Ein Kreuz mit US-Flagge
Theologe Urban über die Ursprünge eines viel genutzten Begriffs

Die ersten Fundamentalisten waren Christen

Back to the roots – zurück zu den Fundamenten des Glaubens. Was heute vielfach mit einem radikalen Islam assoziiert wird, bezeichnete im 19. Jahrhundert eigentlich bibeltreue Protestanten. Der Begriff wird aber auch für katholische Gruppen verwendet.

Von Joachim Heinz (KNA) |  Bonn - 11.10.2019

Wenn heutzutage von Fundamentalismus die Rede ist, dann meist im Zusammenhang mit extremen Strömungen des Islam. Dabei kommt der Begriff eigentlich aus dem christlichen Raum, näherhin aus den USA, wie der evangelische Theologe Christoph Urban (41) im Interview erläutert. Urban, im Hauptberuf Seelsorger im Moselort Konz, hat sich in seiner soeben erschienenen Doktorarbeit mit der Geschichte des Begriffs auseinandergesetzt - und dabei einige überraschende Einsichten gewonnen.

Frage: Herr Urban, was ist Fundamentalismus?

Urban: Dem Wortstamm nach eine Haltung, die sich in besonderer Weise auf die Fundamente bezieht, die Grundlagen von etwas. Gleichzeitig handelt es sich aber um einen Schmähbegriff, mit dem andere und deren Meinung herabgesetzt werden.

Frage: War das schon immer so?

Urban: "Erfunden" haben den Fundamentalismus Protestanten in den USA. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden damit christliche Gruppen bezeichnet, die an das Ende der Zeiten glaubten, der Evolutionslehre und der historisch-kritischen Bibelauslegung reserviert gegenüberstanden.

Frage: Warum wurde der Begriff ausgerechnet in den USA geprägt?

Urban: Weil dort Religion - trotz der Trennung zwischen Kirche und Staat - ein wichtiger Faktor in der Öffentlichkeit ist. Das zeigt sich darin, dass streng konservative, fundamentalistische Gruppierungen bis in Politik hinein sichtbar sind und wirken.

Frage: Können Sie Beispiele nennen?

Urban: Das Paradebeispiel ist die religiöse Rechte. Sie tritt zum ersten Mal auf den Plan im Präsidentschaftswahlkampf 1980 zwischen Ronald Reagan und Jimmy Carter. Da waren diese Gruppen das Zünglein an der Waage, die einen konservativen Schwenk in der Politik bewirkt haben. Diese neue christliche Rechte beinhaltet ehemals fundamentalistische, ansonsten auch streng konservative Gruppen, die wir evangelikal nennen würden. Bis heute spielen sie - in unterschiedlicher Intensität - eine wichtige Rolle besonders in republikanischen Präsidentschaften.

Der evangelische Theologe Christoph Urban steht vor einer weißen Wand, an der ein Kreuz hängt.

Christoph Urban, Evangelischer Theologe und Buchautor, am 6. September 2019 in Bonn.

Frage: Auch unter Donald Trump?

Urban: Das ist schwer zu sagen, weil die konservative, religiöse Community in der Beurteilung seiner Person uneins ist. Man hat ihn ja schon im Wahlkampf nicht zu 100 Prozent unterstützt. Bei George W. Bush, dem nachgesagt wurde, dass er für den Irak-Krieg auch religiöse Motive hatte, lag der Fall anders. Das ist bei Donald Trump nicht unbedingt erkennbar. In mancherlei Hinsicht ist man zufrieden mit Trumps Politik, vor allem, was die konservativen Elemente und die "America first"-Politik angeht. In anderen Dingen liegt die religiöse Rechte mit ihm über Kreuz.

Frage: Welche politischen und gesellschaftlichen Ziele verfolgen die Fundamentalisten?

Urban: Der religiösen Rechten in den USA geht es um ein Verbot von Abtreibung und Pornografie, um die Erlaubnis, Waffen zu besitzen, um expansive Außenpolitik, Familienwerte. Der islamische Fundamentalismus hat einen eher revolutionären Charakter, strebt einen kompletten Umbau der Gesellschaft an, die Einführung des islamischen Rechts, der Scharia.

Frage: Wenn Fundamentalismus aus dem christlichen Bereich kommt, passt er dann überhaupt auf extreme Strömungen in der islamischen Welt?

Urban: Der Begriff taucht immer dann auf, wenn es gilt, Gefahren zu markieren. Deshalb kommt er hier zum Einsatz - auch wenn Muslime auf Differenzierung dringen. Nicht jeder Muslim ist ein Islamist, und auch nicht jeder Islamist ist ein Terrorist.

Frage: Fundamentalismus trifft es also nicht immer. Wie gehen Theologen mit dem Begriff um?

Urban: Es gibt drei große Linien, zumindest, was die protestantische Theologie angeht. Fundamentalismus wird als Modell benutzt, um die Rolle von Religionen in Konflikten der modernen Welt zu beschreiben. Im Hintergrund stehen die Thesen des US-Politologen Samuel Huntington, der vor einem Zusammenprall der Kulturen warnte. Dann gibt es eine Debatte darüber, wie die Bibel auszulegen ist. Als fundamentalistisch gelten Vertreter, die ihre Probleme anzeigen mit der historisch-kritischen Bibelexegese.

Bild: © KNA

Drei neu geweihte Priester der traditionalistischen Piusbruderschaft am 26. Juni 2010 in Zaitzkofen.

Frage: Und der dritte Aspekt?

Urban: Fundamentalismus dient als Mittel, um sich von evangelikalen Bewegungen wie den Pfingstkirchen abzugrenzen.

Frage: Ist ein solches Schubladendenken in der Theologie nicht hinderlich?

Urban: Das Problem ist inzwischen eher, dass man überhaupt nicht mehr miteinander spricht - und zwar nicht, weil man sich gegenseitig verteufelt oder als Fundamentalisten bezeichnet, sondern weil man nicht mehr die gleiche Sprache pflegt.

Frage: Welche fundamentalistischen Strömungen sehen Sie auf katholischer Seite?

Urban: Das ist komplex. Die katholische Kirche zeichnet sich in der Theologie dadurch aus, dass sie im Spannungsverhältnis steht zwischen der akademischen Forschung und Lehre einerseits und dem Lehramt von Papst und Bischöfen andererseits. Werden diese Spannungen zugunsten des Lehramts aufgelöst, sprechen Kritiker gern von Fundamentalismus.

Frage: Es ließe sich einwenden, dass es bei solchen Entscheidungen ja auch genau darum geht: um die Fundamente der Kirche.

Urban: Darüber hinaus werden beispielsweise die Piusbrüder als Fundamentalisten bezeichnet. Sie wollen bestimmte Entwicklungen des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht nachvollziehen, unter anderem die Gottesdienstfeiern in der Landessprache.

Frage: Wie passt das zu der Genese des Begriffs - zu den Protestanten in den USA, die sich gegen die Evolutionslehre wandten?

Urban: Die Parallele besteht darin, dass man etwas aus der Vergangenheit, im Fall der Piusbrüder die lateinische Messe, verabsolutiert und dieses Fundament nicht nur für sich, sondern auch für alle anderen einfordert, während die anderen längst weitergegangen sind.

Von Joachim Heinz (KNA)