Kardinal Marx: Gottesdienstverbote sind sehr gut begründet
Münchner Erzbischof im Interview über Ostern in Corona-Zeiten

Kardinal Marx: Gottesdienstverbote sind sehr gut begründet

Mit 66 Jahren gehört Kardinal Reinhard Marx zur Corona-Risikogruppe. Fürchtet er sich vor einer Ansteckung und geht er noch vor die Tür? Wie steht er zum Gottesdienstverbot und zu den Klagen dagegen? Und welche Folgen hat die Pandemie für die Kirche? Ein Oster-Interview.

Von Christoph Renzikowski (KNA) |  München - 09.04.2020

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx (66) verlässt zurzeit nur noch einmal am Tag das Haus - um im Liebfrauendom Gottesdienst zu feiern, der dann live gestreamt wird. Im Oster-Interview stellt er sich hinter die staatlichen Gottesdienstverbote - in der Hoffnung, dass in wenigen Wochen wieder öffentliche Messen stattfinden können.

Frage: Herr Kardinal, mit 66 Jahren gehören Sie zur Risikogruppe. Fürchten Sie eine Ansteckung mit dem Coronavirus?

Marx: Sicher kann man nie sein, aber wir halten uns so gut wie möglich an die Regeln. Ich lebe im Bischofshaus mit zwei Ordensschwestern zusammen und bleibe weitgehend zuhause. Wir können aber ganz gut weiter hier arbeiten, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier oder im Homeoffice. Vieles lässt sich per E-Mail, Telefon und Videokonferenz erledigen. Aber die größte Sorge für uns alle ist ja nicht, dass wir uns anstecken, sondern dass wir andere schützen wollen!

Frage: Wie oft verlassen Sie derzeit noch Ihre vier Wände?

Marx: Eigentlich nur, um in den Dom zu gehen, wo ich jetzt in der Karwoche und an Ostern täglich in ganz kleiner Besetzung Messe feiere, die live gestreamt wird und die auf der Homepage des Erzbistums und auf unserem Facebook-Auftritt zu sehen ist.

Frage: In den Evangelien der Kar- und Ostertage gibt es unter den Jüngern Jesu nicht viele tapfere Männer: Sie verraten und verleugnen ihren Herrn, verschlafen seine Todesangst, fliehen vor dem Kreuz. Ist die Kirche gerade mutig genug?

Marx: Ich denke, sie tut das, was ihre Aufgabe ist: das Evangelium zu verkünden. Wir können das jetzt nicht in öffentlichen Gottesdiensten tun, aber wir haben eine Menge anderer Möglichkeiten. Die digitalen Medien eröffnen neue Chancen, die wir verstärkt nutzen wollen, auch für die Verkündigung. Hier ist noch viel Potenzial. Ich habe sogar den Eindruck, dass viele Menschen offener für unsere Botschaft werden. Krisenzeiten wie diese lassen die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens spürbar werden. Aber es wird auch nach einer Hoffnung gesucht, die stärker ist als Verzweiflung und Angst.

Frage: Es gibt Christen, die ziehen gegen das Verbot öffentlicher Gottesdienste vor Gericht. Was halten Sie davon?

Marx: Staatliche Vorschriften gibt es inzwischen weltweit. Uns ist ein sehr gut begründeter Rahmen gesetzt, da haben wir als Bischöfe keine Veranlassung gesehen, diesen Anordnungen nicht zu folgen. Der Heilige Vater hält sich auch daran. Aber klagen kann natürlich jeder, der will.

Frage: Wenn man in Supermärkten Sicherheitsabstände organisieren kann, warum soll das nicht auch in einer Kirche gehen?

Marx: Diese Debatte kommt mir etwas merkwürdig vor. Dann müsste man die Zahl der Gottesdienstbesucher beschränken und all das auch kontrollieren. Die Vorschriften betreffen alle Religionsgemeinschaften und alle anderen Gruppen. Die Supermärkte sind offen, damit sich die Leute mit dem Lebensnotwendigen versorgen können. Und bei uns bleiben die Kirchen ja auch offen für das persönliche Gebet.

Frage: Sakramente sind das wichtigste Lebensmittel der katholischen Kirche. Sie werden kaum mehr gespendet. Wie lange geht das gut, ohne dass es die Substanz des Glaubens gefährdet?

Marx: Die Substanz des Glaubens ist der Glaube selbst. Gott ist größer als Kirche und Sakramente. Der Verzicht auf die gemeinschaftliche Eucharistie ist bitter, und ich hoffe natürlich, dass wir sie sehr bald wieder feiern können. Sie ist für uns die Mitte des Glaubens. Ich gehe fest davon aus, dass das in absehbarer Zeit wieder möglich sein wird. Wir sprechen ja hier nicht über Monate und Jahre, sondern über einige Wochen. Vielleicht können wir aber gerade besonders spüren, wie wir alle als Getaufte gemeinsam Kirche sind, wie wir im Gebet verbunden sind und wie sehr uns die Sakramente fehlen.

Eine leere Kirche (Symbolbild)

Leere Kirchenbänke werden bei den Gottesdiensten der Kar- und Ostertage die Realität sein.

Frage: Welches Sprichwort liegt ihnen gerade näher: Not lehrt beten oder Not macht erfinderisch?

Marx: Ich habe keine Sprichwörter im Kopf, sondern Bibelworte: "Ich bin bei euch alle Tage" und "Der Herr ist mein Hirte, nichts soll mir fehlen".

Frage: Die Pandemie zwingt Staat und Gesellschaft zu einer strikten Priorisierung. Alles hat sich der Maßgabe unterzuordnen, dass die Ausbreitung des Virus verlangsamt wird. Stimmen die Prioritäten in der aktuellen Reformdebatte der katholischen Kirche?

Marx: Zurzeit scheint die Hauptfrage zu sein: Wann können wir wieder da anknüpfen, wo wir vor der Corona-Krise aufgehört haben? Ich kann die Sehnsucht nach einer Rückkehr in das gewohnte Leben sehr gut verstehen. Aber was lernen wir denn aus der Krise? Was heißt es, dass wir als Menschheit eine Schicksalsgemeinschaft sind? Das wird überhaupt zu wenig bedacht.

Frage: Sie hatten ja schon einige Wochen Zeit zum Nachdenken. Wo können wir auf gar keinen Fall so weitermachen?

Marx: Wann hat eine Pandemie diesen Ausmaßes den ganzen Globus ergriffen? Ich habe das noch nicht erlebt. Corona muss unseren Blick schärfen für das, was wirklich wichtig ist. Zum Beispiel, dass wir zentrale Elemente der Daseinsvorsorge wie das Gesundheitswesen nicht dem Markt überlassen können. Die Klimadebatte ist auch nicht vom Tisch, im Gegenteil. Sie zeigt doch in dieselbe Richtung: Der entfesselte globale Kapitalismus ist nicht der Weg. Wir sollten jetzt seine sozialen, politischen und ökologischen Folgen aufarbeiten und über eine neue, wirklich nachhaltige Ordnung nachdenken, die möglichst allen Menschen nützt.

Frage: Und was heißt das für die Kirche?

Marx: Die Kirche hat eine Botschaft für alle Menschen. Sie muss jetzt neu ihre Sendung begreifen. Sie kann sich nicht in eine museale Vergangenheit zurückziehen. Wir müssen uns fragen, warum wir manchmal so sehr an alten Vorstellungen und Traditionen hängen, die aber heute nichts mehr zu sagen haben und für die Zukunft der Menschheit auch keine Rolle spielen. Die Kirche kreist immer noch zu sehr um sich selbst, wie der Heilige Vater immer wieder betont.

Frage: Zu Ihren Aufgaben in Rom: Finden die nächsten K-6-Treffen per Videoschalte statt oder ist die Kurienreform abgeschlossen?

Marx: Wir haben jetzt die Sitzungen ausfallen lassen, gehen aber davon aus, dass sie im Juni wieder stattfinden können, auch der Wirtschaftsrat. Für die Kirche in Deutschland wie auch den Heiligen Stuhl stellt Corona eine große finanzielle Herausforderung dar. Die Einnahmeverluste werden womöglich groß sein. Das kann Konsequenzen für kirchliche Institutionen haben. Und wir wollen ja in dieser Krise auch helfen, und zwar weltweit. Da werden wir wohl auf manches bei uns verzichten müssen.

Frage: Muss der Vatikan den Bankrott fürchten?

Marx: Das denke ich nicht. Aber der Heilige Stuhl wie auch die Kirche bei uns können ja keine Schulden machen oder Steuern erhöhen, wie es der Staat kann. Auch da wird sich die Frage stellen: Was lernen wir aus der Krise und wo stellen wir uns neu auf? Wo sind unsere Prioritäten?

Frage: Wenn Sie in der Osternacht die Kerze entzünden und den Ruf "Christus, das Licht" anstimmen - wer wird Ihnen antworten?

Marx: Ein Diakon ist da, auch eine kleine Schola. Alles in Absprache und im vorgegebenen Rahmen. Was ich spüre an der Resonanz der übertragenen Gottesdienste: Die Menschen, die sich einklinken, feiern wirklich mit. Auch wenn das natürlich kein Ersatz ist für eine leibhaftige Versammlung der Gottesdienstgemeinde. Wir sollten dabei auch im Blick haben: Wir feiern die Gottesdienste ja nicht für uns selbst, sondern als Dienst an allen Menschen. Gottesdienst und Caritas gehören immer zusammen! Die Eucharistie wird wirksam im Leben, gerade in diesen Tagen und zu Ostern!

Von Christoph Renzikowski (KNA)