Eine Demonstration mit Flaggen der LGBT-Bewegung.
Analyse: Weder Dialog noch Wissenschaft

Das sind die Hauptprobleme des vatikanischen Gender-Dokuments

"Der Mensch hat eine Natur und die kann er nicht beliebig manipulieren." Das an Pfingstmontag veröffentlichte Schreiben des Vatikan zur Genderthematik sollte eigentlich ein Beitrag zum Dialog werden. Stattdessen löste es große Empörung aus. Das sind die Gründe dafür.

Von Cornelius Stiegemann |  Bonn - 15.06.2019

Das knapp 30-seitige Dokument der vatikanischen Bildungskongregation zum Thema Gender sollte eigentlich ein Angebot zum Dialog sein. So heißt es im Dokument selbst. Doch der gute Wille wird schnell relativiert, wenn die Autoren die gesamte Geschlechterforschung quasi im selben Atemzug als "Ideologie" bezeichnen, die "sich selbst als absolut und unfehlbar setzt und ihre Themen bis hinein in die Kindeserziehung diktiert". Ein Dialog beginnt so eigentlich nicht, sondern mit Unvoreingenommenheit. Und damit, sich erst einmal die Argumente des anderen anzuhören.

Der US-amerikanische Jesuit James Martin kritisiert deshalb zu Recht, dass man weder mit Vertretern der Geschlechterforschung noch mit LGBTQ-Menschen selbst gesprochen habe. Was beim Lesen besonders auffällt, ist, dass sich der Text auf seinen fast 30 Seiten kein einziges Mal traut die Begriffe Homosexualität, Transgender oder Intersexualität in den Mund zu nehmen. Stattdessen ist nur von "Menschen in Problemsituationen" die Rede und von "zwei Personen des gleichen Geschlechts".

Auch neue Erkenntnisse von kirchlicher Seite hält das Papier mit dem Namen "Als Männlich und Weiblich erschuf er sie. Für einen Weg des Dialogs zur Genderfrage in der Bildung" nicht wirklich bereit. Statt Theologen, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen (Ja, die gibt es!), zu Wort kommen zu lassen, werden größtenteils Aussagen der letzten drei Päpste – und hier hauptsächlich Franziskus – referiert. Es sind kritische Aussagen zu Homosexualität und Transgender, die, anders als das Dokument in der Einleitung verspricht, keine tatsächliche Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen und medizinischen Positionen darstellen.

Die Position des "Gegners" Geschlechterforschung ist schwammig und wird nicht mit Quellen belegt. Was bleibt, sind Vorwürfe. So unterstellen die Autoren "den radikalsten wie auch den gemäßigtsten" Vertreterinnen der Geschlechterforschung eine radikale Trennung von biologischem Geschlecht (Sex) und gesellschaftlichem, kulturell konstruiertem Geschlecht (Gender) zu propagieren. Das Problem an dieser Kritik: Sie orientiert sich an längst überholten Konzepten aus den 1970er Jahren.

Bild: © Privat

Der Jesuit James Martin aus den USA ist Homosexuellen-Seelsorger und setzt sich für eine Annäherung von Kirche und LGBT-Katholiken ein.

Die aktuelle Forschung, die maßgeblich durch die US-amerikanische Philosophin Judith Butler beeinflusst wurde, sieht das Geschlecht als Zusammenspiel sowohl biologischer als auch kultureller Faktoren. Butler selbst stellte 2013 in einem Interview mit dem Philosophie Magazin unmissverständlich klar: "Wissen Sie, ich bin ja nicht verrückt. Ich bestreite keineswegs, dass es biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Doch wenn wir sagen, es gibt sie, müssen wir auch präzisieren, was sie sind, und dabei sind wir in kulturelle Deutungsmuster verstrickt." Ein Beispiel? Frauen wird grundsätzlich die Fähigkeit zugeschrieben, Kinder gebären zu können. Das unterscheidet sie biologisch von Männern. Doch eine Frau, die aus verschiedenen Gründen keine Kinder gebären kann oder will, ist ja nicht weniger Frau – oder gar ein Mann.

Geschlecht als Mode?

Obwohl sie den aktuellen Stand der Forschung vernachlässigen, kritisieren die Autoren des Papiers, dass die Idee verschiedener Ausprägungen von Geschlecht nicht mehr von der "Natur des Menschen" definiert würde, die sie in der Mann-Frau-Dualität und Heterosexualität sehen. So sei es Menschen möglich, "ein beliebiges Gender zu wählen, was nicht mit ihrem biologischen Geschlecht korrespondiert und was man ihnen ebenso wenig ansehen kann".

Der Vatikan vermittelt hier das Bild einer wechselhaften Mode der geschlechtlichen Identitäten. Als ob geschlechtliche Identitäten Verkleidungen seien, die man wie Röcke oder Hosen täglich wechseln könne oder wolle. Dass man sich seine geschlechtliche Identität jedoch weder aussucht, noch plötzlich homo- oder intersexuell wird, wenn man von Gendertheorien hört, erkennen die Autoren nicht an. Die Realität ist aber eine andere, eine genau umgekehrte: LGTBQ-Menschen, müssen sich aufgrund von gesellschaftlichem Druck vielerorts noch selbst verleugnen. In westlichen Staaten nimmt man nur mehr "Outings" wahr, weil eine generelle Akzeptanz steigt. Es werden nicht mehr Menschen queer, sie trauen sich nun, es zu sagen.

Das Transgender-Symbol als Kombination von Venus- und Marssymbol mit einem zusätzlichen "Arm für Transgender.

Der Grund für die kirchliche Kritik liegt im Kern in der Sorge um die Institutionen Ehe und Familie. Das betont auch Papst Franziskus immer wieder. Doch auch wenn einige Positionen der Geschlechterforschung die kirchliche Lehrmeinung durchaus vor Herausforderungen stellen können, erklärt der Vatikan hier den Falschen zum Gegner. Denn LGTBQ-Personen machen einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung aus. Es sind mit großer Mehrheit heterosexuelle Frauen und Männer, die sich vom Konzept der klassischen Familie abwenden, die als Patchwork-Familien und Alleinerziehende leben oder sich als Singles im Beruf selbstverwirklichen.

Die Kirche müsste auch an ihrer Seite stehen

Während der Großteil in das duale Geschlechterkonzept von Mann und Frau hineinpassen würde – aber immer seltener etwas vom Sakrament der Ehe hören möchte – versucht die Kirche, ausgerechnet die Menschen dort hineinzupressen, die auf keinen Fall passen können. Für LGBTQ-Personen sind nicht selten psychische Probleme die Folge. In vielen streng katholischen Ländern kommt es mindestens zu sozialen Ausgrenzungen, teilweise droht ihnen auch heute noch Verfolgung. Eine Kirche, die, so sagt es Papst Franziskus, an die Ränder der Gesellschaft gehen will, wäre also nicht nur bei den Armen, Alten und Kranken gefragt. Sie müsste auch an der Seite Homosexueller, Transgender oder Intersexueller stehen.

Transgender-Personen können sich mit dem Geschlecht, mit dem sie zur Welt gekommen sind, nicht identifizieren. Sofern sie eine körperliche Veränderung durch Hormonbehandlung oder Operationen anstreben, ist das aber kein leichtfertiger Schritt, wie es die Bildungskongregation suggeriert. Niemand kann sein Geschlecht von heute auf morgen ändern, vor den Eingriffen sind intensive therapeutische Beratungen Pflicht. Statistische Untersuchungen haben zudem ergeben, dass der Prozentsatz derer, die sich einer Re-Transition (also einer erneuten Geschlechtsumwandlung) unterziehen, verschwindend gering ist. Von einer irgendwie gearteten "Modeerscheinung" kann also nicht die Rede sein.

Eine Regenbogenfahne vor dem Berliner Tor.

Seit dem 22. Dezember 2018 ist es möglich, dass Eltern ihr Kind als "unbestimmt" oder "divers" melden.

Umso verwunderlicher ist es, dass Transgender-Personen im Vatikan-Papier einerseits eine Operation mit den Worten von Papst Benedikt XVI. untersagt wird: "Der Mensch hat eine Natur, die er respektieren muss und keinesfalls nach Belieben manipulieren darf." Andererseits fordert man aber operative Eingriffe, wenn das Geschlecht bei der Geburt nicht eindeutig ist. Zum wohlgemerkt einzigen Mal im gesamten Text – aber wieder quellenlos – werden dafür Erkenntnisse der Genetik angeführt: "Männliche Zellen (die XY Chromosomen enthalten) unterscheiden sich vom Moment der Zeugung von weiblichen Zellen (mit ihren XX Chromosomen)." Deshalb seien bei Babys, die mit nicht-eindeutigen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kommen, genitalangleichende Operationen gerechtfertigt. Um die Kinder eindeutig zu "Jungen" oder zu "Mädchen" zu machen.

Um intersexuellen "Menschen (und ihren Eltern) Verhaltenssicherheit zu ermöglichen und einen unzweifelhaften Platz in der Gesellschaft zu sichern, werden Autonomie und Freiheit der Betroffenen übergangen", schreibt die Theologin Marianne Heimbach-Steins über diese operativen Eingriffe. Sie setzt sich mit Geschlechterfragen im Kontext christlicher Sozialethik auseinander. Weil man aber – anders als der Vatikan behauptet – nicht immer eine eindeutige Entscheidung über Geschlechtszugehörigkeiten treffen kann, entfernen Ärzte teilweise willkürlich Geschlechtsorgane und verabreichen Hormone. So wird "nicht wenigen Menschen, die sich in ihrem Körper nie 'zu Hause' fühlen können, lebenslanges Leiden aufgebürdet", so Heimbach-Steins.

Diese Operationen sind in Deutschland übrigens bis heute nicht verboten. Seit dem 22. Dezember 2018 ist es für Eltern aber möglich das eigene Kind als "unbestimmt" oder "divers" zu melden. Dadurch wird Geschlecht nicht beliebig. Jungen Menschen wird so die Freiheit gegeben, ihre geschlechtliche Identität zunächst selbst kennenzulernen – und sich dann vielleicht dafür zu entscheiden, "Mann" oder "Frau" zu sein.

Von Cornelius Stiegemann

Volltext "Als Männlich und Weiblich schuf er sie. Für einen Weg des Dialogs zur Genderfrage in der Bildung"

Der Vatikan hat am Pfingstmontag eine kritische Stellungnahme zum Thema Gender veröffentlicht. Das Dokument kritisiert unter anderem Gender-Vorstellungen, die "Manipulationen des Körpers nach Belieben" befürworten. Hier der Volltext im Englischen Original.