Ein Kardinal
Nach Ernennung von Luis Antonio Tagle zum Kardinalbischof

Beförderungen im Vatikan: Bereitet Franziskus seine Nachfolge vor?

Bereitet Papst Franziskus bereits das nächste Konklave vor – und hat er dabei einen bestimmten Nachfolger im Sinn? Diese Fragen stellten sich Vatikan-Experten, als der Kirchenstaat vor Kurzem einige Personalentscheidungen bekannt gab. Vor allem die Beförderung von Kardinal Tagle sorgte für Aufsehen.

Von Roland Müller |  Vatikanstadt - 13.05.2020

"Das habe ich nicht erwartet." Mit diesen Worten reagierte Kardinal Luis Antonio Tagle in einer Video-Botschaft auf seine Beförderung innerhalb des Kardinalskollegiums. Papst Franziskus hat den philippinischen Erzbischof vor Kurzem zum Kardinalbischof ernannt und damit in den Leitungszirkel der derzeit 222 Purpurträger berufen. "Ich weiß, dass ich dabei nicht allein bin", begründete Tagle seine Einwilligung in die Übernahme dieser neuen Aufgabe – und in der Tat gibt es neben ihm derzeit 13 weitere Kardinalbischöfe.

Sie stellen die oberste der drei Klassen dar, in die sich das Kardinalskollegium unterteilt. Entsprechend der sakramentalen Weihestufen gibt es ferner Kardinalpriester und Kardinaldiakone. Diese Ordnung ist jedoch eine reine Ehrenrangfolge und geht auf die Zeit zurück, als der Bischof von Rom noch von Klerus und Volk in sein Amt gewählt wurde. Weil der bestimmte Kandidat durch die Oberhirten der umliegenden Bistümer geweiht wurde, hat sich zudem die Tradition erhalten, sechs Kardinalbischöfe zu ernennen, denen eine dieser sogenannten suburbikarischen Diözesen ehrenhalber zugeordnet wird.

Da die Anzahl der Kardinäle insgesamt in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen ist, wurde auch die Klasse der Kardinalbischöfe mit der Zeit erweitert. 1965 kamen mit Rom unierte orientalische Patriarchen hinzu und 2018 beförderte Papst Franziskus erstmals vier Purpurträger mit einem einmaligen Erlass in den Rang eines Kardinalbischofs. Diese Ernennungen wurden damals unter Vatikan-Experten als Weichenstellung für die nächste Papstwahl gewertet. Denn die Kardinalbischöfe wählen aus ihrer Mitte den Kardinaldekan für eine Amtszeit von fünf Jahren.

Papst Franziskus mit Kardinal Luis Antonio Tagle und Migranten

Papst Franziskus begrüßt mit Kardinal Luis Antonio Tagle Migranten auf dem Petersplatz im Vatikan.

Auf den ersten Blick scheint der Einfluss des Kardinaldekans gering: Er leitet zwar das Kardinalskollegium, hat als "primus inter pares" aber keinerlei Weisungsbefugnis über die anderen Kardinäle. Bei Tod oder Rücktritt eines Papstes kommen ihm jedoch besondere Funktionen zu. So ruft der Kardinaldekan die Kardinäle nach Rom, leitet die täglichen Treffen bevor das Konklave startet und steht der Papstwahl vor. Seit 2019 kann der Dekan des Kardinalskollegiums auch einer der Kardinalbischöfe sein, die keinen der suburbikarischen Titelsitze bekleiden. Derzeit übt Kardinal Giovanni Battista Re dieses Amt aus. Da er aufgrund seines Alters von 86 Jahren bereits nicht mehr zu den Papstwählern gehört und daher auch nicht bei einem Konklave dabei ist, übernimmt sein Vertreter, der Kardinalsubdekan die Leitung einer Papstwahl. Aktuell hat dieses Amt Kardinal Leonardo Sandri inne.

Die jüngst verkündete Beförderung von Tagle erfolgte gemeinsam mit der Ernennung von Beniamino Stella zum Kardinalbischof. Kurienkardinal Stella, der als einer der einflussreichsten Berater des Papstes gilt, erhielt den traditionellen Titelbischofssitz von Porto-Santa Rufina. Tagle hingegen wurde, wie schon die vier Kardinäle 2018, durch ein Reskript zum Kardinalbischof bestimmt. Diese Entscheidung des Papstes wurde von Beobachtern als eine persönliche Auszeichnung von Franziskus für den philippinischen Geistlichen gewertet. Einige Kommentatoren, meist aus dem ultrakonservativen kirchlichen Spektrum, gingen sogar so weit, den bereits seit Jahren als möglichen Papstkandidaten geltenden Tagle als Nachfolger für Franziskus ins Gespräch zu bringen, um so dem Papst vorzuwerfen zu können, seine eigene Nachfolge vorzubereiten.

Franziskus beruft Vertraute an entscheidende Stellen

Tatsächlich gilt Tagle als enger Vertrauter von Franziskus, da er dessen Bestrebungen nach einer Stärkung der synodalen Strukturen der Kirche unterstützt und sich eine weltkirchlichere Ausrichtung des Vatikan wünscht. Nicht umsonst ernannte ihn der Papst vergangenes Jahr zum Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Der Inhaber dieses Amtes wird auch als "roter Papst" bezeichnet wird, da sein Dikasterium umfassende Befugnisse in den Territorialprälaturen hat und damit einen großen Einfluss in der Weltkirche besitzt. Franziskus wegen seiner Förderung Tagles vorzuwerfen, einen favorisierten Nachfolger aufzubauen, halten viele Vatikan-Journalisten hingegen für überzogen. Denn schon das Konklave von 2013 hat mit der Wahl von Papst Franziskus gezeigt, dass sich die Kardinäle nicht immer für die von den Medien ins Gespräch gebrachten Papabile entscheiden.

Franziskus versteht es als seinen Auftrag, die Strukturen der Kirche zu erneuern, was sich etwa in der Kurienreform zeigt, die kurz vor dem Abschluss steht. In der Beförderung von Tagle könnte sich der Wunsch des Papstes nach einer Erneuerung des Kardinalskollegiums und eines künftigen Konklaves ausdrücken. Hierbei hat er bislang nicht auf eine Veränderung der Strukturen gesetzt, etwa durch eine generelle Erhöhung der Anzahl der Kardinalbischöfe. Vielmehr scheint es ihm wichtig zu sein, bewusst Vertrauenspersonen an entscheidenden Stellen zu platzieren, die seine Idee von einer Kirche teilen, die an die Ränder geht – wie etwa Kardinal Tagle.

Von Roland Müller