklärung für einen offiziellen Dialog mit der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas (GEKE) erwähnen. Ihr gehören nahezu alle evangelischen Kirchen unseres europäischen Kontinents an. In den fünf Jahren zuvor hatten wir mit der GEKE ein sorgfältiges erarbeitetes Dokument erstellt – mit einem ähnlichen Titel: "Bericht über 'Kirche und Kirchengemeinschaft'", das überraschenderweise viele Übereinstimmungen in den Bereichen Kirche, sakramentales Leben und Amt enthält, weit mehr als es bisher den Anschein hatte.

Das zeigt auch, wie auf unterschiedlichen ökumenischen Baustellen letztlich ein vergleichbares Fundament zum Vorschein kommt, dass die inhaltliche Orientierung ähnlich ist, dass die Bereiche in sich verbunden sind. Und es zeigt vor allem, dass sie in die gleiche Richtung gehen: auf die Bereiche Kirche, Sakramente und Amt hin. Das ist, wie ich in meiner Zeit hier erlebt habe, die Richtung, in der konvergent alle ökumenischen Strömungen einmünden.

Frage: "Kirche, Sakramente und Amt" ist ja auch der Titel eines neuen Dialogs-Projekts. An welchem Punkt ist es?

Türk: Es steht erst ganz am Anfang. "Kirche, Sakramente und Amt" ist unser Blick auf das Jahr 2030, auf das 500-Jahrgedenken der Confessio Augustana – und damit erstmals nicht auf eine Trennungsgeschichte. Das Augsburger Bekenntnis war 1530 noch einmal ein großer Versuch der theologischen Rezeption der berechtigen Reformanliegen der reformatorischen Seite. Es scheiterte an kirchen- und staatspolitischen Gründen. Wir sollten jetzt so weit kommen können, dass wir uns diesen Konsens zu eigen machen. Wir könnten damit zeigen, wie sehr wir damals schon zusammen waren, und heute Gott sei Dank wieder zusammen sind und sein können.

Frage: Was war genau Ihr Zuständigkeitsbereich? Worin bestand Ihre Arbeit?

Türk: Die Arbeit im Rat für die Einheit der Christen ist geografisch und inhaltlich aufgeteilt. Geografisch war ich für die Länder mit einem großen Bevölkerungsanteil von Lutheranern und Altkatholiken zuständig, also für Mitteleuropa und Skandinavien. Inhaltlich habe ich mich um die Beziehungen zum Lutherischen Weltbund, zur Altkatholischen Bischofskonferenz der Utrechter Union, und auch zur Gemeinschaft evangelischer Kirchen Europas GEKE gekümmert.

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Frage: Wie viele Dialog-Projekte haben Sie begleitet?

Türk: Der Vatikan befindet sich derzeit in der fünften Phase seiner Gespräche mit dem LWB. 2006 haben wir (noch in der vierten Phase) ein Dokument "Die Apostolizität der Kirche" fertiggestellt, 2013 folgte dann der genannte Text "Vom Konflikt zur Gemeinschaft". Und 2019 wird noch ein Text "Taufe und wachsende Kirchengemeinschaft" veröffentlicht werden. In diesen Dialogkommissionen war ich jeweils der Ko-Sekretär der katholischen Seite.

Dabei musste ich mich angefangen von der Logistik der Dialogtreffen und ihrer Organisation, bis zur inhaltlichen Mitarbeit an den Texten kümmern. Dazu gehört auch die Vorbereitung und Begleitung von offiziellen Delegationen zu Papstaudienzen. Weiter die Teilnahme an ökumenisch-theologischen Symposien auf Universitäts-Ebene in Rom. Dazu kamen eine rege Vortragstätigkeit und Fachbeiträge in meinem Bereich. Seit 2001 hatte ich zudem einen Lehrauftrag an der Gregoriana-Universität für ökumenische Theologie.

Frage: Sie haben die Ökumene in drei Pontifikaten erlebt und begleitet. Welche Unterschiede gab es?

Türk: Die Pontifikate haben, was die Ökumene betrifft, in klarer Weise aufeinander aufgebaut und voneinander profitiert. Die Päpste, ihre Lehre und ihr sichtbarer Einsatz für die Ökumene haben sich gegenseitig befruchtet und unterstützt. Johannes Paul II. hat auf seine unverkennbare Weise die Öffnung zur Welt vorangebracht. In vielen Ländern haben seine Besuche einen ökumenischen Aufbruch ausgelöst. Etwa hat mit seiner großen Reise in die skandinavischen Länder erstmals ein breiteres ökumenisches Bewusstsein eingesetzt. Katholiken und Protestanten begannen dort in einen engeren Kontakt untereinander zu treten.

Ebenso in Italien ist – gerade auch durch die Erklärung zur Rechtfertigungslehre – ein Bewusstsein für evangelisches Leben entstanden und gewachsen. Ökumene wurde zu einem Thema. Aber ich denke auch an Deutschland. Dort gab die erste Papstreise 1980 den Anstoß zur ersten bilateralen Kommission von Bischofskonferenz und Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD).

Frage: Und der Beitrag der folgenden Päpste?

Türk: Benedikt XVI. hat dem ökumenischen Dialog durch eine theologische Vertiefung und Präzisierung entscheidend weitergeholfen. Und Franziskus setzt das erneut um. Ganz besonders auf der diakonalen Ebene, mit dem gemeinsamen Einsatz für Arme und Benachteiligte in der Welt. Er spricht von einer Weggemeinschaft, die wir nicht mehr verlassen dürfen, weil wir Schwestern und Brüder geworden sind. - Aber Franziskus unterstreicht ebenso die Bedeutung des theologischen Dialogs. Oft wird ihm unterstellt, dieser Dialog sei für ihn nicht von Bedeutung. Das Gegenteil ist der Fall, wie zum Beispiel alle seine Audienzansprachen an ökumenische Gäste zeigen.

Frage: An welchem Punkt ist der ökumenische Dialog heute – was Ihren Zuständigkeitsbereich betrifft?

Türk: Wir stehen vor einer Konzentration der bisherigen Dialogergebnisse auf die drei Themen Kirche, Eucharistie und Amt, die die Grundlage für die volle sichtbare Einheit der Kirche bilden. Sie sind – bewusst oder auch unbewusst – aus dem Verlauf der durchaus unterschiedlichen Dialoge hervorgegangen. Ich kann darin nichts anderes als ein Wirken des Heiligen Geistes erkennen. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

Von Johannes Schidelko