Ist die Mystik die Zukunft des Glaubens?
Poetische Einsichten aus dem Mittelalter

Ist die Mystik die Zukunft des Glaubens?

Mystik ist weder Schwärmerei noch Esoterik. Vielmehr beschäftigt sie Glaubende seit Jahrhunderten und hat sie zu poetischen wie philosophischen Texten inspiriert. Die Hochzeit der christlichen Mystik ist schon ein paar hundert Jahre her, doch sie könnte sogar ein Weg für die Kirche der Zukunft sein.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 15.05.2020

Im Deutschen spricht man von ihr vor allem als Adjektiv: Was "mysteriös" ist, steckt voller Geheimnis und ist manchmal auch ein bisschen unheimlich. Aber hinter der Mystik steckt noch mehr. Mystikerinnen und Mystiker wollen Gott erfahren. Sie beginnen eine Suche nach Erfahrungen und einer Begegnung.

Diese Suche ist schon sehr alt: In allen Religionen wollten Menschen mehr als nur eine abstrakte Ahnung davon, dass "da oben" jemand ist. Schon die Bibel erzählt davon. So richtet Mose beim Zug durch die Wüste ein Zelt ein, das nur für die Begegnung mit Gott gedacht ist, der dem Volk Israel als Feuer- oder Wolkensäule erscheint: "Wenn das ganze Volk die Wolkensäule am Zelteingang stehen sah, erhoben sich alle und warfen sich vor ihren Zelten zu Boden, jeder am Eingang seines Zeltes. Der HERR und Mose redeten miteinander von Angesicht zu Angesicht, wie einer mit seinem Freund spricht" (Ex 33,10f). Besonders dramatisch wird die Gottessuche in der Szene Elijas auf dem Berg Horeb. Der Prophet hat sich in die Wüste zurückgezogen und ist vierzig Tage und vierzig Nächte zum Berg gewandert. Dort trifft er auf Gott – aber anders als erwartet: "Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem HERRN voraus. Doch der HERR war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der HERR war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der HERR war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln" (1 Kön 19,11f). Gott offenbart sich in einer unscheinbaren Geste.

Nicht zuletzt der Apostel Paulus gilt als einer der ersten, die sich mit mystischen Gedanken beschäftigt haben. "Prophetisches Reden hat ein Ende, Zungenrede verstummt, Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk" (1 Kor 8-10).

In diesen Beispielen werden zwei Aspekte der Mystik deutlich: Zum einen ist sie ein persönlicher, individueller Prozess. Das Bild der Wüste als Ort der absoluten Stille und Einsamkeit wählen die biblischen Autoren nicht umsonst. Bei Paulus wird allerdings auch die Schwierigkeit dieses Prozesses deutlich: Denn die Suche nach der Gotteserfahrung ist – nicht nur für Paulus – oft nicht von Erfolg gekrönt. Das Erkennen des Höchsten bleibt oft unbefriedigend, "Stückwerk".

Wiederkehrende Gottesgeburt

Nichts desto weniger haben sich Menschen zu allen Zeiten auf diese Suche begeben. Besonders bekannt sind die Autoren des frühen Mittelalters. Sie kommen oft aus einer monastischen Tradition und nähern sich der Gotteserfahrung ganz unterschiedlich: Mechthild von Magdeburg (1207-1282) beschäftigte sich kreativ mit dem Hohelied der Liebe. Der Thüringer Meister Eckhart (1260-1328) widmete sich der Gottessuche eher analytisch und beschrieb sie als eine immer wiederkehrende Gottesgeburt in der Seele des Menschen. Einen wiederum anderen Blickwinkel hatte der Straßburger Johannes Tauler. Er wirkte als Seelsorger und zog daraus die Erkenntnis, dass es gerade die Vielgestalt der Glaubenswege ist, die zu spirituellen Einsichten führen kann.

Heiligenfiguren auf dem Dach des Petersdoms in Rom.

Auch für Paulus blieb das Erkennen des Höchsten oft "Stückwerk".

Gerade Johannes Tauler betonte aber immer wieder: "Glaubt nicht, dass ich mir anmaße, bis in den Grund gekommen zu sein, auch wenn kein Lehrer lehren soll, was er nicht selbst in seinem eigenen Leben erfahren hat. Doch reicht es zur Not, dass er es liebe und anstrebe und nichts dagegen tue."

Mystik hat in der Regel kein festes Ergebnis, keine Erkenntnis, keinen geebneten Weg zu Gott. Sie ist das Gegenteil. Denn – das merken die Mystiker schnell – menschliche Worte und Kategorien sind zur Beschreibung des Göttlichen ungeeignet. Wie nah ein Mensch sich Gott auch fühlen mag, er ist immer noch viel weiter entfernt. Die Mystiker machen sich deshalb von dem Willen zu einem Ergebnis frei. Der Dominikanermönch Heinrich Seuse (1295-1366) beschreibt den Schwerpunkt, den sie setzen: "Es ist besser, eine Handvoll zu besitzen als ein Haus voll nur mit Erwartungen zu haben."

Viele Autoren beginnen bei dem Wenigen, was über Gott aus der Bibel bekannt ist: "Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Das ist der letzte Satz, den Jesus seinen Jüngern im Matthäusevangelium mit auf den Weg gibt. Gott ist also immer bei jedem einzelnen Menschen. Die Mystiker suchen nun einen Weg, diese Gegenwart erfahren, spüren zu können. Sie gehen davon aus, dass die dem Menschen innewohnende Gottesgegenwart durch urmenschliche Triebe wie Eigensinn und Egoismus übertüncht werden. Es geht also darum, das menschliche Denken hinter sich zu lassen und damit den Blick für das Göttliche freizubekommen. An die Stelle des Denkens soll die Öffnung für das ganz Andere treten. In einem ersten Schritt wollen die Mystiker ihre augenblickliche Verfassung, ihre menschlichen Bedürfnisse und Gefühle identifizieren, um über sie hinauszugehen. Johannes Tauler spricht vom "gelassenen" Menschen, der Egoismus, Erfolgssucht und Stress als irdische und damit endliche Phänomene entlarvt hat und dadurch den Geist frei für Gott hat.

Die Versuche zur Erfahrung des Unbewussten sind dann vielfältig: Manche Mystiker haben die Natur betrachtet, andere haben im Gespräch mit Mitglaubenden versucht, neue Perspektiven zuerst auf sich und dann auf das unbekannte Göttliche zu erhalten. Ebenfalls eine große Rolle spielt das Vorbild Jesus Christus, denn die Beschäftigung mit ihm ermöglicht dem Menschen, von sich selbst loszukommen und sich auf Gott und ein Leben im Sinne Gottes einzulassen. Deshalb gehört es zu den Empfehlungen verschiedener Mystiker, sich etwa in seinen Leidensweg einzufühlen und ihm so näher zu kommen. Das langfristige Ziel all dieser Ansätze ist, das Streben nach Gott als dauerhaften Gedanken durch das Leben und den Alltag zu tragen. Meister Eckhart vergleicht das mit einem Durstgefühl. Wer Durst hat, empfinde zwar auch andere Dinge – der Gedanke an den Durst verschwinde aber nie. So soll es auch mit der Gottessuche sein.

Zu Lebzeiten eher nicht

Dass es ein Mensch allerdings zu Lebzeiten schafft, sich aus seinem egoistischen Denken zu lösen, halten auch viele Mystiker für fraglich. Denn so sehr sich ein Mensch Gott auch nähern sollte – er ist immer noch mit einer nicht mit menschlichem Ermessen greifbaren Instanz konfrontiert. Die Suche geht also immer weiter und führt jeden Gläubigen auf einen anderen Weg.

Einer dieser Wege kann ein poetischer sein. Denn in der Mystik ändert sich die Funktion der Sprache. Sie ist nicht mehr Bedeutungsträger, sondern will durch Bilder und Beispiele die Vorstellungskraft des Lesenden oder Hörenden zu eigenen Erfahrungen animieren. Die definierende Funktion von Sprache wird dazu bewusst untergraben. Indem Gott beispielsweise gleichzeitig mit Licht und Dunkel, Wüste und Brunnen, Fließen und Ruhen identifiziert wird, sollen Rezipienten eine aktivere Haltung einnehmen. Sie sind nicht mehr nur Empfangende, sondern sollen ihr Gottesbild hinterfragen und ein vielschichtigeres Bild des ewig Unbekannten entwerfen. So mag Gott das Licht in Form der Hoffnung und Erlösung sein, die er für viele Menschen darstellt. Allerdings ist er durch seine Ferne, Andersartigkeit und gefühlte Abwesenheit oft auch eine große Finsternis. Abseits festgelegter Glaubenssätze und -praktiken können Gläubige mit mystischer Sprache ihr eigenes Gottesbild – und damit auch sich selbst – erkunden.

Gott ist Wüste und Brunnen.

Dieses Verständnis von Sprache, Denken und Glaubenssuche hat Mystiker immer wieder zumindest implizit Kritik an eingefahrenen Glaubenspraxen und theologischen Leitsätzen üben lassen. Denn Lehrsätze versuchten das Unmögliche – Gott in menschliche Kategorien pressen. Auch an festen Frömmigkeitsformen und Amtsträgern gibt es von mystischer Seite aus Kritik. Johannes Tauler betont, dass es gerade nicht um die Kirche gehe, sondern um einen ganz persönlichen Glaubensvollzug, den jeder Einzelne für sich entdecken müsste. Solche Einstellungen sorgten für Konflikte zwischen Mystik und Amtskirche. Für die Wortführer hatten sie durchaus persönliche Konsequenzen – so musste Mechthild von Magdeburg aus ihrem Kloster ausziehen. Einsame weltfremde Einzelkämpfer waren die Mystiker in der Regel aber nicht: Sie waren immer Teil einer Gemeinschaft – in Form eines Ordens oder in der Gemeindearbeit. Plötzliche Gotteserscheinungen oder Begegnungen mit Engeln spielen in der Mystik kaum eine Rolle – was sie von der Esoterik unterscheidet.

Alte Denkmuster überwinden

Vielmehr kann eine mystische Perspektive alte Kategorien aufbrechen. Denn Denker aller Couleur haben sich auf die Gottessuche begeben – und offenbaren große Parallelen. Der junge Martin Luther zitierte den Dominikanermönch Johannes Tauler über 30 Mal. Buddhistische oder islamische Mystiker stellen oft die gleichen Fragen wie Christen – und finden ähnliche Zugänge. So gibt es zwischen den Schriften von Mechthild von Magdeburg und dem islamischen Mystiker Rumi von Konya (1207-1273) erhebliche Parallelen. Nicht zuletzt hat der buddhistische Philosoph Shizuteru Ueda eine in der Mystikforschung stark beachtete Dissertation über Meister Eckhart geschrieben.

Diese Konfessions- wie Religionsgrenzen überwindende Kraft kann die Mystik zu einem Jungbrunnen für die Religion in einer Gesellschaft machen, die verfassten Kirchen oft müde geworden ist. Sehr prominent hat Karl Rahner bekundet: "Der Fromme der Zukunft wird ein 'Mystiker' sein, einer, der etwas 'erfahren' hat, oder er wird nicht mehr sein." Neben eine Theologie, die etwa kirchliche Begriffe festlegt und den Glauben erklärt, kann noch stärker eine performative Theologie treten, die anders von Gott redet und mit ihrem Reden den, der sich darauf einlässt, auf Gott hin verändert. So könnte Religion mit Impulsen aus der Mystik zu einer lebendigen Gottesbeziehung als Fundament des Glaubens beitragen und einzelne Gläubige wie die Glaubensgemeinschaft in ihren unterschiedlichen Erwartungen, Enttäuschungen, Erfahrungen und Formen der Gottesbeziehung  stärken. Mit dieser Grundeinstellung könnte Religion auch auf diejenigen stärker zugehen, die sich vor allem an der Organisationsform und Hierarchie der Kirche stören.

Obwohl es die Mystik bereits seit Jahrhunderten gibt, kann sie also für die Zukunft des Glaubens eine entscheidende Rolle spielen. Denn die Suche nach dem mit Worten wie menschlichen Gedanken unerreichbaren Gott wird Menschen weiter beschäftigen.

Von Christoph Paul Hartmann